Ende Juni haben Vertreter des Nationalen Rats für Islamische Angelegenheiten (CNAIT), der Tschadischen Katholischen Bischofskonferenz und der Vereinigung der evangelischen Kirchen und Missionen dem interreligiösen Dialog im Tschad einen formalen Rahmen gegeben. Die neu aufgestellte Plattform vertritt einen großen Teil der knapp 22 Millionen Einwohner des Landes.
„Gemeinsam mit unseren Brüdern und Schwestern aus der katholischen und protestantischen Gemeinschaft arbeiten wir seit mehreren Jahren daran, ein friedliches Zusammenleben und gegenseitigen Respekt zu fördern“, sagte Scheich Abdadayim Abdallah Ousman, der Präsident des CNAIT, in N’Djamena bei der Unterzeichnung der Statuten und der Geschäftsordnung der Plattform. Über diese könnten die Religionsgemeinschaften nun gemeinsame Projekte koordinieren, Fördermittel beantragen und offiziell mit staatlichen Stellen kooperieren.
Religionsfrieden als Frage der nationalen Sicherheit
Der stellvertretende Premierminister Limane Mahamat erklärte bei der Unterzeichnung, dank der Statuten und der Geschäftsordnung könne die Plattform wie jeder rechtlich anerkannte Verein auftreten und von staatlicher Unterstützung profitieren. Dies sei ein wichtiger Schritt zur Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der gegenseitigen Akzeptanz zwischen den Religionsgemeinschaften. Der Präsident des Tschad, Mahamat Idriss Déby Itno, übermittelte seine Anerkennung für den Beitrag der Religionsgemeinschaften zum interreligiösen Frieden und äußerte die Hoffnung, die Plattform könne verhindern helfen, dass Religion zur Spaltung der Gesellschaft missbraucht werde.
Das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen ist im Tschad eine Frage der nationalen Sicherheit. Seit 1966 hat das Land immer wieder Bürgerkriege erlebt, in denen auch die Frage, welche Religionsgemeinschaft den größeren politischen Einfluss hat, eine Rolle gespielt hat. Die Bevölkerung des Tschad ist zu rund 60 Prozent muslimisch und zu etwa 40 Prozent christlich. Während der Norden mehrheitlich muslimisch ist, leben Christen eher im Süden. Nach der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 hatten Christen das Sagen. Mittlerweile haben sich die Machtverhältnisse gedreht.
Extremistische Gruppen sind im Tschad eher schwach
Helga Dickow vom Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg sieht die Formalisierung der interreligiösen Zusammenarbeit in der neuen Plattform skeptisch, zumal sie auf die Initiative der Regierung zurückgehe. Dickow hat mehrere Jahre im Tschad gelebt und für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet. Es sei im autokratisch regierten Tschad eine übliche Strategie, durch Kooptierung oder die Schaffung von Doppelstrukturen politische Kontrolle über bestimmte Themen zu erlangen. „Interessant wird sein, wer in dieser neuen Vereinsstruktur das Sagen haben wird, wer Vorsitzender wird und ob die Statuten eine Ämterrotation zwischen Muslimen und Christen vorsehen“, sagt Dickow. Das alles sei noch nicht klar.
Dass die neue Plattform Einfluss auf die Auseinandersetzungen mit Boko Haram am Tschadsee haben wird, bezweifelt sie. „In der Zusammenarbeit der Religionen ging es bisher immer um das Zusammenleben von Muslimen und Christen im Land und weniger um die Frage nach dem Umgang mit extremistischen Gruppen.“ Diese sind im Tschad nur sehr begrenzt in der Region des Tschadsees aktiv. Immer wieder kommt es dort zu Angriffen auf Armeeposten, bei denen auch Zivilisten getötet werden.
Derzeit ist die Region für Medien gesperrt, so dass niemand unabhängig berichten kann, um was es in dem Konflikt geht und wer daran beteiligt ist. „Inoffiziell wird auch von Rebellen gesprochen, die gegen die Regierung Déby opponieren“, sagt Dickow. Mit den Konflikten zwischen Nomaden und sesshafter Bevölkerung um Weide- und Ackerland wie in anderen Ländern der Sahelzone haben die Überfälle in dieser Region aber ihres Wissens nur wenig zu tun.
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