Mit innovativen Apps aus der Krise

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Zwei Männer im Gespräch am Schreibtisch mit Laptop; bunte Notizzettel an der Wand eines Start-ups in Damaskus
Rishabh Jain
Mitarbeiter der digitalen Bildungsplattform Quizat in ihrem Büro in Damaskus. Der Mangel an Schulen und Nachhilfemöglichkeiten in Syrien macht ihr Angebot attraktiv.
Syrien nach dem Bürgerkrieg
In Syrien entsteht trotz zerstörter Infrastruktur eine neue Generation von Start-ups. Ob Fahrdienste wie YallaGo oder Bildungs-Apps wie Quizat: Syrische Gründer nutzen den Mangel als Motor für technologische Innovation und sozialen Wandel.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat die Wirtschaft des Landes zerstört, seine Erwerbsbevölkerung dezimiert und ganze Städte ohne zuverlässige Stromversorgung oder funktionierenden öffentlichen Verkehr zurückgelassen. Dass die syrische Technologiebranche das nicht nur überleben, sondern dabei sogar wachsen würde, schien kaum vorstellbar. Und doch haben in Damaskus, Homs, Latakia und Aleppo vor Ort entwickelte Plattformen für Transport, Bildung und Lieferdienste Fuß gefasst – und sind im Alltag vieler Syrerinnen und Syrer unverzichtbar geworden.

Die Betriebsmodelle der Tech-Plattformen YallaGo (Fahrdienst), Quizat (Bildungsapp) und BeeOrder (Lebensmittel-Lieferdienst) beruhen auf den Schwächen des Systems: ein schwaches Internet und eine unzuverlässige Stromversorgung, geringe Kaufkraft und eingeschränkter Bankenzugang. Statt auf bessere Bedingungen zu warten, stellten sich die Gründer von Anfang an auf ein Scheitern ein. Das daraus hervorgegangene Tech-Ökosystem ist fragil und zugleich in hohem Maße an die Realitäten des YallaGo: Digitale Sicherheit im syrischen TaxisystemLandes angepasst.

Nach dem Fall des Bashar-al-Assad-Regimes Ende 2024 und der Aufhebung der Sanktionen Mitte 2025 öffnet sich Syrien für neue Möglichkeiten. Doch schon lange davor hatten örtliche Technologieunternehmen begonnen, die Lücken der zusammenbrechenden staatlichen Infrastruktur zu füllen.

YallaGo: Digitale Sicherheit im syrischen Taxisystem

Bevor etwa Ende 2018 YallaGo entstand, war das syrische Taxisystem unreguliert und häufig unsicher. Vor allem Frauen sahen sich mit Belästigung, Erpressung und unberechenbaren Fahrpreisen konfrontiert. Gründer Khaled Moustafa sieht in diesem Mangel an Sicherheit und Transparenz einen wichtigen Ansporn für eine digitale Lösung: So führte YallaGo zum ersten Mal Vorab-Fixpreise, GPS-Tracking, Wegstreckenzähler und Fahrerhaftung ein. Die Plattform arbeitet ähnlich wie Uber oder Careem, sie ist aber an syrische Bedingungen angepasst. 

Wie Uber oder Careem verbindet YallaGo Fahrer und Passagiere über eine mobile App. Anders als diese Plattformen wurde es aber speziell für eine – wegen des fehlenden Zugangs zu globalen Zahlungssystemen – auf Barzahlung basierende Wirtschaft, ständig unterbrochenen Internetzugang und chronische Treibstoff- und Stromknappheit erdacht. Die Nutzung des Fahrdienstes breitete sich so rasch aus, dass für viele Syrer „ein YallaGo rufen“ inzwischen als Oberbegriff für „einen Fahrdienst bestellen“ gilt. Das Unternehmen geht davon aus, dass über 35.000 Familien ihren Lebensunterhalt über die Plattform bestreiten, die wiederum in den großen Städten von über einer Million Menschen genutzt werde. 

Der Krieg, die internationalen Sanktionen und der Zusammenbruch der syrischen Wirtschaft formten die Unternehmens-DNA von Anfang an. Dass Moustafa teilweise von Dubai aus agierte, verschaffte ihm Zugang zu internationalen Business-Tools, während der Betrieb in Syrien mitsamt Personal, Fahrern und Kunden ständig mit den Herausforderungen vor Ort konfrontiert war. Die App ist deshalb extrem datenarm, funktioniert auch bei unterbrochener Verbindung und stützt sich auf GPS, das unabhängig vom Internet arbeitet, erläutert Moustafa. Sogar in einer Zeit, als die Regierung die Server von YallaGo ganz abschaltete, habe öffentlicher Druck auf sozialen Medien und Kundenbetreuungskanälen die Behörden dazu gebracht, sie nach nur einem Tag wieder anzuschalten.

Ein Managementstil für das Überleben im Alltag

Der Kundenkreis ist ein Abbild der fragmentierten Wirtschaft Syriens. Regierungsangestellte nutzen die App, weil der öffentliche Verkehr nach wie vor unzuverlässig ist; Studierende bauen in hohem Maße auf ihre Sicherheit; Frauen lehnen die Benutzung klassischer Taxis oft gänzlich ab, und Mittelschichtfamilien schätzen die berechenbaren Fahrpreise. Suha Khaddour wiederum, eine 51-jährige ehemalige Bereichsleiterin bei Syrian Telecom, fährt jetzt bei YallaGo, um ihre Familie zu ernähren. 

Autor

Rishabh Jain

ist freier Journalist und Dokumentarfilmer in Indien. Er arbeitet zu Fragen der Menschenrechte, des Klimawandels und nachhaltiger Entwicklung.

Die einzigen Bedingungen, die Fahrerinnen und Fahrer erfüllen müssen: Sie müssen ein Auto besitzen oder eins benutzen können, grundlegende Fahrzeug- und Verhaltenschecks absolvieren, ein Smartphone verwenden und minimale Sicherheits- und Sauberkeitsstandards erfüllen. Bildungsvoraussetzungen gibt es keine, weshalb die Plattform Rentner, Studierende und geflüchtete Fachkräfte gleichermaßen anzieht. „Das alltägliche Wirtschaftsleben in Syrien ist ein Kampf um Kontinuität und Überleben“, sagt Khaddour. „YallaGo hatte Erfolg, weil die Plattform ihren eigenen Managementstil verfolgte und weil sie Probleme löste, wo sonst niemand es tat.“ 

Khaddour setzt auf YallaGo, auch wenn ihr aufgrund gesellschaftlicher Normen Fahrten bei Nacht oder in bestimmten Vierteln untersagt sind. Dennoch verschafft der Job ihr Arbeit und Einkommen.  

Quizat: Digitales Lernen gegen den Bildungsnotstand

Während Transport-Apps entstanden, weil das öffentliche Verkehrswesen kollabierte, sind Bildungsplattformen wie Quizat eine Antwort auf zerfallende Schulen und eine überlastete Nachhilfeindustrie. Vor allem für Schülerinnen und Schüler am Übergang in weiterführende Schulen und für diejenigen, die sich auf staatliche Hochschulzugangsprüfungen vorbereiten, ist das digitale Lernen zu einer Rettungsleine geworden. „Als wir Quizat gründeten, wollten wir eine deutliche Lücke im syrischen Bildungssystem schließen“, sagt Mitgründer Hamza Hourani. „Wir brauchten spannende, interaktive Tools, aber auch eine Plattform, die in einer instabilen Umgebung arbeiten konnte.“ 

Quizat wurde speziell für ein Umfeld mit geringer Bandbreite und schlechter Stromversorgung konzipiert. Der Inhalt ist komprimiert, die Anwendung läuft problemlos auf älteren Smartphones, und wenn die Verbindung abreißt, baut die App sich schnell wieder auf. Im Verlauf der letzten zwei Jahre ist die Nachfrage steil gestiegen, denn digitales Selbststudium setzt sich allmählich durch und Familien suchen nach stabilen Alternativen zu kostspieligem Privatunterricht. Den größten Nutzeranteil bilden Schülerinnen und Schüler vor der Abschlussprüfung, doch nach Houranis Einschätzung expandiert die Nutzung im selben Maße, wie mobile Daten sich ausbreiten. 

Auf einem Markt in Damaskus bietet ein Händler Smartphones an. Viele Apps syrischer Tech-Dienstleister sind so konstruiert, dass sie auch auf alten Geräten gut laufen.

Frauen als neue Säule der Technologiebranche

Quizat spiegelt eine weitere große Veränderung innerhalb von Syriens Technologiesystem wider: Mehr Frauen gehen arbeiten. „Die Mehrheit unserer Teammitglieder sind Frauen“, sagte Hourani. „Der Krieg zwang viele junge Männer, das Land zu verlassen oder sich dem Wehrdienst zu entziehen, was Frauen die Tür ins Berufsleben öffnete.“ Deshalb seien Frauen zu einer wesentlichen Säule seines Unternehmens geworden: „Sie entwickeln und pflegen die App, erstellen und kuratieren Fragendatenbanken und prüfungsähnliche Quiz, stimmen sich mit leistungsstarken Schülern ab, die Videos beitragen, und beaufsichtigen die Anwenderbetreuung und den Betrieb der Plattform.“ Allerdings bietet die App keinen Online-Klassenunterricht an; stattdessen liegt der Fokus auf dem Lernen im eigenen Tempo, aufgezeichneten Erklärungen und Praxistests, die für die Anwendung bei geringer Bandbreite optimiert sind.

Daten der community-basierten Organisation Startup Syria zeigen, dass 2025 der Anteil der Start-ups in Frauenhand von nur 4,4 Prozent auf 34,7 Prozent gestiegen ist. Der 18-jährige Nour Aldeen Zaree wiederum, ein ehemaliger Quizat-Anwender, der heute ehrenamtlich an Lehrvideos für die Plattform mitwirkt, will mit seiner Erfahrung anderen Schülern helfen, die besten Noten zu erreichen. Der Kern des Quizat-Teams besteht aber aus festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wie viele junge Syrerinnen und Syrer betrachtet Zaree digitale Plattformen nicht nur als Dienstleister, sondern auch als Communities – Orte, an denen Schüler in einem stark belasteten System Strategien und Motivation austauschen können.

BeeOrder: Lokale Lieferketten trotz Treibstoffmangel

Die Lebensmittel-Bestellplattform BeeOrder entstand in einer Zeit, als Syriens Lebensmittellieferketten häufig durch Treibstoffmangel und Straßensperrungen unterbrochen wurden. Statt ein herkömmliches Liefernetzwerk aufzubauen, dessen Routen sich über die ganze Stadt erstrecken, begrenzte BeeOrder seine Tätigkeit auf jeweils exakt definierte Viertel, in denen Kuriere nahe gelegene Läden und Haushalte beliefern und so den Spritverbrauch senken und die Verlässlichkeit sichern. Damit bleibt die Planbarkeit auch in Zeiten eingeschränkter Mobilität erhalten.

Inzwischen bietet das Unternehmen auch Workshops an, in denen junge Leute lernen, wie man ein Start-up konzipiert und gründet – eins der wenigen strukturierten Angebote im Technologiebereich, die es in Damaskus gibt. In einem Land, wo Schulbildung immer wieder unterbrochen wurde, tragen diese Trainingsinitiativen dazu bei, unter jungen Syrerinnen und Syrern praxistaugliche Kompetenzen aufzubauen.

Maßgeschneidert für den Mangel: Technik, die immer funktioniert

BeeOrder wurde ebenso wie YallaGo und Quizat unmittelbar aus dem Mangel heraus konzipiert. Lieferungen werden so geplant, dass sie möglichst wenig Treibstoff verbrauchen. Die Plattform läuft mit minimalem Datenaufwand. Gezahlt wird in bar. Diese sich anpassenden Systeme spiegeln ein umfassenderes Muster wider: Die technologische Innovation des Landes gedeiht, solange sie Einschränkungen als Entwicklungsprinzip und nicht als Hindernis behandelt. Gründer in Syrien beschreiben immer wieder einen paradoxen Vorteil: Sanktionen und Isolation zwangen syrische Start-ups, ihre eigenen technischen Lösungen zu entwickeln, statt auf die globale Infrastruktur zu bauen. Diese, wenn auch belastende Einschränkung hatte Expertise in Offline-First-Architektur, Bargeldverwaltung, Fahrerlogistik und Bandbreitenoptimierung zur Folge – alles Fähigkeiten, die vielen internationalen Konkurrenten fehlen. 

In Syrien ist die Smartphone-Verbreitung, selbst in einkommensschwachen Regionen nach wie vor hoch, und das mobile Internet arbeitet oft zuverlässiger als die Festnetzinfrastruktur. Laut Daten von DataReportal haben im Jahr 2023 rund 36 Prozent der Syrerinnen und Syrer das Internet genutzt, was auf eine erhebliche digitale und mobile Akzeptanz trotz schwacher Infrastruktur hindeutet. Das schafft eine Umgebung, in der digitale Plattformen Nutzer aus verschiedenen Einkommensschichten erreichen können, vor allem, wenn die Angebote bezahlbar und für geringen Verbrauch konzipiert sind. 

Gleichzeitig schuf die Gig Work neue Formen informeller Beschäftigung. Manchen, etwa jüngeren Fahrern und Studierenden, bieten diese Plattformen ein vernünftiges Einkommen. Anderen wie Khaddour verschaffen sie zusätzliche Unterstützung für Haushalte, die mit galoppierender Inflation und schwankenden Löhnen zu kämpfen haben.

Syrische Diaspora: Investitionen in den Wiederaufbau

Schließlich ist das Wiederaufleben der Technologiebranche in Syrien eng mit dessen weltweiter Diaspora verbunden. Im Februar 2025 organisierte eine Gruppe syrischer Unternehmer aus dem Silicon Valley die größte je in Damaskus abgehaltene Tech-Konferenz. Nach Jahren der Isolation kehren Gründer aus der globalen Diaspora mit Kapital, Mentorenprogrammen und Netzwerken zurück; zu alldem hatten syrische Start-ups bis dahin keinen Zugang. 

YallaGo-Gründer Moustafa betont die Bedeutung dieses Netzwerks. Geld aus der Diaspora mache heute mehr als die Hälfte aller Investitionen in syrische Start-ups aus. Und: „Es gibt eine starke Verantwortung, diejenigen zu unterstützen, die hiergeblieben sind.“ Fürsprache aus der Diaspora war auch Teil jener umfassenden internationalen Diskussionen, die der teilweisen Aufhebung der Sanktionen Mitte 2025 vorausgingen. Während das Land sich nun öffnet, verstehen sich Gründer zunehmend nicht nur als Geschäftsinhaber, sondern als Menschen, die zum nationalen Wiederaufbau beitragen. 

Innovation als Zeichen der Resilienz

Quizat-Mitbegründer Hourani ist überzeugt, dass Bildung für diesen Wiederaufbau von entscheidender Bedeutung ist. „Indem wir leicht zugängliches Lernen ermöglichen, tragen wir dazu bei, eine stärkere Generation heranzuziehen, die in der Lage ist, die technologische Zukunft Syriens mitzugestalten.“

Das Wiederaufleben der syrischen Technologiebranche beseitigt weder das gewaltige Ausmaß der Wirtschaftskrise noch die tiefen Wunden des Krieges. Nach wie vor ist die Stromversorgung unzuverlässig, die Inflation hoch, die Infrastruktur schwach, und noch immer verlassen viele Syrer das Land. Doch die heute entstehenden Unternehmen sind Abbild eines Mentalitätswandels. Sie weisen den Gedanken, in fragilen Staaten sei Innovation unmöglich, zurück. Sie widersprechen dem Narrativ, Syrien sei einzig und allein durch eine humanitäre Krise bestimmt. Und sie führen vor, wie Resilienz, Notwendigkeit und lokales Wissen unerwartete Formen des Fortschritts hervorbringen können. 

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller
 

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erschienen in Ausgabe 1 / 2026: Ab in die Schule
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