In ihrem Buch „Scam“ beleuchten die drei Autorinnen und Autoren die Industrie, die hinter getricksten Anrufen und betrügerischen Chatnachrichten steckt. Ein umfangreiches und auch spannendes Werk für alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen.
Versprechen wie „Mit nur wenigen Klicks zum großen Gewinn“ gehören ebenso zum modernen Alltag wie der fingierte Anruf einer vermeintlich vertrauten Person, die dringend Geld braucht, oder die Nachricht auf Social Media, die der Anfang der großen Liebe sein könnte.
Wer und was hinter diesen Nachrichten steckt, haben die drei Forschenden aus Melbourne und Erfurt untersucht. In ihrem Buch zeigen sie, dass es in Südostasien eine ganze Industrie gibt, die durch Scam-Betrug reichlich Geld erwirtschaftet und Menschen unter grausamen Bedingungen zum Arbeiten zwingt. Denn die Leute, die in der Scam-Industrie arbeiten, sind in der Regel selbst auf die Betrüger hereingefallen. Häufig sind es jüngere, teils gut ausgebildete Menschen, die einem seriös wirkenden Jobangebot folgen. Sind sie erst engagiert, müssen sie unter fadenscheinigen Gründen ihre Reisepapiere abgeben und werden in Wohn- und Arbeitsanlagen festgehalten. Bezahlt werden sie wenig bis gar nicht, häufig wird ihnen Gewalt angetan, ihre Familien werden erpresst und sollen Lösegeld für ihre Freilassung bezahlen.
In fünf klar gegliederten Kapiteln beschreiben die Autoren, wie Arbeitskräfte wie Sklaven gehandelt und verkauft werden. Sie schildern den bedrückenden Alltag in den Betrugszentren, benennen die vielen Profiteure im Hintergrund. Zu denen gehören nicht nur die Scam-Bosse selbst, sondern auch Land- und Gebäudebesitzer, die die Komplexe teuer vermieten, und Investoren, die am betrügerischen Geschäft mitverdienen. Außerdem wird deutlich, wie schwer es für Betroffene ist, diesen Anlagen zu entkommen. Dabei berufen sich die Autoren auf unterschiedliche Quellen. Die Erkenntnisse kommen aus Polizeiberichten, aus Social-Media-Recherchen, aus Gesprächen mit Betroffenen und aus Policy-Analysen.
Betrugszentren besonders häufig in Kambodscha, Myanmar und Macau
Viele der Komplexe befinden sich nach Erkenntnissen der drei Forschenden in Kambodscha, Myanmar und Macau, wo örtliche Machteliten und internationale Verbrechergruppen häufig zusammenarbeiten. In Myanmar beispielsweise kontrollieren bewaffnete Milizen seit Jahrzehnten Teile der Grenzregionen. In diesem „Klima der Straflosigkeit“ floriere das Geschäft mit dem Betrug.
Selbst mit Unterstützung humanitärer Organisationen ist es für Betroffene äußerst schwierig, zu entkommen. Die Anlagen werden streng überwacht, gescheiterte Fluchtversuche brutal bestraft. Und selbst wer es hinausschafft, steht oft mittellos in einem fremden Land: ohne Papiere, ohne Geld, ohne Kontakte. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Viele Überlebende sprechen nicht über ihre Erfahrungen, denn obwohl sie Opfer sind, gelten sie in zahlreichen Ländern rechtlich ausschließlich als Täter.
Die Scam-Industrie nutzt systematisch Schwächere aus
Die Grundthese der Autoren lautet, dass die Scam-Industrie ein besonders drastisches Beispiel für „predatory capitalism“ darstellt, also für ausbeuterischen Kapitalismus, der systematisch Schwächere ausnutzt. Ihr Ziel ist es, die grausamen Auswirkungen der kapitalistischen Logik zu beleuchten und Privilegien innerhalb des Wirtschaftssystems sichtbar zu machen. Dafür berufen sie sich auf politische Entwicklungen in den Ländern, in denen es diese Industrien gibt, also vor allem von Kambodscha und Malaysia. Zudem besprechen sie die Politik der Nationalstaaten, beachten aber auch, wie die UN und andere Länder – vor allem die USA sind vom Scam-Geschäft betroffen – reagieren. Und sie analysieren die Standpunkte unterschiedlicher staatlicher und nichtstaatlicher Kräfte in der Region wie regionaler (Wirtschafts-)Eliten, Politiker und der Polizei.
Besonders eindrucksvoll sind aber die persönlichen Geschichten ehemaliger Betroffener. Auf diese Weise schaffen die Autoren es, die abstrakte politische Ebene und die gelebte Wirklichkeit miteinander zu verbinden. Das Buch ist flüssig und eingängig geschrieben und dabei dennoch theoretisch komplex. Eine interessante und spannende Lektüre für alle, die zu der Region arbeiten oder sich tiefergehend mit den politischen Geschehnissen auseinandersetzen wollen.

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