Als im Januar bekannt wurde, dass 300 Mitarbeitende des UN-Entwicklungsprogramms UNDP aus New York nach Bonn umziehen sollen, überboten sich das Auswärtige Amt und das Entwicklungsministerium, das Land Nordrhein-Westfalen sowie die Stadt Bonn mit Freudenbekundungen. Die Bundesregierung sah sich mit ihrem Gewicht in der globalen Entwicklungspolitik und als Verfechter der multilateralen Ordnung gewürdigt. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, begrüßte die Stärkung des wichtigsten deutschen UN-Zentrums Bonn, in dem die Entwicklungspolitik künftig „noch wirkungsvoller mitgestaltet werden“ könne.
Tatsächlich steigt Deutschlands Bedeutung im UN-System, obwohl seine freiwilligen Beiträge seit 2023 sinken. Denn die USA reißen in der zweiten Amtszeit Donald Trumps enorme Lücken, nicht nur in der Entwicklungsarbeit. Beim regulären UN-Haushalt ist Deutschland seit langem der viertgrößte Geber und der größte für das UNDP, das sich zu 80 Prozent aus freiwilligen Zuwendungen finanziert. UN-Generalsekretär Antonio Guterres muss im laufenden Jahr mit etwa einem Fünftel weniger Geld auskommen als 2025.
Seit März 2025 setzt er den Reformplan UN80 um, der den Apparat verschlanken soll. Dazu gehört, die globale Präsenz kosteneffizienter zu gestalten, also zu sparen, und die Zentralisierung abzubauen. Dafür werden Funktionen aus teuren Standorten wie New York City oder Genf in kostengünstigere regionale Zentren wie Nairobi oder Bangkok verlagert. So steigt Kenias Hauptstadt zu einem der wichtigsten UN-Quartiere auf, wenn bis Ende 2026 die Zentralen des Kinderhilfswerks UNICEF, des Bevölkerungsfonds UNFPA und der Gleichstellungseinheit UN Women mit zusammen 800 Dienststellen von New York dort hinziehen. Als weitere Umzugsziele sind Budapest, Rom, Istanbul, Valencia und Florenz im Gespräch.
Entscheidungen sollen in den globalen Süden verschoben werden
Zugleich sollen im Zuge der Dezentralisierung Entscheidungsbefugnisse zu Führungskräften vor Ort und nationalen Koordinatoren verschoben werden – also in den globalen Süden –, um schneller auf Krisen reagieren zu können. So wurden Anfang des Jahres Regionalbüros in Afrika, Lateinamerika, arabischen Staaten, Zentraleuropa sowie in Asien und der Pazifikregion verstärkt.
Das UNDP ist in rund 170 Ländern tätig und beschäftigt etwa 22.000 Mitarbeiter. Dass nun Bonn im Werben um einen erheblichen Teil seiner Zentrale Optionen wie Nairobi ausgestochen hat, liegt wohl an Kostenvorteilen als auch an der öffentlichen Sicherheit und an Erfahrung. Bund und Stadt wollen offenbar Betriebsflächen im ehemaligen Regierungsviertel bereitstellen. In und um das ehemalige Abgeordnetenhaus des Bundestags „Langer Eugen“ sind bereits 1200 UN-Bedienstete in 27 Einrichtungen tätig, darunter das zum UNDP gehörende UN-Freiwilligenprogramm und seit November 2025 eines von drei globalen Büros von UN Women.
Bonn hat mit vorhandener Infrastruktur, internationaler Anbindung und weltoffener Verwaltung geworben, etwa mit sogenannter Ansiedlungsbegleitung vom Amt für Internationales der Stadt, das geübt ist in spezialisierter Serviceleistung für internationale Organisationen und die Integration von Mitarbeitenden. Nach Informationen des Bonner „Generalanzeiger“ hat eine Taskforce aus Auswärtigem Amt, NRW-Staatskanzlei und Stadt Bonn seit Juni 2025 die Argumente für die Vorzüge Bonns für Arbeiten und Wohnen gebündelt. Das UNDP selbst erklärt, der Schritt sei „Teil der laufenden Bemühungen, sich an eine Finanz- und Entwicklungslandschaft im Wandel anzupassen“.
Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Dezentralisierung und des UNDP-Umzugs an den Rhein äußert Patrick Rosenow von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN). Insgesamt bringe das keinen Vorteil für die Vereinten Nationen. In Bezug auf die Kosten etwa dürfte es ein Nullsummenspiel bleiben; die Verlagerung nach Bonn sei wohl ein Kompromiss. Denn kurzfristig entstünden umzugsbedingt höhere Kosten, mittelfristig steige der Aufwand für die Koordinierung unterschiedlicher UN-Standorte in verschiedenen Zeitzonen. Die Dezentralisierung schwäche das UN-System, meint Rosenow. Er spricht von einem „politischen Signal des Generalsekretärs, das suggerieren soll, dass er handlungsfähig ist, das aber kaum mehr als eine Scheinlösung bringt“.
Für das Kiel Institut für Weltwirtschaft spricht aus dem Umzug auch Anerkennung für Deutschland als verlässlicher UN-Partner, während die USA sich zurückzögen und China seinen Einfluss in der Entwicklungszusammenarbeit stark ausbaue. Der Umzug sei für Deutschland ein „strategischer Gewinn“ und eine Chance, geopolitisches Kapital zu heben und globale Standards zu prägen, sagte Entwicklungsökonom Rainer Thiele dem „Generalanzeiger“.
Auf eine engere Kooperation des UNDP mit in Bonn ansässigen NGOs, Netzwerken und wissenschaftlichen Einrichtungen hoffen manche seiner bestehenden Partner. Die Leiterin des Center for International Peace Operations (ZIF), Astrid Irrgang, erwartet von „dem großartigen Boost des deutschen UN-Campus“ eine Stärkung von Bonn als Drehscheibe der Entwicklungszusammenarbeit. Das ZIF stehe weiter bereit, Fachleute im zivilen internationalen Krisenmanagement in UN-Missionen zu entsenden. Auf engere Zusammenarbeit des UNDP mit dem Klimasekretariat UNFCCC und anderen in Bonn sitzenden UN-Einrichtungen setzt Laura Schäfer, Co-Leiterin Internationale Klimapolitik bei Germanwatch. Der Umzug des UNDP könne das Kooperationsformat zum Klima, an dem die UN, die Bundesregierung, die Stadt und zivilgesellschaftliche Organisationen beteiligt seien, bereichern.
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