Impfstoff in der Mogelpackung?

Die globale Impfinitiative GAVI ist vor ihrer Geberkonferenz am 13. Juni in London in die Kritik geraten. Die Buko Pharma-Kampagne wirft ihr eine zu große Nähe zur Pharmaindustrie vor. Die Unternehmen Pfizer und GlaxoSmithKline etwa hätten Millionen für einen Pneumokkoken-Impfstoff erhalten, dessen Wirkung zweifelhaft sei.

Die globale Impfinitiative GAVI wurde im Jahr 2000 gegründet mit dem Ziel, Kinder in armen Ländern durch Impfungen vor Krankheiten zu bewahren. Die Allianz finanziert Impfprogramme und stellt Mittel für öffentliche Gesundheitssysteme und nichtstaatliche Organisationen (NGO) zur Verfügung. Partner sind Empfänger- und Geberländer, private Stiftungen, NGOs, die Weltgesundheitsorganisation, die Weltbank, das UN-Kinderhilfswerk Unicef sowie Hersteller von Impfstoffen. Im Vorstand sind jeweils ein Vertreter eines Pharmaunternehmens aus einem Industrieland und einer aus einem Schwellenland vertreten. Jörg Schaaber von der Buko Pharma-Kampagne, die seit vielen Jahren die internationale Gesundheitspolitik kritisch verfolgt, hält das für ein Problem: Es könne zu Interessenkonflikten führen, wenn Vertreter der Industrie zum Beispiel über den Kauf von Impfstoffen für GAVI-Impfkampagnen mitentscheiden.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Deutschland müsse mehr Geld in die Gesundheitsversorgung armer Länder investieren und Impfungen seien ein wichtiger Beitrag, sagt Schaaber. Solche Interessenkonflikte müssten aber vermieden werden. Die Pharmaindustrie müsse sich deshalb aus der Allianz zurückziehen. „Ärzte ohne Grenzen" und Oxfam unterstützen diese Forderung. GAVI-Sprecher Jeffrey Rowland hingegen weist das zurück. Bei einer öffentlich-privaten Partnerschaft könne es durchaus zu Interessenkonflikten kommen, nicht nur mit der Pharmaindustrie, sagt er. Die Allianz verfüge jedoch über Kontrollen, die verhinderten, dass Entscheidungen davon beeinflusst werden.

Kritiker monieren, der neue Impfstoff sei gar nicht neu

Gesundheitsexperte Schaaber erneuert außerdem seine Kritik an dem Finanzierungsmodell der Advance Market Commitments (AMC). Bei solchen Abnahmegarantien versprechen öffentliche Geldgeber Pharmafirmen, eine bestimmte Menge von Impfdosen zu einem festen Preis zu kaufen mit dem Ziel, dadurch die Forschung zu vernachlässigten Krankheiten anzuregen. Mit dem ersten AMC vom Juni 2009 wurde ein Impfstoff gegen Pneumokokken entwickelt, die Erreger von Lungenentzündung. Laut Schaaber ist das eine „Mogelpackung": Es handele sich nur um die neue Version eines bereits existierenden Impfstoffes: Dieser sei verbessert worden, um damit auch Varianten des Erregers zu bekämpfen, die vor allem in armen Ländern vorkommen.

GAVI-Sprecher Rowland verteidigt die Wahl des Pneumokokken-Impfstoffes als erstes AMC-Projekt. Zwar sei tatsächlich bereits im Jahr 2000 in den USA ein Impfstoff auf den Markt gekommen. Die Abnahmegarantie habe aber dazu beigetragen, die Entwicklung eines geeigneten Impfstoffs für die Länder des Südens und seine Herstellung in großen Mengen zu beschleunigen. So habe etwa GlaxoSmithKline (GSK) in Singapur eigens eine Fabrik errichtet. Ohne das AMC hätte das Unternehmen das sicher nicht getan, sagt Rowland. Schaaber bezeichnet das als „gewagte Behauptung". Die beteiligten Pharmafirmen Pfizer und GSK hätten ihre verbesserten Impfstoffe bereits 2009 auf dern Markt gebracht. Angesichts des langen Vorlaufs, den die Pharmaforschung für sich in Anspruch nehme, könne das AMC für die Entwicklung der Stoffe kaum ausschlaggebend gewesen sein.

Schaaber kritisiert, das AMC sei eine „direkte Subvention" von Pfizer und GSK. Der vereinbarte Preis pro Impfdosis liege mit 7 US-Dollar für das erste Fünftel der Lieferung und 3,50 US-Dollar für den Rest deutlich über den Produktionskosten, die auf 1 bis 2 US-Dollar geschätzt werden. Die Entwicklungsländer sollen sich daran mit 30 Cent pro Impfdosis beteiligen, den Rest trägt die GAVI-Allianz, die zu einem großen Teil aus öffentlichen Entwicklungshilfemitteln finanziert wird.

GAVI-Sprecher Rowlands betont, im Vergleich zu Europa, wo eine Impfdosis 60 Euro koste, sei der Preis bereits jetzt sehr gering. Zur Anschubfinanzierung der Abnahmegarantie hatten Italien, Großbritannien, Kanada, Russland, Norwegen sowie die Bill & Melinda Gates Stiftung 1,5 Milliarden US-Dollar zugesagt. 20 Prozent der Summe wurden laut GAVI bislang für die Dosen von Pfizer und GSK ausgegeben. Derzeit seien zwei Pharmafirmen aus Indien dabei, sich mit einem eigenen Impfstoff für das Pneumokkoken-AMC zu registrieren, berichtet Rowlands. Dies werde den Wettbewerb zwischen den beteiligten Unternehmen fördern und die Preise senken. Die Nachfrage sei größer als erwartet. Bis 2015 benötige GAVI weitere 1,3 Milliarden US-Dollar, um das Programm zu finanzieren. Insgesamt will die Allianz bei der Geberkonferenz in London 3,7 Milliarden US-Dollar einwerben, um ihre geplanten Immunisierungsprogramme bis 2015 zu finanzieren.

Doch bei dem neuen Pneumokokken-Impfstoff geht es nicht nur ums Geld. Gesundheitsexperten stellen auch seine Wirksamkeit in Frage. Ob sein Einsatz tatsächlich die Zahl der Kinder senken könne, die an Lungenentzündung sterben, sei wissenschaftlich „nicht ausreichend belegt", sagt Schaaber. Laut GAVI soll der Impfstoff bis 2015 in mehr als 40 armen Ländern eingeführt werden und 700.000 Kindern das Leben retten. Bislang wurden Impfkampagnen in Kenia, Guyana, Nicaragua, Jemen und der Demokratischen Republik Kongo gestartet.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2011: Wir konsumieren uns zu Tode

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