Der Artikel ist zuerst auf der Onlineplattform „YaleEnvironment360“ erschienen.
Maurice Manishimwe betreibt kurz vor Ruandas Hauptstadt Kigali, im Dorf Musango, neben einer Tankstelle eine kleine Autowerkstatt. Sie ist eingezwängt zwischen einem der „tausend Hügel“, für die das Land bekannt ist, und dem Fluss Nyabugogo. Ständig lassen Leute dort Autos reparieren und Geräte prüfen.
Doch der belebte Standort hat seinen Preis: Wenn Regenstürme aufziehen, fließt Wasser von den Hängen herunter, der Pegel des Nyabugogo steigt, die Straßen werden überflutet und das Wasser läuft bis in Manishimwes Werkstatt. Vor zwei Jahren stand ihm das Wasser bis zu den Knien, „unser Geschäft wurde geflutet und Waren zerstört“, berichtet der 30-Jährige. Tausende von Dollar hätten ihn verlorene Lagerbestände und Werkzeuge damals gekostet. Inzwischen hat er eine Erhöhung eingebaut, neue Fliesen verlegt und seine Holzregale ersetzt. Dennoch fürchtet er noch immer, dass heftige Regenfälle seine Werkstatt erneut zerstören.
In Kigali, einer Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern, fallen seit jeher rund tausend Liter Regen pro Quadratmeter jährlich. Doch laut der ruandischen Umweltbehörde werden die Regenzeiten „kürzer und intensiver”. Vor allem die Frühlingsregenfälle in Ostafrika hätten seit 2017 beispiellose Extreme erreicht, weil die Luft und die Oberfläche des Ozeans wärmer sind und Stürme deshalb mehr Feuchtigkeit transportieren.
Jährlich Schäden in Millionenhöhe durch Überschwemmungen
Vor Fluten schützten Kigali noch vor 40 Jahren ausgedehnte Feuchtgebiete am Fuße seiner vielen Hügel. Doch ihre Bodenqualität hat sich über die Jahrzehnte verschlechtert, vor allem durch informelle Landwirtschaft, Sandabbau und Deponierung von Industrieabfall. Das schnelle Wachstum der Stadt hat die Feuchtgebiete zusätzlich unter Druck gesetzt. Seit 2020 steigt die Einwohnerzahl Kigalis jährlich um vier Prozent. Weitere Freiflächen werden mit Beton versiegelt, so dass immer mehr Wasser ungebremst bergab fließt. Die Überschwemmungen tragen Boden ab, zerstören Gebäude und Infrastruktur und verursachen laut dem ruandischen Ökonomen Teddy Kaberuka jährlich Schäden in Höhe von zig Millionen US-Dollar.
Um die Bürger und ihr Eigentum zu schützen, Grünflächen für Gemeinschaften und Wildtiere zu schaffen und die Verluste einzudämmen, hat Kigali vor knapp zehn Jahren begonnen, natürliche Schutzmechanismen wiederherzustellen. In nur drei Jahren hat die Stadt schwer beschädigtes Sumpfgebiet am Nyabugogo-Fluss in ein intaktes Feuchtgebiet mit einer Reihe von Teichen, einem Auwald und einer Savanne verwandelt. Es speichert Kohlenstoff, mildert Überschwemmungen, filtert Schadstoffe und fördert die Artenvielfalt. Daran anknüpfend forstet die Stadt zurzeit Hänge wieder auf und renaturiert ein zusammenhängendes System von Feuchtgebieten, das sich über mehr als 70 Quadratkilometer erstrecken soll.
Die Feuchtgebiete nahmen einst wie ein riesiger Schwamm Wasser auf
Autoren
Annonciata Byukusenge
ist Umwelt- und Wissenschaftsjournalistin in Ruanda und Chefredakteurin des „Forefront Magazine“.Freddie Clayton
ist freier Journalist in Großbritannien. Er schreibt über Klima, Umwelt und Gesundheit, unter anderem für NBC News, den „Guardian“ und das Pulitzer Center on Crisis Reporting.Weltweit gehen immer mehr Feuchtgebiete verloren, und nur wenige Städte haben den Raum, die Ressourcen und den politischen Willen, die Natur im Umfang wie in Kigali wiederherzustellen. Das Projekt kann allein weder Überschwemmungen verhindern noch den Klimawandel umkehren. Aber es ist eine seltene Initiative, in einer ganzen Stadt die naturbasierte Schutzinfrastruktur neu aufzubauen.
Kigali liegt in einer Landschaft, die vormals ungewöhnlich nass und üppig war; die 37 verbundenen Feuchtgebiete bedeckten 12,5 Prozent der Stadtfläche. Das waren nicht bloß kleine Teiche und Moorflecken, sondern breite Gebiete mit üppiger Vegetation, in denen Vögel, Reptilien, Amphibien und kleine Säugetiere lebten. Sie wirkten als riesiger natürlicher Schwamm, der überschüssiges Wasser aufnahm, Überschwemmungen verringerte, Sedimente zurückhielt und Schadstoffe filterte, bevor sie in Bäche und Flüsse gelangten. Die Feuchtgebiete kühlten auch durch Verdunstung und Beschattung umliegende Stadtteile.
Aber das Wachstum der Stadt – neue Straßen, Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete – sowie Beweidung und die Deponierung von Abfällen haben diese Gebiete allmählich degradiert, erklärt Gloriose Umuziranenge vom Fachbereich für Stadt- und Umweltmanagement der Protestant University Rwanda. Mindestens die Hälfte hat laut der Weltbank ihren ökologischen Wert verloren, das heißt ihre „Fähigkeit, überschüssiges Regenwasser aufzunehmen und zu speichern“, so Umuziranenge.
Der Nyandungu-Ökopark: Erfolgsprojekt mit Modellcharakter
Nyandungu im Osten von Kigali ist ein typisches Beispiel. Das ehemals üppig bewachsene Gebiet haben jahrzehntelanger Sandabbau, Steinbrüche und Viehweiden zerstört. Deshalb hat die Umweltbehörde mit Unterstützung von Gebern wie der Weltbank 2016 begonnen, dieses Land wieder in eine biologisch produktive Landschaft zu verwandeln. Heute ist der 400 Hektar große Nyandungu-Ökopark mit Sümpfen,Teichen und mehr als 200 Vogelarten voller Leben. „Seit der Wiederherstellung gab es keine Überschwemmungen mehr“, sagt Parkmanager Ildephonse Kambogo.
Der Erfolg des Pilotprojekts hat auch den Blick der Politik auf andere Feuchtgebiete verändert, sagt Richard Mind‘je, Dozent für Umweltwissenschaften an der Universität der Siebenten-Tags-Adventisten in Kigali. „Man fragte sich: ‚Warum können wir nicht auch andere Feuchtgebiete renaturieren, um von den Vorteilen zu profitieren?‘“ Nun arbeiten Kräne und Bagger inmitten von Bussen, Motorradtaxis, Geschäften und Wohnhäusern daran, fünf weitere degradierte Feuchtgebiete von rund fünf Quadratkilometern wiederherzustellen und umzugestalten. Hunderte Arbeitskräfte schaffen Inseln, Seen und Teiche, legen Kanäle frei, pflanzen einheimische Arten, entfernen invasive Arten und legen Schilfbeete an.
Bis Mitte 2026 sollen laut dem Sanierungsplan der Stadt die fünf sanierten Gebiete ein zusammenhängendes Band bilden aus Wildkorridoren, Parks mit rund 58 Kilometer Fuß- und Radwegen sowie Feuchtgebieten, die Regenwasser sicher ableiten. Angesichts der Bedrohung der Feuchtgebiete auf dem gesamten Kontinent könnte das Potenzial als Vorbild für andere afrikanische Städte dienen, sagte Julie Mulonga, Direktorin für Ostafrika bei Wetlands International. Das Design, die Finanzierung und die Einbindung der Bevölkerung seien allesamt Elemente, „die sich kopieren lassen“, sagt sie.
Kigalis Renaturierungspläne bedrohen über 14.000 Bauernfamilien
Es bleiben aber Probleme. So gilt es, eine Balance zwischen Flutschutz und dem Bedarf an Agrarland zu finden. Viele für Renaturierung vorgesehene Gebiete werden seit Generationen informell für den Anbau von Nahrungsmitteln, Viehhaltung und Fischfang genutzt. Laut einem Bericht der Albertine Rift Conservation Society aus dem Jahr 2019 waren bis 2015 über die Hälfte der Feuchtgebiete Ruandas in Agrarflächen umgewandelt worden.
Das Land ist zwar in staatlichem Besitz, aber die Nutzung wurde bisher toleriert, weil die Menschen darauf angewiesen sind, sagt Emma Claudine Ntirenganya, eine Sprecherin der Stadt Kigali. Über 14.000 Bauernfamilien könnten ihren Zugang zu diesen Gebieten verlieren, wenn die Renaturierungspläne der Stadt wie vorgesehen umgesetzt werden, sagt sie. In Nyandungu beispielsweise ist Landwirtschaft nicht mehr erlaubt, das Gelände ist eingezäunt und der Zutritt nun gebührenpflichtig.
Der Parkmanager Kambogo räumt ein, dass in Nyandungu weiterhin Flächen informell genutzt werden. So wird illegal gefischt oder Menschen sammeln Gras für ihr Vieh. Einige Verstöße wie das Durchschneiden von Zäunen würden mit Geldstrafen geahndet, und es sei wichtig, sich mit der örtlichen Bevölkerung auszutauschen und sie aufzuklären, bis sie „die Bedeutung der Feuchtgebiete versteht“.
Die sozialen Folgen der Renaturierung berücksichtigen
Wenn man Naturschutz und Tourismus den Vorrang gegenüber der Landwirtschaft gibt, berge das die Gefahr, „Ausgrenzungsräume“ zu schaffen, betont Alan Dixon, Professor für nachhaltige Entwicklung an der Universität Worcester in Großbritannien. Letztlich „müssen die Menschen sich ernähren. Überall sonst trocknet es aus, das Wetter wird unberechenbarer, so dass Feuchtgebiete der letzte Ort im Wassereinzugsgebiet sind, den die Menschen nutzen können.“ Das Dilemma für Regierungen, Planer und Naturschützer sei, wie man die Nutzung dieser Gebiete erlauben und gleichzeitig die Umwelt intakt halten könne.
Für Christian Benimana, Architekt und Gründungsdirektor des African Design Centre, ist es wichtig, die sozialen Folgen der Renaturierung von Feuchtgebieten zu berücksichtigen. In den sechs bislang renaturierten Gebieten sei es noch nicht zu Vertreibungen gekommen, „aber das könnte passieren“, sagt er. Auch Gentrifizierung sei ein Problem. „Früher lebte man in der Nähe von provisorischen Autowerkstätten, und plötzlich ist da ein schöner Park. Ist es schlecht, dass dadurch die Immobilien der Anwohner an Wert gewinnen? Das meine ich nicht. Ist es schlecht, wenn es zu einer Form der negativen Gentrifizierung führt“, also Ärmere verdrängt werden? „Das denke ich schon.“
Für einige Bewohner war der Umzug weg von den Feuchtgebieten aber eher eine Erleichterung als ein Verlust. Athanase Segatsinzi, 60, Oberhaupt des Dorfes Runyonza in Nyandungu, hat Jahrzehnte in dem hochwassergefährdeten Gebiet Landwirtschaft betrieben und Vieh geweidet. „Wenn es stark regnete, trat Wasser über die Ufer und zerstörte unsere Ernte“, erinnert er sich. Im Jahr 2019, so sagt er, wurden die Bauern und Hirten, die das Feuchtgebiet nutzten, in die Ostprovinz Ruandas umgesiedelt, wo die Regierung seiner Familie knapp vier Hektar Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung stellte. „Wir produzieren mehr Milch, weil meine Kühe jetzt auf einer viel größeren Fläche weiden können, und es gibt keine Gefahr, die Weiden durch Überschwemmungen zu verlieren.“
Ein Waldnetz soll die renaturierten Gebiete verbinden
Feuchtgebiete allein können die Hauptstadt aber nicht vor Überschwemmungen schützen, weil die Temperaturen steigen, Niederschläge stärker werden und die Abholzung der Hänge das Problem verschärft. „Wenn man das Einzugsgebiet abholzt“, sagte Dixon, „wird keine noch so große Feuchtgebietsfläche viel helfen.“ Deshalb hat die Stadt Kigali im vergangenen Jahr eine Gemeinschaftskampagne gestartet mit dem Ziel, innerhalb von fünf Jahren drei Millionen Bäume zu pflanzen und so ein zusammenhängendes Waldnetz zu schaffen, das die renaturierten Feuchtgebiete verbindet.
Auch der steile Hügel, von dem Sturzbäche in die Werkstatt von Maurice Manishimwe strömen, wird zurzeit aufgeforstet. „Wenn die Bäume angewachsen sind, wird das Wasser, das bisher den Hang herunterkommt, gebremst“, sagt er. „Und wenn das Feuchtgebiet wiederhergestellt ist, wird das Flutproblem ein für alle Mal gelöst sein.“
Aus dem Englischen von Barbara Erbe.
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