Literarischer Widerstand

 Sergio Ramírez: Tongolele konnte nicht tanzen. Verlag edition 8, Zürich 2022, 318 Seiten, 21,80 Euro

In seinem Kriminalroman, der auch ein Schlüsselroman ist, beschreibt der nicaraguanische Autor Sergio Ramírez eindrücklich die Repression in seinem Heimatland nach den Massenprotesten im Jahr 2018. 

Der Präsident Nicaraguas, Daniel Ortega, wird dieses Buch von Sergio Ramírez nicht mögen. Denn der mittlerweile im spanischen Exil lebende Autor erzählt in Romanform die Ereignisse rund um den Volksaufstand von 2018, der die sandinistische Herrschaft drei Monate lang ins Wanken brachte und Nicaragua von einem autoritären Regime in eine brutale Diktatur verwandelt hat. 

Protagonist ist der ehemalige Polizist Dolores Morales, der sich als heruntergekommener Privatdetektiv verdingt. Begleitet wird er von Rambo, einem Veteranen des Befreiungskampfes gegen die Somoza-Diktatur, und „Lord Dixon“, einem afro-nicaraguanischen Ex-Polizeiinspektor, der in einem früheren Buch des Autors (Der Himmel weint um mich) ums Leben kam und nun als kommentierender Geist auftritt. Der titelgebende Tongolele ist ein Spitzname des Geheimdienstchefs Anastasio Prado, der genauso wie die echte, unter diesem Bühnennamen bekannte mexikanische Revue-Sängerin Yolanda Montes eine graue Locke im schwarzen Haar trägt. Er trachtet Morales, der ihn in Band 2 der Trilogie (Um mich weint niemand mehr), ausgetrickst hat, nach dem Leben. 

Gleichzeitig ist der Volksaufstand losgebrochen und der Machthaber, der nur Comandante genannt wird, reagiert mit brutaler Repression, für die er neben Polizei und Spezialkräften auch Söldner und Paramilitärs einsetzt. Kommandiert werden sie von Silverio Pérez, alias Leónidas – das Vorbild der Figur ist Edén Pastora, der 2021 gestorben ist. Wie er kommen reale Personen unter Pseudonym, andere mit Klarnamen vor. 

Romanszenen nach dokumentarisch belegten Ereignissen

Geschildert werden Szenen, die von verschiedenen nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen dokumentiert sind. Etwa das Niederbrennen einer Matratzenfabrik, deren Eigentümer sich geweigert hatte, Scharfschützen auf seinem Dach in Stellung gehen zu lassen. Mehrere Personen, darunter zwei Kinder, starben damals in den Flammen.

Morales entkommt dank der Hilfe eines Priesters und seiner umtriebigen Assistentin Doña Sofía den Nachstellungen des Geheimdienstes. Der Aufstand wird binnen weniger Tage niedergeschlagen, danach werden Rechnungen innerhalb des Machtapparats beglichen. 

Ramírez widmet seine Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse Nicaraguas all den „jungen Leuten, die ums Leben kamen“, und ihren Angehörigen, „die immer noch auf Gerechtigkeit warten“. Das Buch konnte in Nicaragua nie ausgeliefert werden, verbreitete sich aber in Windeseile als PDF über die sozialen Medien. „Ich sehe das als eine Form des Widerstandes gegen die Diktatur. Streng genommen ist das ein Akt der Produktpiraterie, aber der Verlag ist dagegen machtlos“, so der lapidare Kommentar von Ramírez. Der Übersetzer Lutz Kliche, der selbst eine Zeit in Nicaragua gelebt hat, wird auch mit den ausgefallensten Nicaraguanismen fertig. Dennoch sind für die Lektüre Grundkenntnisse der jüngeren Geschichte des Landes von Vorteil.

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