Vom Trauma der Entwurzelung

Usama Al Shahmani: In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied. Limmat Verlag, Zürich 2025,.224 Seiten, 26 Euro

Seinen jüngsten Roman „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ widmet der schweizer-irakische Autor Usama Al Shahmani der Vertreibung der irakischen Juden in den 1950er Jahren. Anhand der Geschichte eines Sohnes, der die Asche des Vaters im Tigris beisetzen soll, erzählt er von Ausgrenzung, Vertreibung und dem Verlust einer Welt, wie es sie heute im Nahen Osten nicht mehr gibt.

Bis heute ist die Vertreibung der 800.000 Jüdinnen und Juden im Irak ein Tabu. Auch in Israel, wohin die meisten damals flohen, wird dieses zentrale Kapitel der Geschichte des Nahen Ostens kaum aufgearbeitet. Denn die aus dem Zweistromland in den neu gegründeten jüdischen Staat Geflüchteten sprachen Arabisch, kochten arabisch, sangen arabisch und pflegten die Sitten und Bräuche einer orientalischen Kultur. Die Juden, die den jungen Staat prägen sollten, kamen aus Europa, sahen die arabischen Juden als rückständig an und blickten auf sie herab. 

Der Verlust, den das Verschwinden aller Jüdinnen und Juden für die irakische Gesellschaft bis heute bedeutet, kann nicht hoch genug beziffert werden. Das Land verlor erstmals eine religiös eigenständige Gruppe, die mit all ihren Fähigkeiten und Eigenheiten über Jahrtausende Gesellschaft und Kultur mitgeprägt hatte. 1930 war noch ein Drittel der Bewohner Bagdads Juden. Sie trugen überproportional zu Wirtschaft, Handel und Kultur bei. Es brauchte nur wenige Jahre, um sie vollständig zu vertreiben. Im Widerstand gegen die britische Kolonialverwaltung näherte sich der irakische Nationalismus dem deutschen Nationalsozialismus und übernahm dessen Antisemitismus. Bis heute gelten Juden im Irak als Verräter. 

Der Vater war Gadi zeitlebens fremd geblieben

Es ist hilfreich, diesen Hintergrund zu kennen, wenn man Al Shahmanis Roman liest. Der Autor erzählt darin die Geschichte des schweizer-israelischen Juden Gadi, der nach Tel Aviv ans Sterbebett seines Vaters Zakai gerufen wird. Er kommt zu spät, soll aber dessen Asche je zur Hälfte in Jerusalem der Erde und in Bagdad dem Tigris übergeben. Gadi sträubt sich. Zeitlebens war ihm der Vater fremd geblieben. Er fliegt zurück nach Zürich, im Gepäck die Urne und eine Aktentasche mit persönlichen Aufzeichnungen des Vaters. 

Über sie erfährt er zum ersten Mal von dessen Kindheit und Jugend in Bagdad und darüber, wie sehr Zakai sich zeitlebens nach der alten Heimat gesehnt hatte. Er liest von den Demütigungen, denen sein Vater und seine Großmutter – der Großvater war im Irak vermisst – als arabische Juden im neuen Staat Israel ausgesetzt waren, wie sehr sie sich ihrer Wurzeln schämten. „Ich spüre zum ersten Mal, dass ich etwas in mir trage, das mir nicht gehört“, schreibt Gadi an seine Schwester in Tel Aviv. „Seine irakische Identität, von der er sich nicht trennen wollte oder konnte und über die wir nichts erfahren sollten, war wie ein verschlossener Raum, zu dem er mir unerwartet den Schlüssel in die Hand gab.“ 

Nichts erinnert mehr an die Juden von einst

Als Gadi von seinem besten Freund Nedim, der aus dem Irak stammt, erfährt, dass dieser in Bagdad einen Onkel hat, der auch noch mit einer der wenigen geheim im Irak lebenden Jüdinnen verheiratet ist, plant er mit Nedim trotz aller Risiken eine Reise in die Heimat des Vaters. In den vier Tagen, die die beiden in der Stadt am Tigris verbringen, nimmt der Autor seine Leserschaft mit in ein Bagdad, das es nicht mehr gibt. Die Viertel, in denen einst jüdisches Leben blühte, sind heute heruntergekommen. Nichts erinnert mehr an die Juden von einst. Nur noch die Erzählungen von Myra, Nedims jüdischer Tante, lassen das selbstverständliche Miteinander einer multireligiösen Nachbarschaft erahnen.

Es ist fast ein versöhnliches Ende, das Al Shahmani der Geschichte schließlich gibt. Getröstet legt man das Buch dennoch nicht aus der Hand. Denn was damals den irakischen Juden passierte, was sie als Flüchtlinge in der Fremde erdulden mussten, welchen blinden Flecken sich nachkommende Generationen stellen müssen, erfahren im Nahen Osten bis heute Millionen Christen, Jesiden, Kurden, Assyrer oder auch Palästinenser. Vertreibung und Entwurzelung ganzer Gemeinschaften sind nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern ein Trauma, das Gesellschaften und Individuen über Generationen hinweg prägt.  

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