Literarischer Kompass

Manfred Loimeier: Die andere Seite der Geschichte. Der literarische Dialog zwischen Afrika,der Karibik und dem Westen. Edition Text + Kritik, München 2025, 194 Seiten, 27 Euro

Der Publizist Manfred Loimeier entfaltet in seinem Essayband „Die andere Seite der Geschichte“ ein facettenreiches Literaturpanorama aus der Karibik und aus Afrika. Dabei zeigt er, wie die dortige Literatur nicht nur das koloniale Erbe thematisiert, sondern auch heutigen Autokraten einen Spiegel vorhält.

Der Autor präsentiert eine ausgewogene Mischung aus international renommierten und weniger berühmten Autorinnen und Autoren. Besonders detailliert sind seine Darlegungen zur Belletristik aus Nigeria und Südafrika, schließlich sind dort mit Wole Soyinka (Nigeria) sowie Nadine Gordimer und John Maxwell Coetzee (Südafrika) mehrere Literaturnobelpreisträger beheimatet. Darüber hinaus berichtet Loimeier ausführlich von der Literaturszene Simbabwes, zu der mit Tsitsi Dangarembga auch die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 2021 gehört. Ebenfalls stellt der Autor Yvonne Vera, NoViolet Bulawayo und Christopher Mlalazi aus Simbabwe vor. 

Alle drei widmen sich in ihren ins Deutsche übersetzten Werken vor allem Mädchen und jungen Frauen. Aus deren Sicht beschreiben sie, was Unabhängigkeits- und Bürgerkrieg sowie das nachkoloniale repressive Regime unter Präsident Robert Mugabe angerichtet haben und wie es die Zukunftsperspektiven der jungen Generation zerstörte – eben der Generation, die für die Überwindung der Siedlerherrschaft ihr Leben riskiert hatte. Die Protagonistinnen sind Zeitzeuginnen und Opfer willkürlicher Gewalt von Militärs und Ex-Kämpfern. Auch sprachlich nähern sich die Autorinnen und Autoren ihren jugendlichen Figuren an, ohne dass kindliche Dialoge oder Jugendslang deplatziert wirken..

Am Beispiel ausgewählter Werke des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee zeigt Loimeier, wie Kommunikation, Handlung und Symbolik rassistische Gewaltmuster, strukturelle Ungleichheiten und schwierige Versöhnungsprozesse in der Post-Apartheidgesellschaft aufgreifen. Die Romane erschüttern durch ihren Blick auf die Gewalt auf Farmen und auf brutale Amtsträger im alten Regime.

Um Gewalt geht es auch in der Belletristik aus Nigeria und der Karibik

Um politisch und ökonomisch motivierte Gewalt geht es auch in nigerianischer Belletristik, die der Literaturwissenschaftler vorstellt. Ausgangspunkt ist dabei der Schriftsteller und Umweltaktivist Ken Saro-Wiwa, der vor 30 Jahren unter der Militärdiktatur von General Sani Abacha gehängt wurde. Selbst die offizielle Einladung als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 1995 konnte ihn nicht davor schützen. Hintergrund des Mordes war Saro-Wiwas Engagement gegen die Verseuchung des Nigerdeltas durch internationale Ölkonzerne. Vertreter der nigerianischen Elite verdienen seit Jahrzehnten ebenfalls am Raubbau des Erdöls, was bereits einige Autoren aus diesem westafrikanischen Land in Thrillern thematisiert haben, so etwa Helon Habila in „Öl auf Wasser“.

Mit Blick auf die Karibik geht Loimeier nicht nur auf die dortige politisch motivierte Gewalt ein, sondern erläutert auch ausführlich die sprachliche Vielfalt. Schließlich entstand durch die verschiedenen europäischen Kolonialmächte, die sich einzelne Inseln aneigneten, eine Mischung aus Englisch, Französisch und Niederländisch in Verbindung mit den jeweiligen Lokalsprachen. 

Meister des sprachlichen Facettenreichtums sind karibische Literaturnobelpreisträger wie Derek Walcott und Autoren wie Marlon James aus Jamaika. Er ist in Deutschland wenig bekannt, obwohl auch seine Belletristik ins Deutsche übersetzt ist. Loimeiers kurze Abrisse der Verlagslandschaft in Deutschland und Frankreich dokumentieren das Bemühen, karibische und afrikanische Literatur bekannter zu machen. Insgesamt ist dieses Überblickswerk interessant zu lesen und ein guter Kompass zur Orientierung auf dem Buchmarkt. 

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