Xinjiang als Fall von Siedlerkolonialismus

China begeht laut Sean Roberts einen kulturellen Genozid an der Volksgruppe der Uiguren – begünstigt vom globalen Krieg der USA gegen den Terror. Er zeigt, dass die Gefahr des uigurischen Terrorismus großenteils herbeifantasiert worden ist.

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Sean Roberts beschäftigt sich seit Jahrzehnten als Ethnologe mit den Uiguren. In China forschen kann er allerdings seit 2004 nicht mehr, da er zu einem Buch beigetragen hatte, das der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) missfällt. Heute beschreibt er anhand von Sekundärquellen Chinas Vorgehen gegen das vorwiegend muslimische Volk als kulturellen Genozid, das heißt dessen eigenständige Kultur, Sprache und Identität sollten ausgelöscht werden.

Der Rückblick des Professors für Internationale Politik an der George Washington Universität in Washington, D.C., zeigt unter anderem, wie das Ringen um Xinjiang zusammenhing mit dem Bürgerkrieg in China, der 1949 die KPCh an die Macht brachte, mit dem chinesisch-sowjetischen Konflikt und mit diversen Wendungen in der chinesischen Innenpolitik. Bis in die 1990er Jahre behandelte Peking den Nordwesten laut Roberts als Grenzkolonie und griff nur wenig in die uigurische Gesellschaft ein. Das änderte sich Mitte der 1990er Jahre, als China ein rasantes Wirtschaftswachstum erlebte: Xinjiang sollte enger angebunden und wirtschaftlich entwickelt, die Uiguren zur Han-chinesischen Kultur „bekehrt“ werden.

"Krieg gegen den Terror" als willkommener Deckmantel

Dafür, so Roberts, lieferte der von den USA 2001 ausgerufene globale Krieg gegen den Terror einen willkommenen Deckmantel und half, die Uiguren als Herd von Terrorismus zu stigmatisieren. Doch die vermeintliche Gefahr war eine Erfindung, wie Roberts im originellsten Teil seines Buches zeigt. Darin untersucht er uigurische Exilorganisationen in Afghanistan, Pakistan, Kasachstan und später Syrien, spricht mit Zeugen und wertet uigurische Quellen aus. Sein Ergebnis: Diese Gruppen waren klein, nur lose mit Dschihadisten wie al-Qaida verbunden und für China nie eine Gefahr. Internationale Sicherheitsexperten, die ohne Sprachkenntnis und genaue Einblicke anderes behauptet haben, seien der Propaganda Pekings und auch der Möchtegern-Kämpfer auf den Leim gegangen.

In Xinjiang selbst gab es laut Roberts bis 2009 erstaunlich wenig gewaltsame Opposition. Dabei war Peking zum Siedlerkolonialismus übergegangen: Immer mehr Han-Chinesen zogen nach Xinjiang und wurden dort bevorzugt, etwa bei Jobs. Alte uigurische Stadtteile wurden niedergerissen und umgesiedelt; die uigurische Sprache, die Religion und viele Sitten wie das Tragen von Kopftuch und Bart wurden verboten, friedliche Proteste mehrfach brutal unterdrückt. In der Folge, ab 2009, griffen Uiguren tatsächlich Han-Zivilisten an und verübten einige Terrorangriffe außerhalb Xinjiangs.

Der Autor darf in China selbst nicht recherchieren

Was seitdem in Xinjiang geschieht, kann auch Roberts nur mit Hilfe von Sekundärquellen und Aussagen von Uiguren im Exil schildern. Zu vielen Gewaltvorfällen nennt er gegensätzliche Versionen, die sich wegen der Zensur nicht überprüfen lassen; das wirkt etwas redundant. Roberts beleuchtet kaum die chinesische Seite der Geschichte: Wie sind in der KPCh Entscheidungen gefallen? Ist die Behandlung der Uiguren mit der anderer missliebiger Gruppen vergleichbar und in der Herrschaft einer kommunistischen und atheistischen Kaderpartei begründet?

Doch die These, dass in Xinjiang ein Regime des Siedlerkolonialismus herrscht, überzeugt. Das Schicksal der Uiguren vergleicht Roberts mit dem anderer Indigener, etwa der Native Americans in den USA – nur dass China heute digitale Überwachung als neues Mittel der Kontrolle einsetzt. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die KPCh selbst den Vergleich nutzt, um den USA zu sagen: Ihr seid doch auch nicht besser. Der Vergleich ist so treffend wie deprimierend.

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