Zäher Kampf um Anerkennung: Schwule und Lesben demonstrieren in der costarianischen Hauptstadt San José Mitte 2012 für mehr Rechte.

Das Kreuz mit dem Regenbogen

Brasilien macht den Weg frei für die Homo-Ehe. Künftig dürfen die Behörden homosexuellen Paaren den Trauschein nicht länger verweigern. Damit stellt sich das Land gegen die kirchliche Verdammung sexueller Vielfalt. Diese stößt in ganz Lateinamerika zunehmend auf Widerspruch.

Vielen Menschen in Costa Rica fällt es offenbar noch immer schwer, Dinge zu akzeptieren, die von der katholischen Moralvorstellung abweichen. Ein Kinobesuch: Es läuft „Midnight in Paris“ von Woody Allen. Ein Film für Paare, dem Publikum nach zu urteilen. Ein junger Mann mit seiner Freundin im Arm, viele Ehepaare. Und zwei Schwule, die sich im vermeintlichen Schutz des Flimmerlichts ebenfalls umarmen. Es dauert keine Minute, bis drei Reihen hinter ihnen eine ältere Dame die beiden ankeift, solche öffentlich zur Schau gestellten Neigungen würden sie direkt in die Hölle bringen. Womit sie nicht gerechnet haben dürfte, ist der heftige Widerspruch, den sie aus dem Publikum erntet.

Für heftige Diskussionen hatte im Mai 2012  der evangelikale Politiker Justo Orosco gesorgt. Weil seine Partei der langjährigen Regierungspartei PLN von Präsidentin Laura Chinchilla erneut zur Kongressmehrheit verhalf, die sie ein Jahr zuvor verloren hatte, erhielt Orosco zur Belohnung den Vorsitz des parlamentarischen Menschenrechtsausschusses. Als eine seiner ersten Amtshandlungen beerdigte er drei in den Monaten zuvor breit diskutierte Gesetzesvorhaben: das Lebenspartnerschaftsgesetz, das Gesetz zur Legalisierung von künstlichen Befruchtungen, sowie die Umwandlung Costa Ricas in einen laizistischen Staat. Die Gesetze zu stoppen geschah sehr zur Freude evangelikaler Fundamentalisten und des katholischen Erzbischofs. Heftigen Widerstand aus den Kirchen erntet derzeit auch das Regierungsvorhaben, an allen öffentlichen Schulen Sexualaufklärung zu lehren.

Autor

Markus Plate

veröffentlicht seit mehr als zehn Jahren Reportagen und Radiobeiträge zu Lateinamerika. Zurzeit arbeitet er als Fachkraft für Brot für die Welt im Kommunikationszentrum Voces Nuestras in San José, Costa Rica.

Doch trotz dieses Gegenwinds scheint die öffentliche Meinung zusehends in Richtung einer laizistischeren Gesellschaft zu kippen. Das betrifft auch die Akzeptanz von Lebensentwürfen, die nicht heterosexueller Natur sind – nicht nur in Costa Rica, sondern in ganz Lateinamerika. Der Kontinent, auf dem der Vatikan über Jahrhunderte festlegte, was moralisch und was unmoralisch ist, schließt schnell zum liberaleren Europa auf und hat es an einigen Stellen sogar überholt (siehe Kasten). Es scheint, als emanzipiere sich Lateinamerika im Allgemeinen und Costa Rica im Besonderen langsam von der kirchlichen Bevormundung. Aber auch in den Kirchen Lateinamerikas wachsen Reformbestrebungen, wie etwa bei einem vom ökumenischen Forschungsinstitut Departamento Ecuménico de Investigaciones (DEI) organisierten Symposium zur Queer-Theologie  im August 2012 in Costa Rica deutlich wurde. Queere Theologie hinterfragt und kritisiert die aus ihrer Sicht angeblich neutrale, aber am Ende doch heteronormative traditionelle Theologie.

Dass die Kirche sich für Lesben, Schwule und Transsexuelle öffnet, fordern nicht nur Aktivistinnen und Aktivisten an der Basis oder queere Theologen. Auch auf höherer Ebene bemühen sich – wenn auch bislang eher vereinzelt – Kirchenvertreter aktiv um ein Ende der Diskriminierung. Die anglikanische Kirche ist in der Region eine Vorreiterin. Laut Erzbischof Martín Barahona, Bischof von El Salvador und Primas Emeritus der Kirchenprovinz Zentralamerika, versucht seine Kirche seit vielen Jahren, den christlichen Glauben in Einklang zu bringen mit dem Respekt und der Einbeziehung aller Gläubigen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung: „Für uns sind die Menschenrechte das Hauptthema, der Kampf um das Recht jedes Einzelnen an der Kommunion teilzunehmen, ohne jemanden auszuschließen. Das bedeutet auch, dass unabhängig von der sexuellen Orientierung kirchliche Ämter offenstehen,“ unterstreicht er.

Der Anglikaner Jill Robinson wurde 2003 zum ersten offen homosexuellen Bischof in den USA gewählt. Am Ende heftiger Diskussionen hatte eine Mehrheit der Glaubensvertreter beschlossen, die Kirche für Homosexuelle zu öffnen. Seither, so Barahona, entwickele seine anglikanische Kirche eine Theologie, die die Sexualität als eine Gabe Gottes versteht, die nicht unterdrückt werden soll, da sie eine Form der Kommunikation zwischen Menschen darstelle: „Wenn wir als Kirche Normen für die sexuellen Beziehungen zwischen Menschen etablieren, laufen wir Gefahr, Menschenrechte zu verletzen.“ Scharf kritisiert Barahona die Versuche verschiedener christlicher Strömungen, die Ablehnung der sexuellen Vielfalt mit Bibelstellen zu begründen, ohne den historischen und kulturellen Kontext zu berücksichtigen, in dem diese vor mehr als 2000 Jahren verfasst worden sind. „Die biblischen Autoren konnten kein Verständnis für die Bedeutung des Begriffes Homosexualität besitzen, denn dieser Begriff wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt“, sagt der Bischof.

Homo-Ehe in Lateinamerika: Langsam fallen die Schranken

Uruguay hat 2007 als erstes Land in Lateinamerika gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften legalisiert. Inzwischen haben andere Länder und Regionen nachgezogen, etwa Brasilien und…

Auch Melvin Jiménez, Bischof der lutherischen Kirche Costa Ricas, hält es für unzulässig,  Homosexualität aufgrund von Bibelstellen als „Sünde“ zu qualifizieren. „Bibeltexte, die Homosexualität verdammen, verurteilen mit derselben Stärke das Berühren einer Frau während ihrer Menstruation.“ Die Texte stammten aus einer stark patriarchal geprägten Kultur. „Wir können die Überzeugungen jener Kultur heute nicht mehr anwenden, ohne fundamentale Rechte zu verletzen.“ Gott fordere von niemandem, seiner Sexualität abzuschwören. Er verlange vielmehr, auf der Grundlage der Liebe und des Respekts gegenüber der Freiheit und der Würde eines anderen Menschen zu handeln. Im Umgang mit der sexuellen Vielfalt befinde sich die Lutherische Kirche „in einem Prozess der Überprüfung, der Bußfertigkeit und der Transformation“.

Doch so einladend sich das auch anhört: Queere Theologen stehen immer noch am Rand der kirchlichen Kultur. André Musskopf, einer der prominenten Vertreter in Lateinamerika, ist nicht etwa von seiner lutherischen Kirche Brasiliens ordiniert worden, sondern verdient seine Brötchen in einer staatlichen Institution. Viele Christen, die vergeblich darauf gewartet haben, dass ihre ursprüngliche Kirche ihre Sexualität akzeptiert, haben in der Metropolitan Community Church (MCC) eine spirituelle Heimat gefunden. Die Kirche, Ende der 1960er Jahre in Los Angeles gegründet, ist mittlerweile in 37 Ländern vertreten. Sie bietet eine „heilige Union“ an, in der sich zwei Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht zueinander bekennen können. Héctor Gutiérrez, Bischof der MCC Mexikos, war einst katholischer Geistlicher und hatte als bekennender Schwuler Ärger mit seinem Kardinal bekommen. Seine sexuelle Orientierung sei zwar kein Problem, aber doch bitte nicht in der Öffentlichkeit. „Mit dieser Doppelmoral war ich nicht einverstanden“, erklärt Gutíerrez seinen Austritt: „Ich habe durch Christus Freiheit erfahren und genau diese Freiheit möchte ich mit einem Menschen teilen können.“ Nach Meinung von Gutíerrez gehen Sexualität und Spiritualität Hand in Hand, folglich müsse sich auch die Theologie mit Sexualität auseinandersetzen.

Ganz im Gegensatz zu den offiziellen Positionen des Vatikans gegenüber Schwulen und Lesben ruft die chilenische katholische Theologin Loreto Fernández ihre Glaubensgeschwister dazu auf, einen „erwachsenen Glauben zu leben“. Er solle nicht nur blind gehorchen, sondern Streit und Diskussion ermöglichen. Die Religion dürfe auf keinen Fall dazu missbraucht werden, im Namen Jesu Christi andere zu diskriminieren. Würde er heute leben, wäre er mit den Armen befreundet, mit den Aidskranken, den Behinderten, den Sexarbeiterinnen, den Alten und den Arbeitslosen – mit all jenen, die, wie die sexuelle Vielfalt, von der Gesellschaft oft an den Rand gedrängt werden. Fernández ist zuversichtlich: „Die Erfahrung sagt uns, dass Veränderungen von unten nach oben erfolgen.“ Sie ruft die Basis der katholischen Kirche dazu auf, eine aktivere Rolle bei der Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen zu spielen.

Einigen Kirchen ist mittlerweile durchaus bewusst, dass sie ihren Auftrag, die christliche Botschaft auf einladende Weise „zu den Menschen in der Nähe und in der Ferne zu bringen” (wie es etwa die Evangelische Kirche in Deutschland definiert) gegenüber Schwulen und Lesben kaum erfüllen können, solange sie deren Sexualität verdammen. Anglikaner und Lutheraner öffnen sich langsam, in der katholischen Kirche gibt es eine Bewegung von unten, die die eigene Führung zu mehr Toleranz auffordert. Das angebliche Wort Gottes wird jedoch immer noch von christlichen Eiferern benutzt, um ganz offen Politik gegen Homosexuelle und gesellschaftlichen Fortschritt zu machen – wie das beispielsweise in Costa Rica der evangelikale Politiker Justo Orosco tut. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die aufgeschlossenen Bischöfen und kritischen Theologen und Theologinnen zunehmend zuteil wird, könnte wesentlich dazu beitragen, dass Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle unter dem Kreuz endlich mehr Akzeptanz finden.

erschienen in Ausgabe 2 / 2013: Ägypten: Aufruhr und Aufbruch

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