Träger der Identität

Über 6900 Sprachen werden auf der Welt gesprochen – doch es werden immer weniger. Nicht zufällig verschwinden vor allem Sprachen, die von armen und politisch benachteiligten Gemeinschaften gesprochen werden. Damit geht nicht nur deren Wissen verloren, sondern auch ein unverzichtbarer Träger der gemeinsamen Identität und Kultur für die Betroffenen.
Was ist das für ein Gefühl, der letzte lebende Sprecher einer Sprache zu sein? Die meisten, die eine weit verbreitete Sprache wie Spanisch, Englisch und Chinesisch sprechen, können sich das sicher kaum vorstellen. Als Linguisten 1992 in die Türkei eilten, um Tevfik Esenc aufzunehmen, hatte dieser schon die Inschrift seines Grabsteins formuliert: „Hier ruht Tevfik Esenc. Er war der letzte Mensch, der Ubykh sprach.“ In einem anderen Teil der Welt, auf der Isle of Man vor der Küste Irlands, erinnerte sich Ned Maddrell noch in den 1960er Jahren daran, wie in seiner Kindheit vor der Jahrhundertwende jeder dort Manx sprechen und verstehen konnte. In seiner Jugend gewann das Englische bereits mehr und mehr an Bedeutung. Als Maddrell 1974 starb, war er einer der Letzten, die Manx konnten. Marie Smith-Jones, die Vorsitzende des Ältestenrats der Eyak und letzte lebende Sprecherin des Eyak – einer der rund zwanzig indigenen Sprachen in Alaska – starb 2008. Wie viele Menschen werden ihr Schicksal noch teilen?

Autorin

Suzanne Romaine

ist seit 1984 Merton-Professorin für Anglistik an der Universität Oxford. Sie hat zusammen mit Daniel Nettle das Buch „Vanishing Voices. The Extinction of the Worlds’ Languages“ (Oxford 2000) vorgelegt.

Leider sind diese Geschichten nur die Spitze des Eisbergs: Sprachen sterben mit einer alarmierenden Geschwindigkeit aus. 60 bis 90 Prozent der gegenwärtig über 6900 gesprochenen Sprachen sind in Gefahr, innerhalb der nächsten hundert Jahre auszusterben. Damit sind Sprachen weitaus stärker gefährdet als Pflanzen und Tiere – die pessimistischsten Schätzungen gehen von einem Verlust von 40 Prozent der Pflanzen- und Tierarten aus. Sogar während Sie diesen Text lesen, sind wahrscheinlich ein paar der letzten Sprecher einer Sprache gestorben und haben diese mit in ihre Gräber genommen.

Der biologische und der linguistische Aussterbeprozess haben viel gemeinsam. Im ersten Fall wird die lokale Artenvielfalt von wenigen weit verbreiteten, vornehmlich europäischen oder asiatischen Arten wie Weizen, Reis und der Milchkuh verdrängt. Bei den Sprachen haben sich ebenfalls ein paar wenige europäische oder asiatische Sprachen über die letzten Jahrzehnte hinweg verbreitet. Spanisch und Portugiesisch haben die meisten indigenen Sprachen Südamerikas ersetzt, Englisch hat die Sprachen Nordamerikas und Australiens verdrängt. Nur neun Sprachen haben jede mehr als hundert Millionen Sprecher, die zusammen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen. Knapp 6 Prozent der Sprachen (gut 400 von etwa 6900) werden jeweils von mindestens einer Million Menschen gesprochen, und die stellen zusammen 94 Prozent der Weltbevölkerung. Die übrigen 94 Prozent der Sprachen werden von nur 6 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. So hängt der Bestand der linguistischen Vielfalt von einer kleinen Gruppe von Menschen ab, von denen viele zu den Ärmsten gehören und auf gesunde Ökosysteme angewiesen sind. Ohne die ist es für diese Gruppen schwierig, ihre Lebensweise und ihre kulturelle Identität aufrecht zu erhalten, von der auch die Weitergabe und Lebendigkeit ihrer Sprachen abhängt. Menschen können offensichtlich auch überleben, wenn ihre traditionellen Sprachen in Vergessenheit geraten. Warum also sollte es irgendeine Rolle spielen, ob Ubykh und tausende andere Sprachen sterben, solange die Leute selbst überleben? Ist es nicht sogar besser, dass immer mehr Menschen immer weniger verschiedene Sprachen sprechen, weil es die Verständigung und vielleicht sogar das gegenseitige Verständnis erleichtert?

Doch das Problem der bedrohten Sprachen kann nicht von den Menschen, ihren Identitäten, ihrem kulturellen Erbe und ihrem Wohlergehen getrennt werden. Der Tod von Sprachen ist weder ein Frage des Überlebens der Stärksten noch das Ergebnis eines Wettbewerbs zwischen Gleichen auf einem idealisierten Markt. Sondern er ist das Resultat von verschiedenen Geschwindigkeiten des sozialen Wandels, was erschütternde Ungleichheit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern und auch innerhalb von Entwicklungsländern hervorruft. Das Verschwinden einer Sprache und der mit ihr verbundenen Kultur ist fast immer Teil eines größeren Prozesses von sozialer, kultureller und politischer Verdrängung. Es ist kein Zufall, dass die meisten Sprachen und Kulturen, die vom Aussterben bedroht sind, solche von sozial und politisch marginalisierten und untergeordneten Gruppen sind. Menschen geben ihr tradiertes Wissen normalerweise nicht auf, sondern geben es weiter, auch wenn es über die Zeit seine Form ändert. Weil ein großer Teil der Sprache kulturspezifisch ist, geht ihr Aussterben mit einem Gefühl von Traditions- und Identitätsverlust einher.

Das Verschwinden von Sprachen hat kulturelle, linguistische und wissenschaftliche Folgen, die wir gerade erst zu erkennen beginnen. Was passiert beispielsweise mit dem traditionellen und ökologischen Wissen, das auf Tausenden Jahren Erfahrung mit dem Leben in einer Welt der Vielfalt beruht? Die Kultur des großen Andamanen-Stammes, der letzten Überlebenden der vorsteinzeitlichen Bevölkerung Südostasiens, ist akut vom Aussterben bedroht. Doch alle 49 Mitglieder des Stammes haben den Tsunami überlebt, der den indischen Ozean und den Golf von Bengalen im Dezember 2004 überrollte, weil sie genau wussten, welche Bäume den Fluten standhalten würden. Traditionelles Wissens, das Generation für Generation mündlich weitergegeben wird, ist immer nur eine Generation vom Aussterben entfernt. Das Verschwinden hunderter Arten von Fisch, Vögeln und anderer Lebensformen, zusammen mit ihren Namen und dem Wissen über ihr Vorkommen und ihr Verhalten, stellt einen unglaublichen Verlust für die Wissenschaft dar. Und das zu einer Zeit, in der wir dringender denn je lernen müssen, lokale Ökosysteme effektiver und nachhaltiger zu bewahren.

Um das Aussterben einer Sprache sollten wir uns aus demselben Grund sorgen wie um das Verschwinden einer Tier- oder Pflanzenart. Es verringert die Vielfalt unseres Planeten und führt zu kultureller Verarmung. Knapp 80 Prozent der Sprachen sind derzeit ungeschrieben und undokumentiert – mit ihnen wird ein großer Teil des facettenreichen intellektuellen Erbes der Menschheit verloren gehen. Auch wenn wir das Verschwinden der meisten Sprachen und Kulturen überleben werden, so wird doch die Lebensqualität für diejenigen dramatisch abnehmen, deren einzigartige Stimmen für immer verschwinden werden. Vielleicht droht ihnen sogar der Verlust jeglichen Lebenssinns . Für die Lebendigkeit unserer Kultur ist linguistische Vielfalt genauso wichtig wie die biologische Vielfalt für unsere körperliche Gesundheit.

Viele halten Mehrsprachigkeit für den Fluch von Babel, ein Hindernis für politische Einheit, Modernisierung und wirtschaftlichen Fortschritt. Aber eine gemeinsame Sprache war niemals ein Garant für Frieden und Wohlstand. Dass mehr als 99 Prozent der Bevölkerung Ruandas Kinyarwanda spricht, hat den Genozid in Ruanda nicht verhindert, und in Somalia brach trotz der einheitlichen Sprache ein Bürgerkrieg aus. Dagegen ist in modernen Staaten wie der Schweiz und Singapur die Anerkennung der Mehrsprachigkeit ein entscheidender Faktor der politischen Einheit.

Kulturelle und linguistische Vielfalt fördern Toleranz und sorgen so für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis. Das Neue Testament enthält ein ganz anderes Bild als den Turm zu Babel: Sprachliche Vielfalt kommt als göttlicher Segen über die Apostel und die Jünger werden mit der wundervollen Gabe des Zungenredens beschenkt. Kultureller und linguistischer Pluralismus ist weit entfernt davon, als spaltende Kraft den nationalen Zusammenhalt und die politische Identität zu schwächen, sondern kann in einer Welt der Vielfalt zur Quelle einer neuen Humanität werden.

Was kann man gegen das Sterben der Sprachen tun? Sprachgemeinschaften auf der ganzen Welt versuchen ihre Sprachen zunehmend über Schulen und andere Unterrichtsprogramme am Leben zu erhalten. Mehr als tausend Grundschüler und etwa 100 Schüler an weiterführenden Schulen lernen derzeit Manx. Es gibt Programme wie das populäre Maori Te Kōhanga Reo („Sprachnest“) in Neuseeland, die einen geschützten Rahmen bieten, in dem Ältere und andere Betreuer kleine Kinder in Maori „eintauchen“ lassen. Andere Varianten bauen darauf, im Unterricht zwei gleichberechtigte Sprachen zu verwenden – zeitweise die eine, zeitweise die andere –, kombiniert mit einer dritten, unterrichteten Sprache. So sind in Teilen des Baskenlandes in der Grundschule Baskisch und Spanisch die Unterrichtssprachen, und Englisch wird ab dem Kindergarten als Fach unterrichtet. Damit das erfolgreich ist, braucht man Unterrichtsmaterial und fließend sprechende Lehrkräfte, was nicht so leicht ist, wenn eine Sprache nur noch von sehr wenigen gesprochen wird.

Ein anderes Modell bringt Ältere und Lernende in Sprachcamps, die meist im Sommer abgehalten werden, mehrere Tage lang zusammen. Dort nehmen sie an Kulturprogrammen teil, in denen in unterschiedlichem Ausmaß indigene Sprachen verwendet werden. In Kalifornien und anderen Teilen Nordamerikas können Sprachlernende an einem Meister-Lehrling-Programm teilnehmen, in dem ein Älterer und ein Schüler zusammenkommen und die indigene Sprache bei Alltagsbeschäftigungen während alltäglicher Aktivitäten verwenden.

Ohne Verankerung in einer Sprachgemeinschaft werden solche Programme die Sprachen nicht retten können. Denn Sie gehen nicht die Gründe des Problems an. Eine Sprache kann nur weiterleben, wo sie von einer Gemeinschaft gesprochen und weitergegeben wird. Boa Sr hatte 30 oder 40 Jahre lang niemanden, mit dem sie ihre Sprache Bo sprechen konnte, bevor sie 2010 auf den Andamanen starb. Eine Sprache mit nur einem überlebenden Sprecher ist als Kommunikationsmittel aber schon gestorben.

Und eine Gemeinschaft kann nur dort existieren, wo sie einen stabilen Lebensraum hat und außerdem die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wo Gemeinschaften nicht gedeihen können, sind auch ihre Sprachen in Gefahr. Wenn Sprachen ihre Sprecher verlieren, dann sterben sie. Sprachen in Grammatiken und Wörterbüchern zu dokumentieren und sie in Schulen zu unterrichten, ist so unzureichend wie der Versuch, Pandas zu retten, indem man sie in Zoos sperrt oder ausgestopft ins Museums stellt, statt sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen oder sicherzustellen, dass sie sich fortpflanzen können. Strategien, die das sozio-ökonomische und kulturelle Wohlergehen einer Gemeinschaft fördern sollen, werden auch der Sprachenvielfalt zugute kommen.

erschienen in Ausgabe 10 / 2011: Globalisierung: Auf dem Weg zur Einheitskultur?

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