Wie ist der Titel Ihres Films zu verstehen, „Lesbians Free Everyone“?
Er bezieht sich auf ein Banner lesbischer Aktivistinnen während der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Dieser Slogan provoziert Nachfragen, deshalb habe ich ihn gewählt. Wenn lesbische Aktivistinnen, die überall in der Welt marginalisiert und entrechtet werden, erfolgreich Menschenrechte einfordern, kann auch anderes Unrecht überwunden werden. Davon sind alle überzeugt, die ich im Film interviewe. Heute ist unstrittig, dass während dieser wichtigen UN-Konferenz der erste große internationale Austausch und die Kooperation von Lesben unterschiedlicher Herkunft die Menschenrechtsbewegung insgesamt gestärkt haben. Entscheidend dafür waren Zusammenhalt und Solidarität über alle Differenzen hinweg. Das inspiriert mich bis heute. Deshalb habe ich diesen Film gedreht und die Erlebnisse und Erinnerungen der Aktivistinnen in Interviews dokumentiert.
Wie sind Sie 1995 zur Weltfrauenkonferenz gekommen?
Nicht als Filmemacherin. Ich vertrat die südafrikanische Organisation GLOW, Gays and Lesbian Organisation of the Witwatersrand. Ich war erst 23, die Ausmaße dieser Konferenz mit über 30.000 NGO-Vertreterinnen wurden mir erst in Peking klar. Ich kam aus dem Township Soweto in der Nähe von Johannesburg. Bis Anfang der 1990er Jahre lebten wir noch mit der rassistischen räumlichen Trennung unter der Apartheid; beispielsweise durften wir schwarzen GLOW-Aktivistinnen uns nachts nicht in weißen Wohngebieten aufhalten. Nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 in Südafrika trat ich dann plötzlich als Delegierte der International Gay and Lesbian Human Rights Commission, einem weltweiten Zusammenschluss etlicher Homosexuellenorganisationen, im offiziellen Teil der UN-Konferenz auf.
Was waren damals Ihre Forderungen?
Die Anerkennung der Rechte von Lesben als Menschenrechte und eine Formulierung im Abschlussdokument, die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung als Menschenrechtsverstoß benennt. Das wurde zwar so nicht in die Abschlusserklärung aufgenommen, aber immerhin sexuelle Autonomie, das war ein Erfolg.
Was war das Besondere am NGO-Forum 1995?
Im Unterschied zu früheren Konferenzen, wo NGOs nahe der offiziellen Tagungsgebäude zusammenkamen, wurde das NGO-Forum aus Peking in die kleinere Stadt Huairou ausgelagert, über eine Autostunde vom offiziellen Konferenzgelände entfernt. Das erschwerte natürlich die Advocacy-Arbeit gegenüber den Regierungsvertretern. Zudem waren in Huairou die provisorischen Unterkünfte offenbar rasch aus dem Boden gestampft worden. Es gab nur Zelte für verschiedene Initiativen, eines davon nutzten wir als Treffpunkt für Lesben. Das „lesbian tent“ war ein inspirierender Ort des Austauschs und der Begegnungen. Allerdings wurde es täglich von chinesischem Personal in Schutzkleidung mit Schädlingsbekämpfungsmitteln besprüht, obwohl es gar keine Malariamücken gab. In meinem Film „Lesbians Free Everyone“ spreche ich darüber mit anderen Aktivistinnen. Sie meinten, das sei eine hilflose Aktion der chinesischen Verantwortlichen gewesen, die offensichtlich schon mit der Präsenz von Lesben überfordert waren.
Die Lesben waren dem Geheimdienst unheimlich?
Definitiv. Wir wurden ständig observiert, fotografiert, mehrfach bedrängt und tätlich bedroht. Chinesische Geheimdienstmitarbeiter wollten uns einschüchtern, was ihnen aber nicht gelang. Nur wenige Jahre zuvor, im Juni 1989, hatte das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz stattgefunden. Mit der Weltfrauenkonferenz wollte die chinesische Regierung ihr internationales Image aufpolieren. Sie reagierte höchst nervös auf die Freiheit, die wir repräsentierten. Wir wurden auf dem Gelände und in unseren Unterkünften abgeschottet, Chinesinnen und Chinesen sollte unsere Freiheit nicht sehen. Denn das hätte deren eigenen Freiheitsforderungen inspirieren können. Lesbisch sein ist politisch.
Wie reagierten afrikanische Staatschefs auf Ihre Forderungen?
Die offiziellen südafrikanischen Delegierten haben mich unterstützt und unsere Forderungen mitgetragen. Anfeindungen kamen von Regierungsvertretern beispielsweise aus Nigeria und Kamerun. Sie warfen mir vor, ich sei gar keine Afrikanerin und wäre käuflich, hätte also von europäischen Regierungen Geld für meine Rede erhalten. Das hat mich schockiert. Solche Vorwürfe erheben patriarchale Anti-Gender-Agitatoren bis heute; inzwischen ist die verschärfte Kriminalisierung sexueller Minderheiten ihr Ziel. Darauf drängen auch fundamentalistische Kirchenvertreter aus den USA. Sie wollen die Narrative beherrschen, deshalb verbreiten sie medial negative Propaganda über uns. Doch ihnen geht es nicht nur darum, Homophobie und Frauenfeindlichkeit zu schüren, letztlich wollen sie Demokratie abbauen. Dem müssen wir entgegentreten.
Wie sieht es heute mit den Errungenschaften von Peking aus?
Die Berichterstattung über sexuelle Minderheiten ist in vielen Ländern, so auch in Südafrika, oft sensationalistisch und verzerrt. Mit viel Geld kaufen sich rechte Anti-Gender-Agitatoren in Medien ein, um feministische Erfolge zurückzudrehen. Hinzu kommen frauenfeindliche Influencer, die Gewaltrhetorik verbreiten. Demgegenüber fordere ich narrative Gerechtigkeit. Wir sollten Berichte und Bilder über uns als sexuelle Minderheiten viel stärker selbst bestimmen. Dazu bilde ich junge Medienleute aus, damit sie nicht nur über Hassgewalt berichten, sondern, ohne die Traumata herunterzuspielen, uns in aller Komplexität wahrnehmen und darstellen. Denn es gibt auch viel Freude in unserem Leben. Gerade junge Menschen, denen vorgegaukelt wird, mit ihnen würde etwas nicht stimmen, könnten dann erkennen, dass es möglich ist, queer und zugleich glücklich zu sein. Dazu brauchen wir mehr Generationendialoge, gemeinsame Kritik an patriarchalen Mythen, letztlich Solidarität und Zusammenhalt – auch zwischen unterschiedlichen feministischen Bewegungen, um uns nicht von Anti-Gender-Agitatoren spalten zu lassen.
Das Gespräch führte Rita Schäfer.
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