Im Brennpunkt

Bangladesch: Kaum Entschädigung

Textilfirmen zahlen zu wenig für die Opfer des Fabrikeinsturzes
Textilfirmen zahlen zu wenig für die Opfer des Fabrikeinsturzes

(10.04.2014) Ein Jahr nach dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch kämpfen Opfer und Hinterbliebene noch immer um Entschädigung. Bei dem Unglück in der Nähe der Hauptstadt Dhaka kamen mehr als 1130 Menschen ums Leben, über 1500 weitere wurden verletzt. Zu ihnen zählt die 26-jährige Shila Begum, die seitdem nicht mehr arbeiten kann. Sie hofft auf eine Zahlung aus einem Hilfsfonds, der unter Aufsicht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO steht. Vor allem die 28 westlichen Textilfirmen, die im Rana-Plaza-Gebäude produzieren ließen, sind aufgerufen, den Fonds zu füllen. Doch die zeigen sich bislang nicht besonders spendabel.

Shila Begum lag am 24. April 2013 etwa 16 Stunden unter den Trümmern, ihr rechter Arm und ihr Unterleib waren eingeklemmt und sie konnte sich nicht selbst befreien. Seitdem wurde sie mehrfach operiert, ihren Arm kann sie bis heute nicht gebrauchen. Nun ist sie für die Textilarbeitergewerkschaft NGWF (National Garment Workers Federation) tätig.

Doch bei der Gewerkschaft verdiene sie nicht genug, sagt sie bei einem Besuch in Deutschland am 9. April. Sie brauche Geld, um sich weiter medizinisch behandeln zu lassen und vor allem, um den Schulbesuch ihrer Tochter zu finanzieren. Deshalb will sie so schnell wie möglich einen Antrag auf Entschädigung bei dem im Januar eingerichteten Rana Plaza Donorsʼ Trust Fonds stellen.

Das Modeunternehmen KIK zahlt 500.000 Dollar in den Fonds ein

An den Fonds knüpfen sich viele Hoffnungen – doch bislang ist er eher dürftig gefüllt. Rund 40 Millionen US-Dollar sind laut ILO erforderlich, um Opfer und Hinterbliebene angemessen zu entschädigen. Bislang wurden jedoch nur sieben Millionen US-Dollar eingezahlt beziehungsweise zugesagt.

500.000 US-Dollar kommen vom deutschen Modeunternehmen KIK – „viel zu wenig“, moniert die Kampagne für saubere Kleidung, angesichts der Größe des Konzerns und der Menge an Kleidung, die für KIK produziert und direkt am Unglücksort gefunden worden sei.

Andere sind noch zurückhaltender. So weigere sich etwa der Modehändler Adler bis heute, einen angemessenen Beitrag in den Fonds einzuzahlen, kritisiert die Kampagne. Shila Begum und die NGWF-Vertreterin Safia Parvin waren deshalb in Deutschland, um bei deutschen Firmen wie KIK, Adler sowie beim italienischen Modeunternehmen Benetton an seinem Sitz in Hamburg Entschädigung zu fordern.

Seit dem Unglück von Rana Plaza hätten sich die Arbeitsbedingungen der rund vier Millionen Beschäftigten in Bangladeschs Textilindustrie immerhin ein wenig verbessert, sagt Safia Parvin. Die Regierung habe einen Aktionsplan zur Arbeitssicherheit vorgelegt, nach dem Gebäude auf ihre Sicherheit überprüft werden. 200 seien bereits wegen Baumängeln geschlossen worden.

Darüber hinaus sei der monatliche Mindestlohn um 77 Prozent auf 68 US-Dollar angehoben worden. Die Gewerkschaft kämpfe jedoch für eine Erhöhung auf 105 US-Dollar – das sei das Minimum für ein menschenwürdiges Leben und die Voraussetzung dafür, auch etwas Geld sparen zu können, so Parvin.

Ein Boykott sei der falsche Weg, sagt Safia Parvin

Und was können deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher tun, um den Kampf der Textilarbeiterinnen in Bangladesch zu unterstützen? Druck ausüben auf die Firmen mit Unterschriften- und Protestaktionen, meint Safia Parvin. Ein Boykott von Kleidern, die in Bangladesch hergestellt wurden, sei der falsche Weg. Das könne Millionen Frauen den Job kosten.

Entwicklungsminister Gerd Müller hatte vor einigen Tagen angekündigt, ein Siegel zur Kennzeichnung von Textilien aus ökologisch und sozial verantwortlicher Produktion einzuführen. Das sei ein „guter Ansatz“, kommentiert Bernd Hinzmann vom INKOTA-Netzwerk, das zu den Trägern der Kampagne für saubere Kleidung zählt. Ein Produktsiegel sei jedoch nur begrenzt wirksam.

„Wir plädieren für ein Unternehmenssiegel, das für eine öko-faire Produktion steht und damit die globalen Lieferketten in den Blick nimmt“, betont Hinzmann. Laut Müller soll es in Kürze zumindest schon einmal ein Internet-Portal geben, auf dem sich die Verbraucherinnen und Verbraucher darüber informieren können, ob und wie die Textilhersteller soziale und ökologische Mindeststandards einhalten.

Gesine Kauffmann   

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