Dichtung und Wahrheit im Südpazifik

 Joseph Andras: Kanaky. Auf den Spuren von Alphonse Dianou. Ein Bericht. Carl-Hanser-Verlag, München 2021, gebunden, 320 Seiten, 25 Euro, E-Book 18,99 Euro

Der französische Schriftsteller Joseph Andras spürt in seinem Buch dem kanakischen Unabhängigkeitskämpfer Alphonse Dianou auf der südpazifischen Inselgruppe Neukaledonien nach und setzt sich mit dem französischen Kolonialismus auseinander. 

Er habe nicht vor, eine Monografie über Alphonse Dianou zu schreiben, erklärt Joseph Andras an einer Stelle des Buches. Eher schwebe ihm eine Erzählung mit vielen Stimmen vor, mehr eine Suche als eine Untersuchung, ein biografisches Buch, das verschiedene Zeiten und Sichtweisen verbindet. Das erläutert Andras dem Generalvikar der Erzdiözese von Nouméa, der Hauptstadt Neukaledoniens. Der ist nicht nur ein Interviewpartner des Autors, sondern auch ein Verwandter des kanakischen Unabhängigkeitskämpfers Alphonse Dianou, dessen Leben und Sterben dieses Buch zum Thema hat. 

Andras macht von Anfang an klar, dass er der französischen Lesart nicht glaubt, nach der Dianou ein Terrorist und ein „Barbar“ war, als er 1988 im Alter von 28 Jahren vom französischen Militär getötet wurde. Doch sieht er in Dianou auch nicht einfach den Freiheitshelden, der sein Leben im Kampf für die Unabhängigkeit der melanesischen Inselgruppe gelassen hat, die noch heute zu Frankreich gehört. 

Andras bereist „Kanaky“, wie Anhänger der Unabhängigkeit Neukaledoniens die Inselgruppe nennen, auf den Spuren Alphonse Dianous. Herausgekommen ist eine Mischung aus Dokumentation, Reisebericht, Reportage, Biografie, politischer Literatur, romanhafter Erzählung und poetischem Werk. Andras spricht mit Zeitzeugen, die Dianou kannten, dessen Weggefährten waren oder ihm nahestanden, etwa seiner Frau Hélène. Unstrittig ist: Am 22. April 1988 besetzten ein paar Dutzend bewaffnete Unabhängigkeitskämpfer eine Gendarmerie auf dem Ouvéa-Atoll. Die Besetzer erschossen vier Gendarmen, die übrigen wurden von Dianou und dessen Mitstreitern als Geiseln in einer Grotte festgehalten. Als die französische Armee das Versteck stürmte, starb auch Dianou.

War der Einsatz von Gewalt einkalkuliert?

Der Aufstand war einer von vielen zwischen 1984 und 1988 gegen die französische Herrschaft in Neukaledonien. Unklar bleibt, ob die Besetzung der Gendarmerie von langer Hand geplant oder eine spontane Aktion war, ob der Einsatz von Gewalt einkalkuliert war und welche Rolle Dianou bei all dem hatte. Hat er selbst geschossen, einen Gendarmen erschossen? Die französische Presse stellte Dianou als cholerisch, blutrüstig und mitleidlos dar. Die Gespräche, die Andras mit Zeitzeugen geführt hat, widersprechen dem. 

Anders als bei einem Kriminalroman streben die verschiedenen Fäden der Geschichte nicht einer Lösung entgegen, sondern bleiben verwirrt. Am Schluss des Buches steht Andras am Grab des Mannes, den er meist „Alphonse“ nennt. „Die“ Wahrheit hat er nicht gefunden. Doch der Bericht von seiner Suche ist eine lesenswerte Auseinandersetzung mit dem französischen Kolonialismus. Selbst wenn nie ganz klar ist, was den Tatsachen entspricht und was literarische Verdichtung oder schriftstellerische Freiheit ist.

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