Schmerzhafter Rückzug aus Nicaragua

Die Dozentinnen und Dozenten der Atlantik-Universität Uraccan in der ehemaligen Bergbaustadt Siuna wollen es nicht wahrhaben: Nach 25 Jahren stellt Österreich seine Zusammenarbeit mit Nicaragua ein. Für die als Vorzeigeprojekt im armen Nordosten des Landes gepriesene Hochschule ist das eine sehr schlechte Nachricht.

Rund 60 Prozent des Gesamtbudgets der Universität und fast das gesamte Stipendienprogramm wurden zuletzt aus Mitteln der Austrian Development Agency (ADA) finanziert. Doch im nächsten Jahr wird Hubert Neuwirth, der das Kooperationsbüro in Managua leitet, die Schlüssel keinem Nachfolger mehr übergeben können. Neben dem Schwerpunktland Nicaragua sind auch die Kooperationsländer Guatemala und El Salvador sowie ein Regionalprogramm für Energie und Kleingewerbeförderung betroffen.

Autor

Ralf Leonhard

ist freier Journalist in Wien und ständiger Korrespondent von "welt-sichten".

Uraccan wurde 1995 mit Unterstützung von Horizont3000 an drei Standorten aufgebaut. Die Hochschule unterscheidet sich von traditionellen Universitäten durch die praxisbezogene Ausbildung und die enge Anbindung an die Landgemeinden. Man kann dort nicht nur Betriebswirtschaft, Soziologie, Agronomie und Umwelttechnik studieren, sondern auch Forstkunde, traditionelle Medizin und indigene Sprachen. In den Gemeinden werden Schulungen in Umweltkunde, tropischer Landwirtschaft und zum Geschlechterverhältnis angeboten.

Die Arbeit der Universität hat den Gemeinden gut getan

Die Rolle der Frau, so die übereinstimmende Meinung von Schulungsteilnehmern beiderlei Geschlechts, sei dadurch im öffentlichen Leben wie in der Familie spürbar aufgewertet worden. Gleichzeitig habe man viele Siedler, die regelmäßig Wald niederbrannten, um Mais und Bohnen anzubauen, davon überzeugen können, auf den Anbau von Kakao umzusteigen. Das ist nicht nur rentabler, sondern schont auch die Wälder. Die Gemeinde Siuna grenzt an das Waldschutzgebiet Bosawas, den größten noch erhaltenen Tropenwald Zentralamerikas. Er ist durch illegale Siedler und eine rücksichtslose Holzmafia bedroht. Einzig die Armee ist imstande, den illegalen Kahlschlag zu bremsen. Deshalb wird jetzt an der Universität ein „Umweltbataillon“ für diese Aufgabe geschult.

„In Nicaragua wurden in den letzten Jahren positive Entwicklungen in der Armutsminderung verzeichnet“, begründet Brigitte Öppinger-Walchshofer, die Geschäftsführerin der Austrian Development Agency, in einem Brief an nichtstaatliche Organisationen den Rückzug Österreichs. Hubert Neuwirth, der die Position seiner Arbeitgeberin, der ADA, vertreten muss, erklärt die Entscheidung des Außenministeriums mit Budgetzwängen: „Irgendwen muss es treffen.“ Und Uraccan sei ausgezeichnet aufgestellt; die Ausfälle könnten leicht durch andere Geldgeber kompensiert werden.

Uraccan-Vizedirektor Bismarck Lee ist weniger optimistisch: Auch andere Förderer wie Norwegen und die Niederlande zögen sich zurück. Mit Studiengebühren und staatlichen Zuschüssen könne nur ein geringer Teil der Kosten gedeckt werden. Das Stipendienprogramm für Jugendliche aus besonders armen Gemeinden sei gefährdet. Gerade unter den Mayangnas, einer marginalisierten indigenen Gruppe, fänden sich viele Talente.

Vom Rückzug Österreichs betroffen ist auch das Programm für Klein- und Kleinstunternehmen in Masaya, knapp 30 Kilometer südlich der Hauptstadt Managua. Es hat in wenigen Jahren das bodenständige Handwerk in der Region wiederbelebt. Mit Kleinkrediten und Schulungen konnten Holzschnitzer, Möbeltischler, Bäcker und zahlreiche andere Handwerkerinnen und Handwerker ihre Werkstätten vom Subsistenzniveau zu florierenden Betrieben ausbauen. Nohemí Cuevas in der Gemeinde Nandasmo zum Beispiel exportiert ihre Schaukelstühle bis nach Mexiko und in die Niederlande. Sie will ihre Werkstatt vergrößern, um die Nachfrage befriedigen zu können. „Österreich hat uns viel geholfen“, meint sie, „aber es ist noch zu früh, um uns allein zu lassen.“

Der Rückzug aus Nicaragua ist zu kurzfristig

Dem stimmt Peter Rupilius zu, Referent für Gesundheitsprojekte des nichtstaatlichen Personalentsenders Horizont3000 in Managua. Er bedauere, dass der Rückzug ohne Abstimmung mit der Zivilgesellschaft beschlossen worden sei. „Man hätte einen geordneten Abgang in fünf Jahren vorbereiten können.“ Die Frist von nur zwei Jahren hält der Mediziner für zu knapp. Allein in der Atlantikregion, wo Horizont3000 ein als vorbildlich gelobtes Gesundheitssystem aufgebaut hat, blieben mehr als 250 HIV-Infizierte ohne angemessene medizinische Versorgung, von Maßnahmen zur Prävention ganz zu schweigen. Wenn Nicaragua den Status als Schwerpunktland verliert, wird es auch für nichtstaatliche Hilfsorganisationen schwieriger, staatliche Kofinanzierung für Projekte in diesem Land zu bekommen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2011: Entwicklungsdienst: Wer hilft wem?

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