Syrien „von der Seitenlinie betrachtet“

Ronya Othmann: Rückkehr nach Syrien. Eine Reise durch ein ungewisses Land. Rowohlt, Hamburg 2025, 191 Seiten, 22 Euro

Ronya Othmann beschäftigt sich in ihrem lesenswerten Buch mit der Frage, was aus Syrien werden wird und was die neue Regierung eigentlich vorhat. Sie lässt dabei Kurden, Jesiden, Alawiten, Drusen, Ismailiten, Christen, Juden und Sunniten zu Wort kommen.

Zusammen mit ihrem Vater – einem staatenlosen, jesidischen Kurden aus dem Nordosten Syriens – hat die deutsche Schriftstellerin und Journalistin Ronya Othmann im Dezember 2024 und im April 2025 zwei Recherchereisen ins Syrien nach dem Fall Assads gemacht. Beim ersten Mal traf sie Drusen in Soueida, Alawiten an der Küste, Sunniten und Juden in Damaskus und schaute sich im Foltergefängnis Saidnaya um. Die zweite Reise führte sie in die Heimatregion ihres Vaters im Nordosten des Landes, welches seit einigen Jahren von kurdischen Kräften kontrolliert wird. 

Die Unsicherheit bei Minderheiten ist groß

Alle, mit denen sie redet, sind froh, dass in Syrien endlich die bleiernen 60 Jahre einer brutalen Diktatur zu Ende gegangen sind. Und alle hoffen auf ein neues Syrien, in dem die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Gemeinschaften gut miteinander auskommen, so wie es vor einem halben Jahrhundert noch üblich war. Doch zwischen dem Syrien damals, in dem die Menschen in der Regel als gute Nachbarn nebeneinander gelebt haben, egal welcher Religion oder Ethnie sie angehörten, und dem künftigen Syrien, das möglichst offen für alle sein soll, liegen unendlich viel Gewalt und Ungerechtigkeit. Die Unsicherheit bei denen, die zu einer Minderheit gehören, ist heute groß. Denn bis vor kurzem war Übergangspräsident Ahmed Al-Scharaa noch Anführer einer islamistischen Miliz, auf deren Konto unzählige Morde, Plünderungen und Entführungen gehen und in deren Weltsicht alle, die nicht sunnitische Muslime sind, im besten Fall Bürger zweiter Klasse sind. 

Das Assad-Regime dagegen hatte die Minderheiten im Land für den eigenen Machterhalt instrumentalisiert, ihnen Schutz vor der sunnitischen Mehrheit versprochen und ihnen Privilegien zugestanden. Ronya Othmann lässt ihre Gesprächspartner reden und fügt, wenn nötig, Hintergrundinformationen zu den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Problemen hinzu. Dass sie dabei vor allem eine kurdisch-jesidische Perspektive einnimmt, ist ihrer Biografie und Herkunft geschuldet. Doch genau diese Perspektive macht das Buch lesenswert. Denn so bekommt man eine Ahnung davon, was es heißt, im heutigen Syrien nicht zur sunnitischen Mehrheit zu gehören. Und man erfährt, warum die Kurdenfrage für das neue Syrien zum Lackmustest werden kann. Wer weiß schon, dass 150.000 Kurden aufgrund der Arabisierungspolitik des damaligen Regimes in den 1960er Jahren ihre Staatsangehörigkeit verloren haben und fortan einen Status ähnlich dem eines Ausländers in Syrien hatten. Othmanns Vater ist einer davon. Gleichzeitig hätte der IS vor zehn Jahren im Nordosten Syriens ohne die Unterstützung der kurdischen Kämpferinnen und Kämpfer nicht besiegt werden können. 

Die Autorin fragt nach ihrer persönlichen Beziehung zu Syrien

Heute wiederum steht auf der einen Seite die Türkei, die in den kurdischen Gebieten im Nordosten völkerrechtswidrig eine Pufferzone zu Syrien ausbaut. Auf der anderen Seite ist der Regierung in Damaskus die relative kurdische Autonomie ein Dorn im Auge. Immer wieder fragt Othmann nach ihrer eigenen Identität, nach ihrer Beziehung zu Syrien und merkt, dass ihr manches fremd bleibt, obwohl sie als Kind viele Jahre die Ferien in der Heimat ihres Vaters verbracht hat. „Syrien war nie meine Heimat, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, habe eine deutsche Mutter. Ich bin eine Beobachterin von der Seitenlinie.“ 

Genau das macht das Buch so hilfreich. Othmann hört den Menschen zu, (ver-)urteilt nicht, stellt ihnen und sich Fragen. Damit gibt sie allen nicht-syrischen Lesern eine Chance, all die Ambivalenzen wahrzunehmen, die es heute in Syrien mehr denn je auszuhalten gilt. „Am Ende bleiben mehr Fragen als Antworten, mehr Leerstellen als Gewissheiten“, resümiert sie. Diese Ehrlichkeit ist bemerkenswert. Genau deswegen ist „Rückkehr nach Syrien“ unbedingt zu empfehlen. 

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