„Unter den Taliban herrscht ein starker Korpsgeist“

Zwei Bewaffnete auf Stühlen, vor ihnen eine Schlange hockender Männer mit Turban oder Kopftuch.
AFP via Getty Images/SANAULLAH SEIAM
Sicherheitspersonal der Taliban überwacht in Kandahar Wartende im Hilfszentrum des „King Salman Humanitarian Aid and Relief Centre“ im April 2026. Die saudische Organisation verteilt Nahrungsmittelhilfe, auf die die Mehrheit der Bevölkerung angewiesen ist.
Afghanistan
Um Geflüchtete nach Afghanistan abschieben zu können, gehen europäische Regierungen auf das Taliban-Regime zu. Wie fest das im Sattel sitzt, ob es moderate Taliban gibt und wie die Lebensbedingungen der Bevölkerung sind, erklärt der Afghanistan-Experte Conrad Schetter.

Conrad Schetter ist Direktor des Bonn International Center for Conflict Studies (BICC) und Mitautor des Buches „Die Taliban. Geschichte, Politik, Ideologie“  (Beck 2022).

Vor bald fünf Jahren haben die Nato-Truppen sich aus Afghanistan zurückgezogen und die Taliban wieder die Macht übernommen. Regieren sie heute mehr oder weniger unangefochten, oder gibt es Oppositionsgruppen? 
Insgesamt haben die Taliban es geschafft, die Kontrolle über das Land zu gewinnen. Es gibt kaum eine nennenswerte Opposition. In der Provinz Kundus sowie in Nangarhar nahe der Grenze zu Pakistan existieren nach wie vor Gruppen, die sich zum Islamischen Staat-Provinz Khorasan zählen, aber die sind eher klein. Eine organisierte demokratische Opposition gibt es nicht. Proteste wie jüngst in Herat gegen die Verhaftung von Frauen, die sich nicht an die Kleiderordnung gehalten hatten, gibt es zwar in den Städten immer wieder. Sie sind aber mit höchstens ein paar hundert Menschen eher klein und werden umgehend von den Taliban gewaltsam unterdrückt. Und sie nehmen keine Größenordnung an, die etwa die Herrschaft der Taliban gefährden würde. Die größten politischen Spannungen entstehen innerhalb der Taliban selbst. 

Haben die im ganzen Land einen funktionierenden Staatsapparat aufgebaut? 
Das sieht so aus. Zumindest haben sie ihr System bis auf die Dorfebene hinunter organisiert und wirken sehr hierarchisch in die Gesellschaft hinein. Interessant ist aber, dass gleichzeitig ein Parallelsystem entstanden ist. Auf der einen Seite sind die Ministerien von der Hauptstadt Kabul über die Provinz- und Distriktebene bis nach unten vertreten. Gleichzeitig hat aber der oberste Führer der Taliban, Emir Hibatullah Achundsada, der auch das Staatsoberhaupt ist, von Kandahar aus in allen Provinzen ein System von Shuras, also Räten, von religiösen Würdenträgern aufgebaut. Die kontrollieren in gewissem Maße die Handlungen der staatlichen Institutionen und sind so etwas wie der Informationsdienst des Emirs.

Gibt es verschiedene Strömungen unter den Taliban oder entscheidet der Emir, und der Rest muss gehorchen? 
Beides. In den Parallelstrukturen ist eine Konkurrenz zwischen dem Emir und den Regierungs-Taliban in Kabul angelegt. Im Westen neigt man dazu, Letztere oder die Taliban-Vertretung in Doha als moderat anzusehen im Unterschied zum sehr konservativen Emir. Die Verhältnisse sind aber komplizierter. Unter den Taliban spielen regionale Identitäten eine Rolle. Strittig ist auch, ob der Herrschaftsanspruch einem spirituellen Führer wie dem Emir zusteht oder etwa den Nachkommen von Mullah Omar, dem 2013 gestorbenen Mitgründer und ersten Führer der Taliban. Und es gibt auch einige Taliban, die über eigene, recht große Militärverbände verfügen und hieraus Machtansprüche ableiten. Oft wird der Innenminister Sirajuddin Haqqani, der die Polizei kontrolliert, als Gegenspieler des Emirs genannt, aber ich wäre da vorsichtig. Die Netzwerke ändern sich andauernd. Von außen hat man kaum einen Einblick, wer gerade mit wem verbündet ist.

Gibt es tatsächlich so etwas wie moderate Taliban? 
In gewisser Weise schon. Auf der einen Seite werden die Taliban gerade bei Frauen- und Menschenrechten immer radikaler und machen immer härtere Vorschriften. Die jüngste ist, dass den Frauen nur noch in Vollverschleierung auf die Straße gehen dürfen. Auf der anderen Seite haben aber auch viele Taliban Familien und sind zu Hause damit konfrontiert, dass ihre eigenen Frauen Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung haben wollen. Deshalb gibt es einige, die gern eine Lockerung sehen würden. Gerade über die Stellung der Frau gibt es Kontroversen. Allerdings herrscht unter den Taliban ein starker Korpsgeist, Differenzen werden kaum nach außen getragen. 

Warum haben die Taliban den Regierungsmitarbeitern von kurzem die Benutzung von Smartphones verboten?
Da geht es vor allem um Sittenkontrolle, weil mit Smartphones ja Videos und Fotos heruntergeladen werden. Jetzt ist seit längerem die Kontrolle von Smartphones ein großes Thema. Vor einem Jahr haben die Taliban das gesamte Mobilfunknetz abgeschaltet, um die Sittenstrenge im Lande zu erhöhen. Zudem wollen die Taliban verhindern, dass Interna aus der Regierung an die Öffentlichkeit geraten.

Wie finanzieren die Taliban sich und ihren Staat? 
Vor allem mit der Ausbeutung von Bodenschätzen wie Gold und Kupfer und von Holzbeständen, die abgeholzt und überwiegend illegal nach Pakistan ausgeführt werden. Rohstoffausbeutung ist eine ihrer letzten Finanzierungsquellen. 

Wovon lebt die Bevölkerung? 
Sehr wichtig ist die Subsistenzlandwirtschaft, die aber immer wieder von Dürren geschädigt wird. Auch Kleinhandel gibt es. Aber dass die Bevölkerung sich noch über Wasser hält, liegt vor allem an den hohen Rücküberweisungen von Afghanen aus dem Nahen Osten und aus Europa. Ohne diese wäre das Land schon längst wieder in einer Hungersnot versunken. Man schätzt, dass etwa 60 Prozent der Afghaninnen und Afghanen von humanitärer Hilfe abhängig sind, gerade in den ländlichen Regionen, und die Zahl steigt. Man sieht das auch daran, dass immer mehr Menschen in die Städte abwandern, um dem Hunger zu entgehen. Ich fürchte, wenn eine größere Dürre eintritt, erfasst eine Hungersnot das ganze Land. 

Eine nach Pakistan geflohene afghanische Familie wird im April 2026 zurückgeschickt. Pakistan und der Iran haben seit 2023 über zwei Millionen Afghaninnen und Afghanen in ihre Heimatland abgeschoben.

Wirken sich hier auch Kürzungen der internationalen Hilfe aus? 
Absolut. Das Welternährungsprogramm musste gerade erst wieder die Essensrationen für Hilfsempfänger zusammenkürzen, und man sieht immer öfter, dass Menschen, die zu den Verteilungsstellen kommen, da leer ausgehen. Auch das Gesundheitswesen, in das früher viel internationale Hilfe geflossen ist, kann heute nur rudimentär aufrechterhalten werden. Am schlimmsten ist das für Frauen, weil Ärztinnen kaum die Möglichkeiten haben, ihren Beruf auszuüben, und aufgrund des Studiumverbots für Frauen keine neue Generation an Ärztinnen nachkommt. Gleichzeitig dürfen aber männliche Ärzte Frauen nicht behandeln. 

Wie nimmt die Gesellschaft unter diesen Bedingungen Hunderttausende auf, die seit 2023 aus Pakistan oder dem Iran nach Afghanistan abgeschoben worden sind? 
Abgeschoben wurden weit über zwei Millionen Menschen. Die meisten Abgeschobenen gehen in die Großstädte. Die wachsen enorm und dort entstehen Flüchtlingslager unter enorm prekären Bedingungen. Viele Afghanen versuchen natürlich, zu Familienangehörigen zu gehen. Das ist eine enorme Belastung. Ich bin erstaunt, wie die Gesellschaft das bewältigt und dass bisher hier größere Proteste ausgeblieben sind. 

Wovon leben die Zurückgeschobenen? 
Vor allem internationale Organisationen unterstützen sie. Etwas Hilfe gibt es inzwischen auch von den Taliban, da haben die Ministerien sich koordiniert. 

Seit April ist Afghanistan im Kriegszustand mit dem Nachbarland Pakistan. Hat das die Not und auch die Repression noch verschlimmert? 
Das ist sehr schwer zu sagen. Die Kämpfe mit Pakistan beschränkten sich auf ein, zwei Wochen im April, in denen sie sich gegenseitig entlang der Grenze beschossen haben. Der Krieg ist nicht beendet, aber er dümpelt mit gelegentlichen Scharmützeln an der Grenze vor sich hin. Auf das Überleben der Afghanen wirkt er sich anscheinend wenig aus. Und einen größeren Krieg erwarte ich nicht. 

Können Europa oder Deutschland etwas tun, um die Lage in Afghanistan zu verbessern? 
Dazu müsste Europa mehr humanitäre Hilfe und Entwicklungshilfe leisten, statt diese wie zuletzt zusammenzustreichen. Man darf auch die afghanische Zivilgesellschaft nicht allein lassen. Und natürlich sollte man die Ortskräfte, die den Einsatz in Afghanistan unterstützt hatten und denen man schon eine Aufnahme zugesagt hat, tatsächlich nach Deutschland lassen.

Kann man denn Hilfe leisten, ohne dass die Taliban sie missbrauchen?
Das kann man nicht ganz vermeiden. Die Taliban versuchen, an der Hilfe teilzuhaben, die noch nach Afghanistan kommt, und wollen etwa bei der Auswahl der Bedürftigen ein Wort mitsprechen – zum Beispiel indem sie Gemeinden priorisieren, in denen verdiente Kämpfer sitzen. Hilfsorganisationen versuchen aber, an den Taliban und dem Staat vorbei zu arbeiten. Das geht bis zu einem gewissen Grad, aber nicht vollständig. Doch man muss hier bedenken, dass die Taliban mit der Bevölkerung verwoben sind; es ist sehr schwer zu sagen, wer dazugehört. Wenn etwas von der Hilfe für Taliban abfällt, aber das Gros bei den richtigen Leuten ankommt, ist das kein Argument, die Hilfe einzustellen oder runterzufahren. So etwas muss man in allen Konfliktregionen in Kauf nehmen.

Welche Gruppen der Zivilgesellschaft gibt es denn, die man unterstützen kann? 
In Städten gibt es nach wie vor Gruppen, die zum Beispiel privat Unterricht für Mädchen anbieten. Sie versuchen auch, Menschen- und Frauenrechte gegenüber den Taliban zumindest anzusprechen. Die Bundesregierung sollten hier deutlich machen: Wir lassen euch nicht allein. Schon digitales Training oder Coaching kann ihnen helfen. 

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Sollte man angesichts der wirtschaftlichen Not Sanktionen gegen Afghanistan lockern? 
Die Sanktionen sind zwar einer der Gründe für die Wirtschaftsmisere, aber wenn sie einfach aufgehoben würden, würde vor allem das Taliban-Regime profitieren und an Anerkennung gewinnen. Man sollte sie nur in kleinen Schritten bei Erfüllung einzelner Bedingungen zurückfahren. Gut wäre ein Fahrplan mit verschiedenen Stationen etwa für die Wiederherstellung der Frauenrechte; den Taliban sollte man sagen: Wenn ihr diesen Fahrplan einhaltet, werden Sanktionen entsprechend eine nach der anderen gelockert. So könnte man hier etwas erreichen. Man sollte dabei zuerst die Lockerungen vorsehen, von denen die Bevölkerung stark profitiert. Das sind vermutlich vor allem die Sanktionen auf Exporte, da diese die private Wirtschaft behindern. 

Die EU erkennt die Regierung der Taliban nicht an, hat aber in Brüssel gerade mit einer Taliban-Delegation verhandelt, um geflohene Afghanen abschieben zu können. Was erhoffen sich die Taliban ihrerseits von den Gesprächen? 
Ihre Haltung ist: Wenn ihr afghanische Flüchtlinge abschieben wollt, müsst ihr uns etwas anbieten. Für die Taliban ist der Empfang der Delegation in Brüssel und auch die Entsendung konsularischer Mitarbeiter etwa nach Deutschland ein symbolischer Gewinn und ein wichtiger Meilenstein: Es ist keine Anerkennung de jure, aber de facto. Sie hoffen, am Ende von Europa auch juristisch als Regierung anerkannt zu werden. Und das ist nur noch eine Frage der Zeit angesichts des innenpolitischen Drucks in Europa beim Thema Migration. Nicht nur deshalb ist die Abschiebepraxis enorm problematisch. Mit den Taliban einen Deal zu machen und gleichzeitig die Menschenrechtslage in Afghanistan anzuprangern, ist ein Fall von Doppelmoral und macht die Europäer erpressbar. Und erst hieß es, man wolle nur Schwerverbrecher abschieben, das sind in deutschen Gefängnissen vielleicht hundert. Jetzt will man mit denen nur „anfangen“ und plant drei bis vier Flüge nach Afghanistan, das ergibt über tausend, die pro Jahr deportiert werden sollen. Rückführungen in Länder, in denen Folter und Hinrichtungen möglich sind und Menschenrechte missachtet werden, verstoßen gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und die Europäische Menschenrechtskonvention. Aber genau das macht die Bundesregierung und demnächst wohl auch die EU.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

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