Lesenswertes Porträt einer fragmentierten Stadt

Meret Michel: Beirut. Splitter einer Weltstadt. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2025, 228 Seiten, 24 Euro, Kindle: 21,90 Euro

Die Schweizer Journalistin Meret Michel beschreibt in ihrem Buch „Beirut. Splitter einer Weltstadt“ anschaulich die prekäre Situation der Menschen in Beirut und erklärt dabei wichtige Hintergründe und Zusammenhänge zum Libanon.

„Wir sind im Libanon. Wer weiß, was noch passiert“, sagt Dolly Hajj, Protagonistin des ersten Kapitels in Meret Michels Buch über Beirut. Glassplitter haben den Holzstuhl, auf dem Hajj sitzt, 2020 bei der großen Explosion im Hafen von Beirut beschädigt. Die Splitter sind nur ein kleines Detail der Geschichte, aber sie zeigen, dass man den Untertitel des Buches – „Splitter einer Weltstadt“ – durchaus auch wörtlich verstehen kann.

Im übertragenen Sinn geht es um Fragmente einer komplexen und widersprüchlichen Stadt, in der sich verschiedene Krisen überlagern. Zahlreiche kulturelle, ethnische, religiöse und auch wirtschaftliche, gesellschaftliche Gruppen leben hier „aneinander vorbei“; eine verbindende Konstante ist Unsicherheit. Die Schweizer Journalistin Meret Michel, die in Beirut wohnt, erzählt, wie immer wieder die Wucht plötzlicher Veränderungen den Lauf des Lebens ändern. Pläne mache man zwar, aber sie könnten in jedem Moment über den Haufen geworfen werden.

Auch Meret Michels eigenes Leben in Beirut ist unsicher

Das betrifft auch Michel selbst: In ihrer Einleitung beschreibt sie, wie sie Ende Januar 2025 mit ihrer Tochter in die Stadt zurückkehrt, die sie fünf Monate zuvor überstürzt verlassen hat, weil der Krieg zwischen der Hisbollah und Israel eskaliert ist. Mehr denn je spürt sie bei ihrer Rückkehr die Ungewissheit, die das Leben der Menschen in Beirut schon lange prägt. Dieser Dauerzustand und das Fehlen einer gemeinsamen, städtischen Identität, auf die sich alle einigen könnten, sind die übergreifenden Themen ihres Buches. 

Kaum jemand, meint Michel, sehe die libanesische Hauptstadt vorbehaltlos als Zuhause an: nicht die Syrer, die keinen legalen Aufenthaltsstatus besitzen, nicht die Palästinenser, die als „Aussätzige“ betrachtet werden, nicht einmal die Libanesen selbst. Deren ältere Generationen sehnen sich nach dem Dorf ihrer Vorfahren, die Jüngeren möchten ihre Zukunft anderswo aufbauen.

Ein Mosaik aus vielen „kleinen Beiruts“

Die elf Geschichten von Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt, die Michel in ihrem Buch erzählt, zeigen Facetten eines Mosaiks „von vielen kleinen Beiruts, die nicht viel mehr verbindet als der gemeinsame Name und die Straßenschilder, die den Weg vom einen ins andere Stadtviertel weisen“. Die Kapitel sind wie eine Fahrt durch diese Viertel, bei der man auch einiges über die Geschichte der Stadt erfährt.

Im Stadtviertel Qubayat im Nordosten Beiruts etwa geht es um Mona Issa, deren Familie von Land in die Stadt migriert ist. Im Flüchtlingslager Schatila, das von dichtem Stadtgebiet mit hohen Wohnblocks umgeben ist, trifft die Autorin den 33-jährigen Palästinenser Mohammad, im Achrafieh-Viertel treffen die Lesenden Osama und Sahar, ein syrisches Ehepaar ohne Papiere. In Ouzai im Süden Beiruts gilt der Stopp Bassam al-Sheikh Hussein, der im August 2022 eine Bank überfiel, um an sein eigenes Geld zu kommen (was ihm schließlich teilweise gelang und ihn zum Volkshelden machte), das die Bank im Zuge einer großen Wirtschaftskrise eingefroren hatte – so wie die Ersparnisse zahlloser anderer Libanesen auch.

Im vorletzten Kapitel „Krieg“ geht es dann um reale Splitter: die der Pager, die im September 2024 in Supermärkten explodieren, Menschen, die unter Schock wie Zombies umherirren, um Raketen- und Bombenangriffe. Meret Michel erzählt diese Geschichten anschaulich und fühlt sich in die Menschen hinein. Aber sie ordnet das, was sie von ihnen erfährt, auch in einen Gesamteindruck ein, erklärt Hintergründe und Zusammenhänge. So entsteht aus den Einzelschicksalen ein vielschichtiges, lesenswertes Porträt von Beirut. 

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