15.09.2020

Keine Erlösung, nirgends

In dem Roman, der in den 1990er Jahren spielt, beschreibt der iranische Exilschriftsteller Shahriar Mandanipur, wie Gewalt und religiöse Willkürherrschaft die Beziehungen der Menschen in seiner Heimat zerstören. 

Shahriar Mandanipur: Augenstern. Unionsverlag, Zürich 2020, 448 Seiten, 24 Euro
Amir hat einen Arm im Krieg verloren, und sein Gedächtnis, das ist der Ausgangspunkt des Romans. Verletzt wurde Amir in den 1980er Jahren als Soldat im Iran-Irak-Krieg. Zunächst vegetierte er fünf Jahre in einer Anstalt für Kriegstraumatisierte vor sich hin, dann fand ihn seine Familie und holte ihn zu sich nach Hause. Jetzt versucht er, bei Vater, Mutter und Schwester sein Leben zu rekonstruieren. Das einzige, woran er sich noch erinnern kann, ist seine Verlobte, die er als „Augenstern“ bezeichnet, weil er ihren Namen nicht mehr weiß. Zusammen mit seiner Schwester Reyhaneh streift der Protagonist durch Teheran und sucht nach alten Freunden und Weggefährten. Doch sein Leben bleibt ein Puzzle, in dem viele Teile fehlen. 

Der Autor wurde 1957 in der iranischen Stadt Shiraz geboren. Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht er seit den späten 1980er Jahren, den Iran-Irak-Krieg hat er selbst als Soldat miterlebt. Er gehört zu den bekanntesten iranischen Schriftstellern, lebt aber seit 2006 mit Unterbrechungen in den USA. Im Iran dürfen seine Bücher nicht erscheinen.

Die Geschichte, die Mandanipur in seinem Roman erzählt, hat verschiedene Ebenen. Neben der unmittelbaren Gegenwart stehen die Einlassungen zweier Engel, die jeweils auf Amirs rechter und seiner linken Schulter sitzen und die Erlebnisse kommentieren, an die er sich erinnert. In der islamischen Tradition steht der rechte für die guten, der linke für die schlechten Taten eines Menschen; die Bilanz entscheidet, ob er nach seinem Tod ins Paradies kommt. Allerdings geraten die Engel im Verlauf der Erzählung des Öfteren in Streit, weil sich manche Ereignisse nicht eindeutig bewerten lassen. 

In Einschüben und Rückblenden durchlebt Amir die Grausamkeit des Krieges wie im Flashback noch einmal – sinnlose Einsätze, zu denen er als Offizier Soldaten in den Tod schickte, Quälereien der Soldaten untereinander, die Konfrontation mit Gegnern, die auch Menschen waren. Aber es geht auch um das ausschweifende Leben Amirs vor dem Krieg, um seine fast schon obsessiven sexuellen Erlebnisse. Sie nehmen breiten Raum im Roman ein und stehen im Gegensatz zu den sittenstrengen islamischen Vorstellungen seines Elternhauses und des Staates. Nach einer Party mit viel Alkohol wird Amir von den Revolutionsgarden festgenommen und ausgepeitscht, nur sein Vater kann Schlimmeres verhindern. Danach ist das Verhältnis zwischen Vater und Sohn dauerhaft gestört. Amir verkörpert die Jugend, die gegen alles anrennt, wofür die Islamische Republik steht, dabei aber keine klare eigene Haltung findet. Die Konflikte mit seinem Vater und seiner sich unterordnenden Schwester und Mutter spiegeln die Zerrissenheit des Landes.

Man braucht etwas Geduld, um in die vielen Erzähl­ebenen der Geschichte einzusteigen. Aber man bekommt dann vielschichtige, meist erzählerisch überzeugende Einblicke in eine Gesellschaft, in der eine religiös-ideologische Willkürherrschaft das Leben der Menschen durchdringt und ihre Beziehungen untereinander nachhaltig zerstört. 

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