Selbstschutz durch Zusammenhalt

Fünf Mitglieder einer indigenen Garde in Kolumbien in blauen Westen vor einem Baum.
Knut Henkel
Die Mitglieder der indigenen Garde in der Region Cauca sind an ihren blauen Westen zu erkennen.
Kolumbien
Im Süden Kolumbiens tritt eine unbewaffnete Garde von Indigenen den bewaffneten Banden entgegen. Bisher kann sie verhindern, dass Banden zahlreiche Minderjährige aus ihren Gemeinden rekrutieren. Aber ihre Lage wird schwieriger, das Land bekommt nun einen rechtsgerichteten Präsidenten.

Edinson Ramos Usnas wartet vor dem unscheinbaren Bürogebäude im Zentrum von Popayán im Südwesten Kolumbiens, in dem er seit dem Dezember 2025 nahezu täglich zu tun hat. Der kräftige 33-Jährige mit der verkehrt herum aufgesetzten Baseballkappe ist Koordinator der Guardia Indígena, der Indigenen Wache. So nennt sich die pazifistische Organisation, die 2001 im Verwaltungsdistrikt Cauca gegründet wurde, nachdem Paramilitärs ein Massaker an Indigenen verübt hatten. „Seitdem schützen wir unsere Repräsentanten, indigene Territorien, schulen die nachwachsende Generation und mobilisieren für soziale Proteste“, erklärt Usnas. Ziel sei es, die indigene Identität zu stärken und dafür zu sorgen, „dass wir als Indigene sichtbarer werden in der kolumbianischen Gesellschaft“.

Per Handzeichen begrüßt er eine gute Handvoll Neuankömmlinge, etwa die Hälfte davon Frauen, die alle die charakteristische Weste der Guardia Indígena tragen: meist blau, manchmal schwarz, auf dem Rücken das Logo der Organisation und der Herkunftsregion. Bei Usnas steht Tierradentro drauf, denn er stammt aus der unzugänglichen Region im Norden des Cauca, die von der zerklüfteten Zentralkordillere der Anden geprägt ist. Dort und in den umliegenden Gemeinden stellt das indigene Volk der Nasa die Bevölkerungsmehrheit. 

Rund ein Viertel der Bevölkerung im Cauca, etwa 350.000 der 1,6 Millionen Einwohner, ist indigener Herkunft. Und sie sind sehr gut organisiert. CRIC, Regionaler Indigener Rat des Cauca, nennt sich die 1971 gegründete Dachorganisation, die elf Ethnien und mindestens 90 Prozent der Bevölkerungsgruppe vertritt. Das CRIC-Logo klebt vorne auf den Westen von Usnas und der anderen Guardias Indígenas; die CRIC-Zentrale befindet sich gleich um die Ecke, am Rande der Altstadt Popayáns.

Usnas kennt die Gewalt – doch so schlimm war sie noch nie

Endlich taucht der weiße Pick-up auf, auf den die Gruppe gewartet hat. Schnell werden ein paar Kartons mit Ausrüstung wie Beamer, Bildschirme und Kabel auf der Ladefläche verstaut, dann steigt die Gruppe dazu. Heute geht es zur Farm Granja San Bernadino. Dorthin sind alle gewählten Vertreter der 138 indigenen Gemeinden eingeladen, um nach etlichen Anschlägen und Morden die Sicherheitskonzepte anzupassen.

Wir befinden uns in einer humanitären Notsituation, stehen unter mörderischem Druck“, sagt Usnas. In Cajibío, rund fünfzig Kilometer weiter nördlich, ist am 24. April 2026 in einem Bus eine Bombe explodiert und hat mehr als zwanzig Menschen das Leben gekostet; für den Anschlag wird von den lokalen Behörden und der Armee eine Splittergruppe der längst aufgelösten FARC-Guerilla verantwortlich gemacht. Danach folgte eine ganze Reihe weiterer Anschläge, denn in der Region konkurrieren Bewaffnete um Schmuggelrouten und die Kontrolle über Anbauregionen von Marihuana und Kokapflanzen.

Autor

Knut Henkel

ist freier Journalist in Hamburg und bereist regelmäßig Lateinamerika und Südostasien.

Usnas kennt das. Er ist seit seinem elften Lebensjahr in der Guardia Indígena und weiß, dass es jedes Mal vor und nach Präsidentschaftswahlen zu Gewalt kommt. Doch so schlimm wie jetzt war es wohl noch nie. Am 21. Juni haben die Kolumbianer den rechtsgerichteten Abelardo de la Espriella in einer Stichwahl denkbar knapp zum neuen Präsidenten gewählt. Gerade einen Prozentpunkt lag Espriella vor Iván Cepeda, dem Kandidaten des Pacto Histórico, der im Cauca alle Meinungsumfragen angeführt hatte.

12.000 Freiwillige werden verpflegt, transportiert, ausgestattet

Per Mobiltelefon koordiniert Usnas die Abläufe rund um das Tagungsgelände auf der Farm Granja San Bernadino, wo Kaffee und Gemüse angebaut werden. Der Indigenen-Rat CRIC managt sie, sie bringt Einnahmen für die Organisation. Die brauchen er und die Guardia auch. „Wir sind seit ein paar Monaten ein offizielles Programm des CRIC, das heißt wir erhalten vom CRIC Mittel für unsere Arbeit. Grundsätzlich sind zwar alle der rund 12.000 Mitglieder der Guardia Indígena im Cauca freiwillig tätig, aber sie müssen verpflegt und transportiert werden“, erklärt Usnas. 

Und sie müssen ausgestattet werden, etwa mit Funkgerät, Mobiltelefon und einer kurzen Machete sowie der beschrifteten Weste. Der Bastón ist hingegen den Leitungspersonen der Guardia Indígena vorbehalten. Bastón heißt der etwa sechzig bis achtzig Zentimeter lange, mit Silber beschlagene Edelholzstock, der gewählte Vertreter der Indigenen kennzeichnet, Frauen wie Männer. Das sorgt auf der einen Seite für Anerkennung, auf der anderen für ein erhöhtes Risiko, denn in den vergangenen Jahren haben Angriffe auf indigene Repräsentanten und Würdenträger sowie die Guardia Indígena zugenommen. 53 ihrer Frauen und Männer wurden laut dem CRIC-Menschenrechtsbüro seit 2019 ermordet – Tendenz steigend. Der letzte Mord datiert vom 19. Juni. 

Auf der Tagung des Regionalen Indigenen Rates des Cauca sind die Vorsteher der Gemeinden an den Bastóns zu ­erkennen, ihren mit Metall ­beschlagenen Stöcken.

Usnas ist als Koordinator, der auch öffentlich in Erscheinung tritt, besonders gefährdet. Deshalb erhält er eine Aufwandsentschädigung, genauso wie sein Kollege Oveimar Tenorio, der politische Koordinator der Guardia Indígena. Die wird derzeit aufgrund der permanenten Gefährdung und eines Appells der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte vom Staat bezahlt. 

Doch das wird sich möglicherweise als Folge der Präsidentenwahlen im Juni ändern. Anfang August wird de la Espriella sein Amt antreten und er hat eine Politik der harten Hand angekündigt. Zehn neue Haftanstalten will er bauen lassen, statt mit bewaffneten Kräften wie der linken Guerilla ELN, abtrünnigen Überresten der FARC-Guerilla sowie Drogenbanden und Paramilitärs zu verhandeln wie die noch amtierende Regierung von Gustavo Petro. Espriella setzt auf die militärische Karte, Menschenrechtsorganisationen prognostizieren eine neue Welle der Gewalt.

Indigenes Leben und Territorium ganz ohne Waffen schützen

Der Fahrer lenkt den geländegängigen Pick-up von der asphaltierten Straße auf einen Feldweg und durch ein kleines Dorf, bis das Tor zur Granja San Bernadino auftaucht. Langsam rollt der schwere Wagen auf den Parkplatz, wo einige wenige Fahrzeuge stehen. Es ist noch früh, kurz vor acht Uhr morgens. Schnell verteilt sich die Gruppe und bereitet die Logistik für das Treffen vor: Leitungen werden gelegt, Computer hochgefahren, Essensmarken bereitgelegt und Teilnahmelisten ausgelegt. Sicherheitswarnungen gibt es bisher nicht, trotzdem werden alle Zufahrten zum Gelände weitflächig kontrolliert. „Wir schützen indigenes Leben und indigenes Territorium – ganz ohne Waffen“, erklärt Usnas, schnappt sich einen Pappkarton und überlässt mich seinem Kollegen Oveimar Tenorio.

Der 32-Jährige stammt aus dem selbstverwalten Resguardo San Francisco im Norden des Cauca. Resguardos heißen die 138 selbstverwalteten indigenen Gemeinden im Cauca, die über einen kollektiven Landtitel verfügen. Rund um San Francisco und zwei weitere Resguardos, Tacueyó und Toribió, gehören Anschläge, Morde und die Rekrutierung Minderjähriger zum Alltag. Unter anderem operieren dort zwei abtrünnige Kolonnen der 2016 aufgelösten FARC-Guerilla, die den Friedensvertrag mit der kolumbianischen Regierung vom November 2016 nicht unterzeichnet haben. 

„Sie kontrollieren den Anbau und den Schmuggel von Marihuana in der Region und attackieren uns“, sagt Oveimar Tenorio. „Für uns sind sie nicht mehr als Narco-Terroristen. Sie haben kein politisches Projekt, sie sorgen nur für Tod und Trauer.“ Mehrere Anschläge der vergangenen Wochen werden diesen beiden Kolonnen zugerechnet, sagt Tenorio, der als politischer Koordinator der Guardia Indígena derzeit in Popayán lebt, aber hin und wieder seine Familie besucht. 

Der Staat setzt hier das Recht nicht durch

Wenn sein Mandat Ende 2028 endet, will er zurückgehen, wieder für die lokale Guardia Indígena tätig sein und auf der Farm der Familie arbeiten. Doch das ist riskant, denn der stämmige Mann mit dem raspelkurz geschnittenen Haar ist im Cauca überaus bekannt – gerade bei den bewaffneten Gruppen. Das liegt auch daran, dass er seit Jahren ziemlich erfolgreich versucht, die Strukturen der Guardia und indirekt des CRIC an die veränderten Bedingungen anzupassen: Nach dem Frieden zwischen der FARC-Guerilla und der Regierung füllte der Staat das Vakuum nicht, das die FARC hinterließ – sie hatte in ihren Hochburgen eine Art Verwaltung aufgebaut – und sorgte nicht für die Durchsetzung des Rechts in dem entlegenen Gebiet. So konnten andere bewaffnete Gruppen nachrücken, oft Drogenbanden. 

Die Guardia Indígena, die zu Beginn als vorübergehendes Schutzinstrument konzipiert war, hat sie etabliert und ist heute an Entscheidungen innerhalb der indigenen Gremien beteiligt. „Heute haben wir als Guardia Indígena ein politisches Mandat, beraten indigene Repräsentanten, halten Reden, müssen vorbereitet, informiert und geschult sein“, erklärt Oveimar Tenorio.

Seit 2022 gibt es innerhalb der Guardia Indígena Kurse zur politischen Bildung, die nicht zuletzt der talentierte Nachwuchs durchläuft, der so auch vor dem Risiko der Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen bewahrt werden soll. Eduin Capaz Lectamo, der Leiter des CRIC-Menschenrechtsbüros, sagt, die steigende Zahl von Rekrutierungen Minderjähriger sei ein Alarmsignal. „Wir haben in den letzten fünf Jahren fast 900 Fälle registriert. Im Cauca, aber auch in anderen Verwaltungsbezirken Kolumbiens wie Huila, Meta oder Guaviare schießen Indigene auf Indigene.“ 

Die Guardia hat Dutzende Minderjährige zurückgeholt

Das Menschenrechtsbüro hat darauf, gemeinsam mit der Guardia Indígena Strategien für die Rückholung der Jungen und Mädchen ausgearbeitet und eine Herberge und ein Team für die psychologische Betreuung eingerichtet. Das funktioniert: Dutzende von Minderjährigen wurden von Teams der Guardia Indígena zurückgeholt, weil sie an Kontrollpunkten die Bewaffneten mit den Minderjährigen nicht passieren ließen. Oder sie gingen in die Camps der Bewaffneten und pochten auf Herausgabe der Jugendlichen. Das erfordert viel Mut der Freiwilligen in ihren markanten Westen, sagt Capaz Lectamo, der immer wieder Anrufe von Lehrern und Lehrerinnen erhält, die Heranwachsende vermissen. „Dann informieren wir die Guardia Indígena und versuchen alles, um die Minderjährigen zurückzuholen“, flüstert er und deutet aufs Podium. 

Dort hat Nini Daza Platz genommen, oberste Rätin des CRIC. Sie mustert die halb leeren Reihen mit nachdenklicher Mine und fordert die indigenen Gemeindevorstände auf, sich zu erkennen zu geben; dann zählt sie durch und kommt auf 55 aus 138 Gemeinden. „Das ist angesichts der humanitären Notsituation, in der wir uns befinden, ziemlich wenig“, kritisiert sie: „Wir brauchen mehr Präsenz an den Kontrollpunkten zwischen den Resguardos, mehr Sensibilität für die Probleme, denen die Guardia Indígena gegenübersteht, mehr Unterstützung für sie und Aufmerksamkeit für die Perspektiven unserer Jugend.“ Kritische Worte, die Beifall finden.

Oveimar Tenorio und Eduin Capaz Lectamo weisen darauf hin, dass die neue Generation von indigenen Gemeindevorständen längst nicht immer weiß, was in den Territorien passiert, in denen sie aufgewachsen sind. Ein Studium oder eine Ausbildung in Popayán, Cali, Medellín oder Bogotá verändere ihre Perspektive. Das sei ein zentraler Grund dafür, dass von 64 Kontrollposten derzeit nur 20 von der Guardia Indígena besetzt seien. Bei den anderen hätten die Gemeindevorstände schlicht nicht gewusst, dass das zu ihren Aufgaben gehöre, kritisiert Tenorio vor den Delegierten. Ein Raunen geht durch das zu den Seiten offene Versammlungshaus. „So lassen sich unsere Territorien kaum vor Eindringlingen schützen“, klagt eine Zuhörerin mit Bastón. 

Die Sicherheitslage dürfte sich nun verschlechtern

Es fehle an Perspektiven, sagt ein Sozialarbeiter, der für das Projekt des CRIC und der Guardia Indígena zur Reintegration minderjähriger Rekrutierter arbeitet. Die Zahl der Rekrutierungen steige, weil die bewaffneten Gruppen mit Mobiltelefonen, Motorrad und Geld locken. Dem können mehr und mehr Halbwüchsige, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, nicht widerstehen. 

Nach langer Diskussion wird die von der Guardia Indígena, dem CRIC und dem Menschenrechtsbüro ausgearbeitete Agenda für mehr Sicherheit und mehr Unterstützung für die Guardia Indígena mit großer Mehrheit verabschiedet. Für Oveimar Tenorio und Edinson Ramos Usnas, die beiden Koordinatoren, ist das ein Erfolg. Doch bei beiden bleiben Zweifel. „Vieles hängt davon ab, ob die Agenda wirklich Punkt für Punkt umgesetzt wird, denn die Bedingungen in den 138 Resguardos sind sehr unterschiedlich“, sagt Tenorio. 

Zudem befürchtet er, dass sich die Sicherheitslage unter einer neuen, extrem rechten und auf militärische Lösungen setzenden Regierung eher verschlechtern werde. Rekrutierungen von Minderjährigen könnten zunehmen, wahrscheinlich werde die Guardia Indígena öfter Rückholaktionen nach ihnen starten müssen. In diesem Jahr waren bisher 39 Rückholaktionen alle erfolgreich. Ein beachtlicher Erfolg der Guardia Indígena. Doch das kann sich schnell ändern.

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erschienen in Ausgabe 4 / 2026: ... wenn man trotzdem lacht
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