Im Brennpunkt

Der DED als Briefkastenfirma

Ein dubioser Versuch, den Entwicklungsdienst wiederzubeleben
Ein dubioser Versuch, den Entwicklungsdienst wiederzubeleben

(5.12.2012) Der DED ist tot, es lebe der DED! Gleich zwei Initiativen wollen dem Deutschen Entwicklungsdienst, der 2011 mit der neuen deutschen Entwicklungsagentur GIZ verschmolzen wurde, neues Leben einhauchen. Eine davon macht einigen Wirbel: Sie nennt sich selbstbewusst schlicht „Deutscher Entwicklungsdienst“ und macht auf ihrer Internetseite den Eindruck, es handele sich bei ihr um den legitimen Nachfolger des alten DED.

Bislang vermittelt dieser „neue“ DED allerdings lediglich Einsatzplätze für „weltwärts“, das von der Bundesregierung geförderte Freiwilligenprogramm für junge Leute. Und selbst in dieser Hinsicht handelt es sich beim „neuen“ DED eher um eine Art Briefkastenfirma, denn bislang ist er gar nicht als Entsendeorganisation anerkannt. Verantwortlich für die Einsatzplätze sind zwei andere Freiwilligendienste, die Organisationen Experiment e.V. und SAGE Net e.V., die auf der Website des „neuen“ DED als Partner genannt werden. Sie haben beim Entwicklungsministerium (BMZ) die Mittel für die weltwärts-Plätze beantragt und müssen für die korrekte Verwendung gerade stehen.

Fragwürdig ist am „neuen“ DED außerdem, dass seine zweiköpfige Geschäftsführung enge persönliche Beziehungen zu den für „weltwärts“ maßgeblichen politischen Stellen hat: Geschäftsführerin Lisa Böttcher arbeitet im weltwärts-Sekretariat bei der BMZ-Servicestelle Engagement Global und ist derzeit an das für das Freiwilligenprogramm zuständige BMZ-Referat versetzt.

Mit anderen Worten: Böttcher ist bei den Stellen beschäftigt, die über die Vergabe von weltwärts-Mitteln und über die Anerkennung von Entsendediensten und Einsatzplätzen entscheiden. Dass das heikel ist, räumt sie auf Anfrage selbst ein. Um Interessenkonflikte mit ihrem Amt als Geschäftsführerin des „neuen“ DED zu vermeiden, werde sie bei Engagement Global möglicherweise demnächst einen anderen Posten übernehmen.

Der zweite Geschäftsführer, Johannes Mortier, wiederum ist der Sohn eines BMZ-Mitarbeiters, Achim Mortier, der bis vor kurzem im Ministerium für „weltwärts“ zuständig und davor unter anderem Landesdirektor des alten DED in Namibia war. Beim „neuen“ DED ist er nach Auskunft einer Mitarbeiterin „in keiner offiziellen Funktion“ tätig. Aus dem BMZ heißt es, Achim Mortier sei jetzt nicht mehr im für „weltwärts“ zuständigen Referat, sondern an „anderer Stelle“ beschäftigt.

BMZ: Mit Interessenkonflikten werde man "sehr sorgsam" umgehen

Im Entwicklungsministerium scheint man nicht besonders glücklich über die Initiative und über die Fäden, die von ihr ins eigene Haus reichen. Zu möglichen Interessenkonflikten könne er keinen Kommentar abgeben, sagte ein Sprecher. Man werde aber „sehr sorgsam“ damit umgehen. Unklar ist auch, ob sich der „neue“ DED einfach wie der alte nennen darf. Ein BMZ-Sprecher sagte, das werde derzeit geklärt – beziehungsweise man könne dazu nichts sagen. Laut der Geschäftsführung des „neuen“ DED hingegen ist das bereits geklärt: Die Verwendung des Namens sei zulässig.

Fachleute und Vertreter anderer Personaldienste, die nicht namentlich zitiert werden wollen, bezeichnen das Vorgehen der Macher des „neuen“ DED als „wenig geschickt“. Auch die Beteiligung etablierter Organisationen wie Experiment e.V. sei angesichts des fragwürdigen Auftritts des „neuen DED „nicht klug“. Zwar sei es üblich und rechtmäßig, dass größere Organisationen für kleinere im „Huckepack-Verfahren“ die Vermittlung von Freiwilligen übernehmen und die Verwaltungsarbeit für sie erledigen. Doch sei solche Hilfestellung nur bei solchen Organisationen sinnvoll, die enge Beziehungen zu Partnern in den Einsatzländern haben, in die sie junge Freiwillige vermitteln.

Hinter dem „neuen“ DED stehen fünf jüngere Leute, die zum Teil selbst als weltwärts-Freiwillige gedient oder als Kinder und Jugendliche längere Zeit im Ausland gelebt haben. Die 25 Einsatzplätze, die sie nach Auskunft von Geschäftsführer Johannes Mortier anbieten, sind Plätze, die früher der alte DED mit Freiwilligen besetzt hat. Dessen Einsatzplätze sind frei geworden, als die GIZ in diesem Jahr aus „weltwärts“ ausgestiegen ist. Im vergangenen Sommer hatte das weltwärts-Sekretariat alle Entsendedienste aufgefordert, sich um diese Plätze zu bewerben. Beim „neuen“ DED heißt es, man wolle die Einsatzplätze, die man zugeteilt bekommen habe, Anfang nächsten Jahres inspizieren. Die GIZ habe sie als „qualitativ gute“ Plätze empfohlen.

Der DED-Freundeskreis kritisiert das BMZ

Die zweite Initiative zur Wiederbelebung des Deutschen Entwicklungsdienstes geht die Sache weniger forsch an. Sie wird getragen von einem DED-Freundeskreis, dem derzeit elf frühere hauptamtliche Mitarbeiter des Entwicklungsdienstes angehören. Der Kreis lädt für Mai 2013 zu einer dreitägigen Konferenz ein, auf der über die Neugründung eines von Staat und Zivilgesellschaft getragenen Entwicklungsdienstes beraten werden soll. In ihrem pünktlich zum Welttag des Freiwilligen am 5. Dezember veröffentlichten Aufruf werfen die Initiatoren Entwicklungsminister Dirk Niebel einen „schwerwiegenden strategischen Fehler“ vor: Mit der Fusion zur GIZ sei der Kerngedanke des DED „Lernen und Helfen“ verloren gegangen.

Ein neuer deutscher Entwicklungsdienst soll nach den Vorstellungen des Freundeskreises einerseits an den Merkmalen des alten DED anknüpfen: Entwicklungshelfer sollten „in konkreten Situationen an konkreten Lösungen arbeiten – mit den Leuten vor Ort und nicht nur in den Planungsbehörden in den Hauptstädten“, erklärt Manfred Dassio, der Vorsitzende des Freundeskreises.

Andererseits gehe es nicht darum, einfach den alten DED von 1963 wiederzubeleben. Der neue Dienst müsse „die veränderten Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern widerspiegeln“, heißt es in dem Aufruf. Gefragt seien heute nicht mehr Automechaniker als Entwicklungshelfer, sondern eher Ärzte oder Fachleute für berufliche Bildung, sagt Dassio. Ein Entwicklungsdienst könne „helfen, von den Partnern eigens entwickelte Konzepte zu verwirklichen“. Das leisten zwar heute schon viele nichtstaatliche Hilfsorganisationen, dennoch sei ein Dienst nötig, an dem sich auch der Staat beteilige – zum Beispiel für Leute, die nicht kirchlich gebunden seien und deshalb nicht mit einem kirchlichen Dienst ausreisen könnten, sagt Dassio.

Die GIZ muss ein Konzept für den Entwicklungsdienst vorlegen

Das BMZ weist die Kritik des Freundeskreises zurück. Es sei zu begrüßen, dass sich zivilgesellschaftliche Kräfte entwicklungspolitisch engagieren wollen, doch den Vorwurf an die Bundesregierung, sie habe den Entwicklungsdienst geschwächt, könne man so nicht stehen lassen, sagte ein Sprecher. Das Instrument des Entwicklungshelfers solle sogar gestärkt werden; der GIZ-Vorstand sei beauftragt, im kommenden Jahr ein Konzept vorzulegen, welche Rolle der Entwicklungsdienst in der Arbeit der GIZ spielen kann.

An den Beratungen zu diesem Konzept sind auch Vertreter nichtstaatlicher Entwicklungsdienste beteiligt, die sich deshalb derzeit nicht namentlich zu dem Aufruf äußern wollen. Die Stoßrichtung sei richtig, heißt es: Das Problem sei zutreffend erkannt, dass es schwierig sei, den Entwicklungsdienst innerhalb der GIZ zu verorten. Aber die Diskussion müsse in die GIZ getragen werden; man wolle deshalb nichts „parallel anfangen“.

Eine andere Kritik an dem Aufruf lautet, er beschwöre am Ende doch das alte Bild vom Entwicklungsdienst aus den reichen in die armen Länder. Zwar heißt es in dem Papier, es müsse auch Freiwilligen in den Ländern des Südens Gelegenheit gegeben werden, einen Dienst hier bei uns zu absolvieren. Doch dieser Aspekt komme zu kurz. Entwicklungsdienst müsse heute internationaler gedacht werden: Es gehe nicht mehr nur um den Austausch Nord-Süd oder Süd-Nord. Heute sei es wichtig, die Zivilgesellschaften in den Entwicklungsländern miteinander zu vernetzen. Süd-Süd-Austausch sei das Gebot der Stunde. (ell)

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