07.08.2017

Upstairs Downstairs in Südasien

Die britische Regisseurin Gurinder Chadha lässt in ihrem Historienfilm die Trennung Pakistans von Indien Revue passieren. Das Resultat ist ein opulentes Werk voller Farbenpracht und persönlicher Schicksale aus allen Gesellschaftsschichten.  

Der Stern von Indien („Viceroy‘s House“). Indien/Großbritannien 2016, Regie: Gurinder Chadha, 106 Minuten. Kinostart: 10. August 2017
Gegen Ende der britischen Kolonialherrschaft in Indien bekommt Lord Louis Mountbatten, der Urenkel von Queen Victoria, den Auftrag, den Übergang Indiens in die Unabhängigkeit möglichst reibungslos zu gestalten. Der Lord, seine Frau Lady Edwina und Tochter Pamela ziehen für sechs Monate in den prunkvollen Amtssitz. In dessen unteren Etagen sind etwa 500 Bedienstete aller Ethnien des Landes untergebracht, darunter der junge hinduistische Diener Jeet Kumar. Er begegnet im Palast erstmals nach Jahren seiner großen Jugendliebe, der muslimischen Übersetzerin Aalia Noor, die jedoch einem anderen Mann versprochen ist.

Während Mountbatten mit der politischen Elite über die Zukunft des Landes verhandelt, mehren sich die Konflikte zwischen Hindus und Moslems im Land wie im Palast. Angesichts blutiger Unruhen pochen der als Nationalheld verehrte Gandhi und der Chef des Nationalkongresses, Nehru, auf einen Einheitsstaat, während Muhammad Ali Jinnah, der Chef der Muslimliga, energisch die Gründung eines neuen islamischen Staates Pakistan fordert.

Ein Familienfoto, das allerdings erst am Ende des Films auftaucht, weist auf den persönlichen Bezug der Regisseurin Gurinder Chadha zu der Geschichte hin. Sie wurde 1960 in Kenia als Tochter einer indischen Sikh-Familie aus dem Punjab geboren und wuchs in London auf. Der Grund: Ihre Großeltern waren mit ihren Familien 1947 nach der Teilung des Subkontinents aus dem mehrheitlich muslimischen Pakistan geflohen – ein Schicksal, das sie mit etwa 16 Millionen Menschen teilten. Im Zuge dieser bis heute größten Flüchtlingstragödie der Welt kamen bis zu einer Million Menschen zu Tode, unter ihnen auch Angehörige von Chadhas Familie.

70 Jahre nach der Teilung Indiens legt es die Filmemacherin darauf an, die historischen Hintergründe für ein heutiges Publikum aufzubereiten, das nur noch wenig oder kaum etwas darüber weiß. Das gelingt ihr, nicht zuletzt, indem sie historische Bildaufnahmen der Teilung und ihrer Folgen geschickt in die Spielhandlung integriert.

Im Streben nach einer eingängigen Darstellung vereinfacht der Film allerdings manche Vorgänge und unterschlägt auch heikle Aspekte wie die mutmaßliche Homosexualität Mountbattens und die Affäre von Lady Mountbatten mit Nehru, die dem geradlinigen Historiengemälde etwas mehr Pepp hätten geben können. Um die religiöse und politische Konfrontation auf die private Ebene herunterzubrechen, nutzt die Regie das dramaturgische Muster des Upstairs-Downstairs-Dramas, das veranschaulicht, wie eng das Leben von Ober- und Unterschicht im Palast miteinander verflochten ist.

Prächtige Kulissen, opulente Kostüme und ein Heer an Statisten erinnern an die Ästhetik britischer Großfilme wie „Lawrence von Arabien“ (1962) von Sir David Lean und „Gandhi“ (1982) von Richard Attenborough. Allerdings reicht die Inszenierung, die meist nahe an den Figuren bleibt und viel in Innenräumen spielt, trotz der melodramatischen Romeo-und-Julia-Romanze zwischen Jeet und Aalia nicht an die visuelle Durchschlagskraft dieser Klassiker heran.

Die Regie belässt es nicht beim konventionellen Porträt des wohlmeinenden Statthalters, der mit seinen Anstrengungen für einen friedlichen Übergang in die Unabhängigkeit und eine faire Aufteilung des Landes scheiterte. Denn bei ihren mehrjährigen Recherchen stieß Chadha auf Belege dafür, dass Premierminister Winston Churchill den Lord ins Leere laufen lief: Die Entscheidung zur Teilung war in London längst gefallen, die Grenzziehung bereits fixiert. „Es war eine politische Entscheidung, um Asien für Großbritannien und die USA zu sichern und die sowjetische Expansion zu verhindern“, sagt die Regisseurin, und das zeigt auch ihr Film.

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