Neue Perspektiven durch altes Handwerk

Zum Thema
Frauen in einer Schneiderei in Indien; im Vordergrund ein Berg Stofftiere aus Textilabfällen.
SilaiWali
Bei SilaiWali stellen geflüchtete Afghaninnen Stoffpuppen und andere Produkte her.
Was tut sich in ... Indien?
Das Sozialunternehmen SilaiWali in Neu-Delhi bietet Afghaninnen, die vor den Taliban nach Indien geflohen sind, neue Perspektiven und ein selbst finanziertes Leben.

Bei Sonnenaufgang steht die 28-jährige Anisa Rehman in ihrer Wohnung in Lajpat Nagar – oft auch „Little Kabul“ genannt – in Neu-Delhi auf, erledigt ihre Morgengebete und Hausarbeiten. Dann packt sie etwas zum Mittagessen ein und macht sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz in dem Sozialunternehmen SilaiWali (auf Hindi bzw. Urdu „die Schneiderin“). Für sie ist dieser Ort weit mehr als nur ein Arbeitsplatz. Es ist der Ort, an dem sie wieder zu sich gekommen ist und Trost in einem neuen Land gefunden hat.

Anisa ist eine von Hunderten afghanischer Flüchtlingsfrauen, die bei SilaiWali beschäftigt sind. Das Sozialunternehmen wurde 2018 von der französischen Produktdesignerin Iris Strill und deren Ehemann Bishwadeep Moitra, einem Grafikdesigner und Bildjournalisten, gegründet. Das in Delhi ansässige Unternehmen bietet den aus Afghanistan geflüchteten Frauen Arbeit und ermöglicht es ihnen, traditionelle Handwerkskünste wie Sticken, Nähen und Häkeln einzusetzen. So stellen die Frauen aus ausrangierten Textilabfällen Stoffpuppen und andere Produkte her. Anisa, die von Beruf Lehrerin ist, hätte sich nie träumen lassen, dass eine Fertigkeit, die sie als Kind zum Vergnügen von ihrer Großmutter gelernt hatte, eines Tages dazu beitragen würde, ihren Lebensunterhalt zu sichern.

Autor

Shoaib Mir

ist freier Journalist aus Kaschmir, er lebt in Neu-Delhi. Mitarbeit: Parthu Venkatesh, freier Journalist in Neu-Delhi.

Die junge Afghanin kam nach Indien, nachdem die Taliban 2021 wieder an die Macht gekommen waren. „Die ersten Monate waren wirklich schwer“, erinnert sich Anisa. „Ich konnte die Sprache nicht, und jeden Abend weinte ich und fragte mich, wie ich in einem Land überleben sollte, in dem ich mich nicht einmal verständigen konnte. Dann stieß ich wie durch ein Wunder auf SilaiWali. Mehr noch als ein stabiles Einkommen fand ich eine Familie, in der wir unsere Freuden und Sorgen miteinander teilen.“ Während sie das erzählt, vollendet sie sorgfältig die Stickerei an einer Puppe und lauscht der traditionellen afghanischen Musik, die aus ihrem Smart­phone kommt. 

SilaiWalis Mission: Nachhaltigkeit und ein Leben in Würde

SilaiWali bietet nicht nur Arbeitsplätze, sondern macht auch Nachhaltigkeit zum zentralen Bestandteil seiner Mission. Seit seiner Gründung hat das Unternehmen mehr als 15.000 Kilogramm Textilabfälle von lokalen Märkten zu über 12.000 handgefertigten Produkten aufgewertet (upgecycled), die es an renommierte globale Marken wie Chloé und den Schweizer Uhrenhersteller Oris verkauft. Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bewirbt seine Produkte.

„Die meisten afghanischen Flüchtlingsfrauen arbeiten in der Hauswirtschaft, in Kosmetiksalons oder als Gelegenheitsarbeiterinnen“, erklärt Bishwadeep Moitra, Mitbegründer von SilaiWali. „Aber die Frauen, die bei uns arbeiten, erhalten zum ersten Mal die wirtschaftliche Chance, dank ihrer traditionell erworbenen Fähigkeiten ein Leben in Würde und Selbstständigkeit zu führen.“ SilaiWali vernetze die Frauen zudem direkt mit dem Markt und stelle so sicher, dass ihre handgefertigten Produkte zu fairen Preisen und nicht mit Verlust verkauft werden. „Wir bieten auch Schulungen an, wann immer sie benötigt werden“, sagt er. „Wir lassen sie nicht im Stich.“

„Dieser Ort ist meine einzige Hoffnung auf Überleben“

In Indien leben nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR India bis zu 20.000 afghanische Flüchtlinge. Da Indien die UN-Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet hat, dürfen sie nach indischem Recht nicht arbeiten. SilaiWali kann die Frauen nur deshalb beschäftigen, weil das Unternehmen direkt unter der Leitung des Programms zur Existenzsicherung des UNHCR und dessen globaler Initiative MADE51 steht. 

Bei jedem Gebet bittet Anisa, die alleinige Ernährerin ihrer Familie, für die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes und den anhaltenden Erfolg von SilaiWali. „Dieser Ort ist meine einzige Hoffnung auf Überleben in diesem Land – und auch für viele andere Frauen, die hier arbeiten“, sagt sie, als sie am Ende des Arbeitstages ihre Tasche packt. „Es ist ein Rettungsanker für uns und unsere Familien, die wir im Exil leben.“

Aus dem Englischen von Barbara Erbe.

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erschienen in Ausgabe 5 / 2026: Weltpolitik wohin?
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