Speichelproben, verschlossen in einer Zentrifuge, kommen in Bewegung. Auf Tausende Umdrehungen pro Minute wird das Tempo erhöht, bis sich die unterschiedlichen Partikel voneinander getrennt haben. Die Proben stammen von Patienten aus der Republik Kongo. Der Verdacht: eine Infektion mit Mpox.
Francine Ntoumi leitet das erste molekularbiologische Labor des zentralafrikanischen Landes in der Hauptstadt Brazzaville. Sie führt durch eine blitzeblank geputzte Einrichtung. Eine Klimaanlage lässt die drückende Tropenhitze vergessen. An einer Glastür zu einem Nebenraum warnt ein giftgelbes Schild vor „Biohazard“. Dort lagert und untersucht Ntoumi gefährliche, hochansteckende oder bisher unbekannte Mikroorganismen.
Die 64-Jährige forscht an Krankheiten, die die öffentliche Gesundheit bedrohen: Malaria, Tuberkulose, HIV, Ebola und Chikungunya-Fieber. „Wir verfügen hier über Geräte, die nur sehr wenige Labore im Kongo haben“, sagt sie. Das hat einen direkten Nutzen – weit über die Grenzen des Landes hinaus. Je schneller ein Erreger vor Ort erkannt wird, desto schneller lasse sich eine Epidemie eindämmen. „Heute kennen Krankheiten keine Grenzen mehr. Jeden Tag starten Flugzeuge in die ganze Welt.“
Einmachgläser statt Labormaterial an der Hochschule
Dass ein solches Labor in Brazzaville existiert, ist keine Selbstverständlichkeit. Afrikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfassen derzeit nur etwa ein Prozent aller weltweiten wissenschaftlichen Publikationen – bei einem Bevölkerungsanteil von fast 20 Prozent der Menschheit, so Zahlen der UNESCO. Die naturwissenschaftlichen Nobelpreise gingen bislang fast ausschließlich an Forschende aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Schweden. West-, Zentral- und Ostafrika sind bislang außen vor.
Autor
Jonas Gerding
ist freier Journalist und lebt in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo. Er berichtet vor allem über den Klimawandel, die Energiewende und dafür nötige Rohstoffe.Wie öffentliche Wissenschaft in der Republik Kongo aussieht, zeigt sich wenige Kilometer von Ntoumis Labor entfernt. Die Marien-Ngouabi-Universität in Brazzaville, 1971 gebaut, bekommt gerade einen neuen ockerfarbenen Anstrich. Béni Batanguissa, geboren im Jahr 2000, hat sich die Haare zum Dutt hochgebunden, trägt ein gelbes Oberteil zu heller Jeans. Die Biologiestudentin im Master führt in einen Hörsaal, der schon länger keine frische Farbe mehr gesehen hat. Bis zu 1500 Studierende drängen sich hier zu Vorlesungszeiten. „Der Saal ist einfach zu klein. Einige müssen stehen – und selbst die, die sitzen, können die Tafel nicht richtig sehen. Und es ist einfach zu laut.“
In den Laborräumen der Universität helfen ausrangierte Einmachgläser als Ersatz für fehlendes Labormaterial. Die Fenster stehen weit offen, damit Luft in die stickigen Räume gelangt. Viele Studierende brechen ihr Studium ab, bevor sie auch nur in die Nähe der Forschung gelangen. „Das soll nicht heißen, dass das Personal an der Hochschule schlecht ausgebildet oder inkompetent ist“, sagt Batanguissa. „Aber es gibt nicht das nötige Labormaterial, die nötige technische Ausstattung. Das ist der Grund, warum es hier nicht gut läuft.“
Ein Stiftungsbüro fernab asphaltierter Straßen
Batanguissa gehört zu einer Handvoll Studierender, die ihre Abschlussarbeit in Francine Ntoumis Labor schreiben können – die einzige Möglichkeit für sie, in Brazzaville ernsthaft zu forschen. Ntoumi ist für sie ein Vorbild, sagt sie: „Sie ist streng. Nicht um andere zu verletzen, sondern um zu zeigen, wie wichtig Disziplin ist“. Ihre Energie sei ansteckend.
Im Jahr 2008 hat Ntoumi mit Unterstützung ihrer Familie und von Fachkolleginnen die Kongolesische Stiftung für medizinische Forschung gegründet. Ihr Büro liegt im zweiten Stock eines Gesundheitszentrums am Stadtrand von Brazzaville, fernab der asphaltierten Hauptstraßen und Hoteltürme der Innenstadt. Fließendes Wasser und eine zuverlässige Stromversorgung sind in diesem Viertel Mangelware. Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und HIV lassen sich hier gut untersuchen.
An der Wand ihres Büros hängt ein eingerahmter Artikel aus dem Wissenschaftsmagazin „Science“. Daneben das Bild eines Elefanten, auf dessen Rüssel eine Ameise sitzt und dem Dickhäuter in die Augen blickt. „Die Ameise, die ein Elefant sein wollte“ – so der Titel des Beitrags, den Ntoumi 2011 für „Science“ verfasst hat. Es ist eine Parabel über ihre Arbeit als kongolesische Wissenschaftlerin in einer von mächtigen Institutionen des globalen Nordens dominierten Forschungswelt. Die Ameise will mit dem Elefanten zusammenarbeiten – und beweist am Ende, dass sie ihm ebenbürtig ist. „Die Ameise ist sehr gut organisiert. Sie kann manchmal mehr Kraft haben als ein Elefant, weil sie sich von anderen Ameisen helfen lässt und eine Strategie hat“, sagt Ntoumi. Sie meint damit ihre eigene Arbeitsweise.
Erst das Bundesverdienstkreuz, dann das vom Heimatland
Ntoumi wurde 1961, ein Jahr nach der Unabhängigkeit der Republik Kongo, geboren. Ihre Eltern schickten sie als Jugendliche nach Paris, wo sie die Schule abschloss, Biologie studierte und in reproduktiver Physiologie promovierte. Nach dem Ende des Bürgerkrieges kehrte sie zurück mit dem Ziel, im eigenen Land zu forschen. Für ihre Arbeit hat sie den Kwame-Nkrumah-Award der Afrikanischen Union erhalten, den Georg-Forster-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung sowie das Bundesverdienstkreuz, verliehen vom deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.
An der gegenüberliegenden Wand in ihrem Büro hängt ein Bild von Ntoumi mit dem Präsidenten der Republik Kongo, Denis Sassou-Nguesso – aufgenommen anlässlich der Auszeichnung mit dem Verdienstkreuz ihres Heimatlandes. Sie erhielt es allerdings erst, nachdem sie in Deutschland geehrt worden war. Das sagt einiges über den Stellenwert der Forschung in ihrem Heimatland.
Ntoumis Forschung wird fast vollständig aus dem Ausland finanziert: von der Gates-Stiftung, von L’Oréal und Bayer, der französischen Botschaft und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Ntoumi fordert afrikanische Länder auf, selbst mehr zu tun. „Das Wichtigste ist, dass unsere Entscheidungsträger verstehen, welche Bedeutung Wissenschaft hat“, sagt sie. Die Republik Kongo gibt rund drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus – die UNESCO empfiehlt mindestens das Anderthalbfache.
Junge Frauen arbeiten an KI-gestützter Diagnostik
Dabei ist das Potenzial des Kontinents enorm: Viele Ökosysteme sind kaum erforscht, die klimatischen Bedingungen ideal für die Erforschung klimaresilienter Landwirtschaft. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Afrika begonnen, gezielt sogenannte Exzellenzcluster aufzubauen, in denen Ressourcen und Talente gebündelt werden. Vor allem in Nigeria, im Senegal und in Kenia hat sich in der Forschung zuletzt einiges getan.
Zurück im Labor. Junge Frauen sind über Mikroskope gebeugt, füllen Speichelproben mit Pipetten um, werten PCR-Ergebnisse am Computer aus. Die Förderung junger Menschen, insbesondere von Frauen, ist Ntoumi ein besonderes Anliegen. In einem Projekt mit einem französischen Institut arbeiten sie an KI-gestützter Diagnostik bei Malariaproben – eine Technologie, die gerade im ländlichen Raum viele sonst unentdeckte Fälle sichtbar machen könnte.
Ntoumi ist überzeugt: „Die jungen Menschen in Afrika sind wirklich kreativ.“ Die Talente seien da. Eines Tages werde es regelrecht „Nobelpreise regnen“, sagt sie. Aber dafür brauche es bessere Forschungsbedingungen und mehr politischen Willen. „Allein ein brillanter Verstand – das reicht nicht aus.“
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