Nigeria ist ein wichtiger Rohölexporteur, doch im eigenen Land haben Millionen Menschen keinen verlässlichen Zugang zu Energie. Benzin muss teuer importiert werden, das nationale Stromnetz kollaboriert regelmäßig. Millionen Haushalte und Kleinbetriebe sind auf teure und umweltschädliche Dieselgeneratoren angewiesen.
Seit 2022 hat Nigeria einen offiziellen Plan für eine Energien-Transformation, nach dem das Land bis 2060 klimaneutral werden soll. Doch wie das geschafft werden soll, ist umstritten. Die politische Führung setzt auf Erdgas als Brückentechnik; Kritiker befürchten, dass das Land länger als nötig in der fossilen Abhängigkeit gehalten wird und zu wenig in den Ausbau der Energieinfrastruktur in ländlichen Regionen investiert.
In diese Debatte mischen sich zunehmend Vertreter der christlichen, muslimischen und traditionellen Religionsgemeinschaften ein. Gemeinsam übernehmen sie die Rolle des Anwalts der Schwächsten und fordern die Politik, Investoren, Finanzinstitute sowie Entwicklungspartner dazu auf, bei der Ausweitung erneuerbarer Energien ethische Standards einzuhalten.
Die Energiewende darf die Energiearmut nicht vergrößern
„Wir fordern klare, konsequente und gerechte Strategien, welche die betroffenen Gemeinden schützen, kleine Unternehmen unterstützen, den Ausbau sauberer und bezahlbarer Energie vorantreiben, menschenwürdige Arbeitsplätze schaffen und sicherstellen, dass kein Teil des Landes zurückbleibt“, sagte Michael Banjo, Generalsekretär des Katholischen Sekretariats von Nigeria, Anfang Mai bei einer Konferenz von GreenFaith Africa in Abuja zum Thema „Gerechte Energiewende.“ Die Energiewende dürfe nicht dazu führen, dass die Armen noch tiefer in die Energiearmut gestürzt werden, während transnationale Akteure die Profite einstrichen. „Alte Ungerechtigkeiten dürfen sich nicht unter einem sauberen Deckmantel reproduzieren“, sagte Banjo.
GreenFaith setzt auf den Aufbau einer dezentralen, sauberen Energieversorgung in der Hand lokaler Gemeinschaften. „Wahre Entwicklung lässt sich nicht allein in Megawatt, Investitionszahlen oder Wirtschaftsindikatoren bemessen. Sie muss auch daran gemessen werden, wie wir mit den Schwächsten unter uns umgehen, mit denen, die am Rande der Energiearmut stehen, mit denen, deren Land und Lebensgrundlagen vom Klimawandel bedroht sind, und mit denen, deren Stimmen oft ungehört bleiben“, sagte Banjo.
Die Religionsgemeinschaften treiben in Nigeria allerdings nicht nur politische Advocacy zugunsten der Energiewende. Sie nutzen darüber hinaus ihre große gesellschaftliche Mobilisierungskraft und fördern in Kirchen und Moscheen das Bewusstsein dafür, dass es bei der Verwirklichung maßgeblich auf die Basis ankommt, zum Beispiel beim Abfallmanagement, beim Recycling oder beim Wassersparen. Seit 2005 läuft außerdem die Green Church Initiative, in deren Rahmen Gemeinden ihre Kirchengebäude mit Solaranlagen ausstatten.
In einem Land, in dem es immer wieder ethnische und religiöse Spannungen gibt, ist der interreligiöse Dialog wichtig. GreenFaith, das auf internationaler Ebene bereits 2015 gegründet wurde und dessen afrikanischer Ableger im vergangenen Jahr in Nairobi offiziell an den Start gegangen ist, setzt bei seiner Arbeit darauf, dass sowohl im Christentum als auch im Islam die Verantwortung für Umwelt und Natur verankert ist. Der christliche Begriff der Schöpfung ist vereinbar mit dem islamischen Prinzip des Mizan, der für das von Gott geschaffene kosmische Gleichgewicht steht. Der Mensch hat dabei im Islam die Rolle des „Khalifa“, des Sachwalters der Erde; im Christentum ist er der Bewahrer der Schöpfung. Auf diesem interreligiösen Konsens baut GreenFaith seine moralische Autorität gegenüber der Politik auf, jenseits parteipolitischer oder regionaler Interessen.
GreenFaith beschränkt sich nicht auf die Organisation interreligiöser Konferenzen. Als Leuchtturmprojekt gilt die Initiative Africa Women of Faith in Energy, in der seit Frühjahr 2025 in verschiedenen afrikanischen Ländern christliche und muslimische Frauen gemeinsam zu Solartechnikerinnen ausgebildet werden. Das von Brot für die Welt unterstützte Projekt bringt so die dringenden Fragen der Energiewende mit Themen der Geschlechtergerechtigkeit und dem interreligiösen Dialog zusammen.

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