„Dem Druck radikaler Muslime nicht nachgeben“

Die indonesische Polizei hat auf Druck radikaler Islamisten 17 Kirchen in der Region Singkil Aceh geschlossen, darunter die Christliche Kirche in Indonesien, eine Mitgliedskirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), sowie die Pakpak-Dairi Protestant Church, zu der die VEM enge Verbindungen hat. Jochen Motte vom Vorstand der VEM war in Indonesien und hat mit Betroffenen gesprochen.

Wie haben die Behörden die Schließungen begründet?

Sie haben dem Druck radikaler Islamisten nachgegeben, die immer wieder vor den Kirchen gegen die Christen demonstriert haben. Offiziell begründet wurde die Entscheidung mit einer Übereinkunft, die seit 1979 in Indonesien gilt und 2001 erneuert wurde. Demnach darf eine Kirche ein Kirchengebäude und vier kleinere Gottesdienststätten bauen, die kleiner als eine Moschee sein müssen. Außerdem müssen 60 Nachbarn aus dem Umfeld der geplanten Kirche ihr Einverständnis für den Bau geben. Diese Regelung gilt nur für Neubauten. In Singkil Aceh haben die Behörden diese Bestimmungen jetzt aber rückwirkend angewendet.

Geht das so einfach?

Es gibt verschiedene Fälle von Diskriminierung, in denen es ähnlich gelaufen ist. Immer wieder haben Kirchen geklagt, haben sogar bis in die höchsten Instanzen Recht bekommen. Doch selbst wenn das Oberste Gericht ein Urteil zugunsten der Kirchen fällt, heißt das noch lange nicht, dass die lokalen Behörden sich danach richten.

Wie gehen die Kirchen mit dieser Situation um?

Die Gemeinden wollen sich mit dem Druck der Extremisten und der Untätigkeit der Behörden nicht abfinden. Der Indonesische Kirchenrat sucht bewusst den Kontakt zu seinen ökumenischen Partnern und geht gemeinsam mit ihnen an die Öffentlichkeit.

Gibt es Anzeichen, dass auch unter den Christen die Fanatisierung zunimmt?

Meines Wissens nicht. Insgesamt wächst aber die Besorgnis, dass der Einfluss extremer Minderheiten in der Bevölkerung weiter zunimmt. Die Kirchen intensivieren den Dialog mit den Muslimen. Es geht uns und dem Indonesischen Kirchenrat nicht nur um Christinnen und Christen, die diskriminiert werden. Angehörige nicht offiziell anerkannter Minderheiten wie der Ahmadiyya sind schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt.

Was kann die VEM tun, wenn ein Mitglied so unter Druck gerät?

Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht der Beitrag von Kirchen zum friedlichen Miteinander und zum Dialog. Bei einer großen Tagung 2010 in Deutschland haben wir indonesische Religionsvertreter zusammengebracht und darüber diskutiert, wie wir den Dialog fördern und uns für die Religionsfreiheit in Indonesien einsetzen können. Wir sagen den Indonesiern nicht, was sie tun sollen. Sondern wir unterstützen sie in ihrem Einsatz für die Menschenrechte. In Deutschland versuchen wir, zu einer differenzierten Diskussion über Indonesien beizutragen. Denn die Lage ist von Region zu Region ganz unterschiedlich. Es ist nicht hilfreich, pauschal zu behaupten, dass die Christen in Indonesien verfolgt werden.

Was tun die anderen VEM-Mitgliedskirchen für die Brüder und Schwestern in Aceh?

Über unsere Publikationen und über unseren Prayer Alert sind alle Mitgliedskirchen über Vorgänge wie die in Aceh informiert. Von einigen erhalten wir Solidaritätsschreiben. Sie leisten Fürbitte für die Betroffenen oder geben die Informationen an ihre Gemeinden weiter. Im Oktober wird die VEM ihre Vollversammlung in Indonesien abhalten. Dabei wird das Zusammenleben mit Menschen anderen Glaubens Thema sein. Mit diesem Thema setzen wir uns zudem kontinuierlich auseinander. Unsere Programme wie der Freiwilligenaustausch oder Fortbildungsseminare für kirchliche Mitarbeitende dienen auch der Bewusstseinsbildung in Sachen Religionsfreiheit und Menschenrechte.

Gibt es Chancen, dass die Kirchen in Singkil Aceh wieder geöffnet werden?

Das lässt sich schlecht vorhersagen. Zurzeit müssen die 15.000 Christen der Region ihre Gottesdienste in Privatwohnungen oder unter freiem Himmel feiern. Wichtig ist, dass die Regierung in Jakarta entschieden gegen die radikalen Gruppen vorgeht. Sie muss durchsetzen, dass die lokalen Behörden die nationalen Gesetze auch anwenden. Es ist ein falsches Signal, wenn ein Straftäter, der einen Angehörigen einer religiösen Minderheit umgebracht hat, mit wenigen Monaten Haft davonkommt. Indonesien ist bei der Demokratisierung schon wichtige Schritte gegangen. Wenn die indonesische Regierung aber international auf Augenhöhe weiter mitreden will, muss sie sich für die Wahrung der Menschenrechte im eigenen Land stärker einsetzen. 

Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck

Jochen Motte leitet die Abteilung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bei der VEM.

erschienen in Ausgabe 7 / 2012: Konzerne: Profit ohne Grenzen

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