Wir sind kein Modell mehr

Die Frage nach dem guten Leben ist auch eine der Gerechtigkeit. Es scheint nur recht und billig, wenn Menschen in ärmeren Ländern unser Konsummodell nachahmen. Doch das hätte Folgen, die unser und ihr eigenes Überleben gefährden.

Wie wollen wir leben? Diese Frage ist zurzeit in vieler Munde. Angesichts der globalen Krisen steht das herrschende Wohlstandsmodell zur Diskussion. An vielen Orten der Erde leitet dieses Modell ganze Gesellschaften. Deswegen gibt es den „reichen Norden“ und den „armen Süden“ auch überall – in Europa, Nordamerika, Afrika, Asien, Ozeanien, Lateinamerika.

Die Konsumgewohnheiten des global gewordenen Nordens sind aber kein Modell für alle. Weder für die heutigen noch die kommenden Generationen. Bei der Frage „Wie wollen wir leben?“ geht es mit all ihren sozialen, ökologischen und politischen Folgerungen zunächst um Fragen von Lebensstil und Wirtschaftssystem. Große und weniger große Transformationen werden gefordert.

Autor

Pirmin Spiegel

ist seit April 2012 Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor.

Können wir uns in Deutschland der Aufgabe entziehen, unsere Konsumgewohnheiten zu ändern? Nur so viel konsumieren wie nötig, heißt eine Antwort. Diese Antwort ist richtig. Unsere Verhaltensänderung reicht aber nicht. Die aufstrebenden Mittelschichten der Schwellenländer – geschweige denn die 870 Millionen Hungernden weltweit – dürfen unserem Beispiel nicht folgen. Das wäre zwar zumindest auf den ersten Blick mehr als gerecht, aber sie würden damit langfristig unser und auch ihr eigenes Leben und Überleben gefährden. Das ist der Kontext für die Frage „Wie wollen wir leben?“. Dahinter stehen Fragen der Gerechtigkeit: Wer kann in Zukunft überhaupt was konsumieren? Und warum?

Wie wollen wir leben? Viele, die diese Frage stellen, von politischen Stiftungen über Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und nichtstaatlichen Organisationen, vertrauen darauf, dass Menschen in Deutschland zur Veränderung und damit zur Selbstbestimmung fähig sind. Ist dieser Optimismus gerechtfertigt? Alle vorliegenden Konzepte geben wenig Auskunft darüber, wie sie die Machtfrage in Deutschland beantworten wollen: Wie können wir Mehrheiten für Veränderungen gewinnen angesichts verschiedener oder gar gegensätzlicher Interessen?

Was heißt „Gutes Leben für alle“? Darüber gehen die Vorstellungen in Kulturen und Religionen weit auseinander

Wie wollen wir leben? – Wer ist dieses „Wir“? Sind Selbstverwirklicher gemeint? Oder lustvolle Genießerinnen? Oder doch nur diejenigen, die die Grenzen des Planeten ernst nehmen? Egal wie: Auf Dauer reicht es nicht, als einzelner und als einzelne selbstbestimmt zu leben. Denn die Krisen werden auch das Leben vieler einzelner beeinträchtigen. Letztlich geht es eben um das „Wir“ aller Menschen auf der Erde. Wie kann das globale „Wir“ zur Geltung kommen? Geht das über Dialog und Verständigung oder über autoritäre Eingriffe der wirtschaftlich und militärisch Stärkeren? Zudem drängt die Zeit. Wie bringt man also noch rechtzeitig wo einen Dialog oder sogar eine Übereinkunft über gemeinsame Ziele zustande?

Wie wollen wir leben? – Die Frage wird nicht absichtslos gestellt. Dahinter verbergen sich handfeste Interessen. Es geht um meine, um unsere Interessen, auch in Zukunft gut leben zu können. Insofern beziehen sich auch viele Antworten auf das „gute Leben“ in Deutschland. Dieses kann wohl nur gelingen, wenn die globalen Zusammenhänge miteinbezogen werden. Was heißt aber „Gutes Leben für alle“? Darüber gehen die Vorstellungen in Kulturen und Religionen weit auseinander. Wir können uns ein tolerantes Neben- und Miteinander der Konzepte des „guten Lebens für alle“ vorstellen. Wir wissen, dass wir darüber sprechen müssen, was wir unter dem guten Leben an verschiedenen Orten auf der Erde verstehen. Aber was ist, wenn unsere Interessen dauerhaft die Interessen anderer am guten Leben behindern? Oder umgekehrt: Wenn unsere Interessen beeinträchtigt werden durch die Interessen der Anderen?

Das heißt: Mit der Frage „Wie wollen wir leben?“ steht unser Entwicklungsmodell zur Diskussion. Wir werden lernen müssen, gleichzeitig mit verschiedenen Entwicklungsmodellen umzugehen. Kraft zur Veränderung und Überwindung der Ungerechtigkeiten wächst uns zu, wenn wir von Beziehungen leben, wenn wir von anderen Kontinenten hören und lernen: Mit den Menschen im globalen Süden können wir Logiken der veränderten Herzen und der Gerechtigkeit entwickeln – etwa mit Bezug auf das Konzept des „Buen vivir“ im andinen Raum, die Ubuntu-Philosophie im südlichen Afrika, Glück und Harmoniestreben in Asien. Dahinter steht die Überzeugung, dass in den Traditionen und Kulturen der Völker ein großes spirituelles, mystisches Kraftpotential steckt. Unser eigener christlicher Glaube wird so vertieft. Aus dem „guten Leben für alle“ wird dann vor allem ein „gutes Leben für die Armen“.

erschienen in Ausgabe 6 / 2013: Ungesunder Wohlstand

Neuen Kommentar schreiben