Nur der Investitionshunger wird gestillt

Ein Artikel im „Wallstreet Journal“ von Anfang September kürt das internationale Agrobusiness zum Retter aus der globalen Nahrungsmittelkrise. Dass nur private Konzerne den Hunger in der Welt zu stillen vermöchten, wird dort zwar nicht zum ersten Mal behauptet. Aufhorchen lässt aber, dass dieses Mal die Spitzen zweier öffentlicher Entwicklungsagenturen dem Privatsektor die Schlüsselrolle für die Ernährungssicherung in Armutsregionen zuschreiben.

José Graziano da Silva, seit diesem Jahr Direktor der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), und Suma Chakrabarti von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) fordern in dem Zeitungsartikel den Privatsektor auf, seine Investitionen in Land zu verdoppeln. Kritiker aus sozialen Bewegungen und nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) entgegnen  dem, das sei ein Aufruf zu noch mehr Land Grabbing (Landraub) weltweit. Will ausgerechnet der Direktor der FAO die kleinbäuerliche Landwirtschaft auslöschen, fragt die internationale Bauernorganisation La Via Campesina und weist darauf hin, dass der Vormarsch der Agrarindustrie die Umweltzerstörung gefördert und Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichtet habe. Die Vorwürfe würden die beiden Autoren natürlich weit von sich weisen. Sie sprechen von riesigen ungenutzten Landwirtschaftsflächen rund um den Globus, die „mit Geld aus verantwortlichen Privatinvestitionen gedüngt werden könnten“.

Autor

Beat Dietschy

ist Zentralsekretär von "Brot für alle" in Bern.

Ausländische Direktinvestitionen sind generell nicht unbedingt der beste Weg, Entwicklung zu fördern. Denn ausländische Firmen verdrängen häufig einheimische und führen Gewinne ins Ausland ab. Bei Landkäufen oder Landpacht in großem Stil stellt sich die Frage nach den Auswirkungen aber erst recht. Wo satellitengestützte Pläne Brachen zeigen, handelt es sich nicht unbedingt um Niemandsland. Und meist haben Investoren wertvolle, bewässerbare Agrarflächen im Visier, Böden, die von Kleinproduzenten genutzt werden – mit oder ohne formelle Landtitel. Legale oder illegale Landnahmen für verschiedene Zwecke – von der Getreideproduktion über Palm-ölplantagen und Bergbauprojekten bis hin zu spekulativen Landkäufen, wo zunächst keine Nutzung absehbar ist – haben nach Schätzungen der Organisation GRAIN seit 2008 einen Umfang von mindestens 80 Millionen Hektar erreicht.

Die Prinzipien der Weltbank legitimieren letztlich alle Landgeschäfte, die vertraglich abgewickelt werden

Angesichts der Kritik an diesem Megatrend haben sowohl Firmen als auch internationale Institutionen nach Wegen gesucht, legitime Investitionen von problematischem Land Grabbing zu unterscheiden. Die Weltbank hat sieben Prinzipien für „verantwortliche Agrarland-Investitionen“ aufgestellt. In den Augen der Betroffenen legitimieren sie letztlich alle Landgeschäfte, die vertraglich abgewickelt werden – auch wenn sie ein Dorfoberer hinter dem Rücken der Dorfgemeinschaft einfädelt. Etwas weiter gehen die freiwilligen Richtlinien, die das FAO-nahe Komitee für Welternährungssicherheit entwickelt hat.

Doch aus entwicklungsethischer und  politischer Sicht ist die Konzentration landwirtschaftlicher Flächen in der Hand ausländischer Großinvestoren in jedem Fall zu hinterfragen. Sie entzieht nicht nur der bäuerlichen Landwirtschaft buchstäblich den Boden unter den Füßen, sondern stellt auch die Ernährungssicherung für einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung in Frage. Rund 450 Millionen kleinbäuerliche Betriebe sichern gegenwärtig den Lebensunterhalt von etwa zwei Milliarden Menschen. Laut Studien ist damit zu rechnen, dass auch noch im Jahr 2050 der größte Teil der Ärmsten in ländlichen Gebieten zu finden sein wird.

Da Silva und Chakrabarti sprechen von einem großen „Investitionshunger“. Zu fragen ist, wessen Hunger gestillt werden soll und in welches Landwirtschaftsmodell vorrangig zu investieren ist. Die internationale Agrarpolitik, die die großen Industriestaaten mit der auf dem G8-Gipfel in Camp David im Mai 2012 verkündeten „Neuen Allianz für Ernährungssicherheit“ favorisieren, setzt einseitig auf die Privatwirtschaft und eine industrielle Landwirtschaft. Der Weltagrarbericht der Vereinten Nationen hingegen hat eine Abkehr davon gefordert und nachdrücklich auf das Potenzial kleinbäuerlicher ökologischer Produktionsweisen hingewiesen. Sie könnten laut einer Studie, die der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung Olivier de Schutter kürzlich vorgestellt hat, die Nahrungsversorgung klimaschonend in ganzen Regionen innerhalb von zehn Jahren verdoppeln und dabei die ländliche Armut verringern helfen. Vorausgesetzt, sie werden von den Regierungen unterstützt. 

Zusatzinformationen: 

Soeben von Brot für alle publiziert: EinBlick 2/2012 zum Thema „Kurswechsel in der Landwirtschaft“ und die Studie When Development Cooperation Becomes Land Grabbing: The Role of Development Finance Institutions“.

erschienen in Ausgabe 11 / 2012: Die Wirtschaft entwickeln

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