Reformen in Theorie und Praxis

 Nina Müller: Policing in Nigeria. Sicherheit im Spannungsfeld von globalen Reformkonzepten und lokalen Praktiken. Springer VS, 2020, 323 Seiten, 54,99 Euro, E-Book 42,99 Euro

Die Ethnologin und Friedensforscherin Nina Müller analysiert in ihrem Buch Reformprozesse in der nigerianischen Polizei und wie sie vor Ort wahrgenommen werden. Dabei arbeitet sie heraus, wie tiefgreifende Sicherheitsdefizite die Gesellschaft Nigerias prägen. 

Die Proteste gegen die Polizei-Spezialeinheit SARS (Special Anti-Robbery Squad) in Nigeria, in deren Verlauf mehrere Dutzend Menschen ums Leben kamen, haben im vergangenen Herbst die brutale Willkür nigerianischer Sicherheitsdienste offengelegt. Die Ethnologin Nina Müller, die auch assoziierte Forscherin an der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) ist, analysiert in ihrem Buch diesen herben Rückschlag für Reformprozesse im unübersichtlichen nigerianischen Sicherheitssektor. Das im Titel erwähnte „Policing“ weist darauf hin, dass verschiedenste Gruppen, Loyalitäten und Identitäten im weiteren Sinne Ordnung(en) schaffen; das blickt weit über Polizeiarbeit im europäischen Verständnis von Institutionen hinaus.

Der Autorin ist als ausländische Ethnologin das Kunststück gelungen, Zugang zum fragmentierten Polizeiapparat zu erhalten und Vertrauen zu ausgewählten Polizeistationen aufzubauen. Somit kann sie unter Einbeziehung informeller Sicherheitsdienste die in Nigeria weithin diskreditierte Polizei aus ethnologischem Blickwinkel analysieren, das heißt unter besonderer Berücksichtigung des Blicks „von unten“ analysieren und Möglichkeiten und Grenzen von „Policing“ in Nigeria aufzeigen. 

Dabei liegt der Schwerpunkt ihrer Mikrostudie auf drei Modellpolizeistationen in der Metropole Lagos, die versuchen, normative Vorgaben der international geförderten Sicherheitssektor-Reform umzusetzen. Dieser in die Entwicklungszusammenarbeit eingebettete Reformansatz beinhaltet die Schaffung funktionierender staatlicher Institutionen, die grundlegende Bedürfnisse der Menschen wie Rechtsstaatlichkeit, Verantwortungsübernahme und Achtung der Menschenrechte auch vonseiten der Sicherheitskräfte befriedigt. 

Jenseits der beiden etwas sperrigen und nicht ganz leicht zu lesenden Kapitel zu den theoretischen Modellen sowie zum Zugang und der Methodik bieten die übrigen Kapitel tiefgehende Einsichten in das Innenleben und das Denken der Sicherheitsdienstleister. Sie gibt eine Übersicht über Sicherheitsakteure und betrachtet „Community Policing“ als Form proaktiver Polizeiarbeit sowie Reformansätze aus Sicht der Beteiligten. Der Autorin gelingt es, trotz aller Beschränkungen, denen sie als Externe unterworfen war, ein Neugierde entfaltendes Bild von staatlichen, informellen und hybriden Sicherheitsdiensten und den mit diesem Thema befassten nichtstaatlichen Organisationen zu zeichnen. Dazu greift sie teilweise zum Stilmittel der Reportage, reichert diese mit zahlreichen Interviewpassagen an und berichtet in fast schon epischer Breite über ihre persönlichen Erfahrungen, die sie im Innen- und Außendienst der Polizisten, bei Patrouillenfahrten mit lokalen Vigilante-Gruppen und bei den nichtstaatlichen Organisationen gesammelt hat. 

Wenig überraschend kommt sie zu dem Ergebnis, dass der Reformbedarf weiterhin immens ist und Menschenrechte außerhalb der Modellstationen nur geringe Anschlusskraft besitzen.

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