Die pakistanische Regisseurin Seemab Gul erzählt die Geschichte der zehnjährigen Rabia, die nicht hinnehmen will, dass ihre Dorfschule geschlossen wird, weil dort angeblich ein Geist haust. Bei ihren Recherchen stößt sie auf Korruption und Ignoranz – und wehrt sich erfolgreich gegen die Ausgrenzung von Mädchen im Bildungswesen.
Die zehnjährige Rabia lebt in einem pakistanischen Dorf. Da sie gern liest und schreibt, freut sie sich nach den Ferien auf die Schule. Doch die ist geschlossen. Der letzte Lehrer sei weg und solle besessen sein, sagt ein Wachmann. Schnell macht das Gerücht die Runde, die Schule sei verflucht und in der Hand eines Dschinns. Rabias früherer Mitschüler Ali prahlt, dass er künftig die besser ausgestattete Schule für Jungs im Nachbardorf besuchen wird.
Rabia ist irritiert. Sie hat zwar eine blühende Fantasie, glaubt aber nicht wirklich an Geister. Als eine Dorfbewohnerin ihr einen Talisman empfiehlt, der Dschinnen und den bösen Blick fernhalten soll, winkt sie ab – und befragt reihum Erwachsene nach den Gründen der Schließung. Die Antworten sind widersprüchlich und unbefriedigend. Der ehemalige Lehrer, den sie aufspürt, erklärt das Gerücht vom Dschinn für Unsinn, für dessen Verbreitung der Schulleiter verantwortlich sei. Der sei nämlich zugleich ein mächtiger Großgrundbesitzer und verlange Schmiergeld für die Verlängerung des Arbeitsvertrags des Lehrers. Das habe der Lehrer abgelehnt und das Dorf verlassen.
Der Schulleiter wiederum behauptet gegenüber Rabia, der Lehrer sei besessen. Bildung sei zudem ein Privileg, das nicht jeder bekommen könne. Moralische Unterstützung findet Rabia bei einem Kutscher, der sie im Auftrag ihres Onkels nach Hause bringen soll. „Die Reichen schicken ihre Gören auf Privatschulen. Dem Staat sind die öffentlichen Schulen doch völlig egal“, sagt er.
Ein paar Jungs versuchen, den angeblichen Dschinn auszutreiben
Schließlich überzeugt sie sich bei einem Besuch der Schule selbst, dass es dort keinen Dschinn gibt. Um zu erreichen, dass sie wieder geöffnet wird, bringt sie einige Jungs an einer muslimischen Lehranstalt dazu, den angeblichen Dschinn auszutreiben. Deren imposanter Fackelmarsch gerät allerdings schnell außer Kontrolle.
Die pakistanische Drehbuchautorin und Regisseurin Seemab Gul, die an der London Film School studiert hat, erzählt konsequent aus der Sicht des Mädchens. So prägen Rabias naiver Blick auf die Gerüchte und die vielstimmigen Auskünfte die erste Hälfte des Films. Doch je mehr das Mädchen recherchiert, desto misstrauischer wird es. Mit Hilfe kritischer Erwachsener beginnt Rabia, Aberglauben und irreführende Behauptungen zu hinterfragen.
Dabei macht sie ein Geflecht aus Korruption, Ignoranz und Machtmissbrauch sichtbar, das Mädchen in der patriarchalischen islamischen Gesellschaft den Zugang zu Bildung erschwert. Zugleich wird das Phänomen der „Geisterschulen“ thematisiert: Hunderte Schulgebäude stehen leer, während Lehrkräfte und Beamte weiterbezahlt werden. Die zuständigen Behörden dulden das, wenn Schulen als Ställe oder Lager genutzt werden. Den Schaden haben zahlreiche Kinder, denen eine Schulbildung so verwehrt bleibt.
Sozialkritische Atmosphäre, fantastische Einsprengsel
Die gezielte Ausbeutung armer Bevölkerungsschichten durch reiche Mitbürger macht auch vor Rabia nicht halt. Eine wohlhabende Dame, für die Rabias Mutter, eine Analphabetin, als Reinigungskraft arbeitet, bietet dem Mädchen an, mit ihr in die Großstadt Karatschi zu kommen und dort auf ihre Kosten die Schule zu besuchen. Als Gegenleistung erwartet sie allerdings Hilfe im Haushalt.
Die episodische Erzählung ist geprägt von knappen Dialogen und einem langsamen Rhythmus, der dem Publikum viel Zeit lässt, den Blick im ärmlichen Dorf und über die karge Landschaft schweifen zu lassen. Besonders eindrucksvoll spielt die junge Nazualiya Arsalan das mutige Mädchen auf dem Weg der Selbstermächtigung. Während in dem ruhigen Außenseiterdrama eine nüchtern-sozialkritische Atmosphäre vorherrscht, versucht Regisseurin Gul, mit kleinen fantastischen Einsprengseln wie einem weißen Pferd mit Flügeln für eine Prise magischen Realismus zu sorgen, die in diesem Kontext allerdings eher aufgesetzt wirken und von der zentralen Botschaft ablenken.
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