Letzte Rettungsleine gekappt

Weil Großbanken gegen Geldwäsche vorgehen, müssen in England viele Geldtransferfirmen ihre Dienste einstellen. Das gefährdet die Ernährungssicherung im armen Somalia. Zu mehr Transparenz im Bankengeschäft führt es kaum. 

Es ist eines der wenigen Dinge, die im krisengeschüttelten Somalia zuverlässig funktionieren: Das Hawala-System, mit dem Verwandte und Freunde aus dem Ausland den Menschen in Somalia Geld zukommen lassen. Dafür braucht es weder Konto noch Kreditkarte: Transferfirmen, die weltweit Niederlassungen betreiben, bringen über ein Netzwerk an Mitarbeitern und Händlern Bargeld auch in Regionen, wo es keine Banken gibt. Auf diesem Weg gelangen jährlich knapp 1,3 Milliarden US-Dollar (970 Millionen Euro) an Rücküberweisungen ans Horn von Afrika – meist in Summen von wenigen Hundert Euro. 

Die Transferfirmen stehen jedoch im Verdacht, nicht nur für harmlose Rücküberweisungen, sondern auch für Geldwäsche und zur Finanzierung von Terrororganisationen genutzt zu werden, etwa der islamistischen Al-Shabaab in Somalia. Im Juni kündigte die britische Großbank Barclays deshalb an, die Konten von 250 Geldtransferfirmen zu schließen, darunter auch dem Marktführer Dahabshiil, der in 140 Ländern aktiv ist und allein in Somalia 286 Ausgabestellen betreibt. Einige der Firmen hätten nicht die nötigen Kontrollmechanismen, um kriminelle Aktivitäten zu erkennen, begründet Barclays die Entscheidung. Die Bank befürchtet offenbar Sanktionen: Die britische Bank HSBC wurden Ende 2012 in den USA mit einer Geldbuße in Milliardenhöhe bestraft, weil sie nicht genug gegen Geldwäsche über ihre Konten getan habe.    

Überweisungen werden illegal abgewickelt

Der somalischstämmige Langstreckenläufer Mo Farah warnte, dass der Ausstieg von Barclays über Tod oder Leben für Millionen von Somalis entscheide. Auch der somalische Präsident Hassan Sheikh Mohamud rief Barclays dazu auf, den Schritt zu überdenken. Anfang August  übereichten zivilgesellschaftliche Organisationen eine Petition mit 25.000 Unterschriften an den britischen Premierminister David Cameron. Barclays will die Entscheidung zwar nicht zurücknehmen, hat die Frist aber bis Ende September verlängert. Dahabshiil hat unterdessen erklärt, man sei bereit, die Vorkehrungen gegen Geldwäsche zu verschärfen. Allerdings habe Barclays bislang nicht gesagt, wo die Firmen nachbessern sollten.

Obwohl die  somalische Diaspora in England die weltweit zweitgrößte ist und vielen Transferfirmen ohne Konten die legale Geschäftsgrundlage entzogen wird, werden die Geldströme nach Somalia kaum abreißen. Transferfirmen, die in anderen europäischen Ländern lizenziert sind, bieten weiterhin ihre Dienste an. Allein aus Deutschland werden Schätzungen zufolge jährlich rund 100 Millionen US-Dollar (75 Millionen Euro) nach Somalia überwiesen. 

Auch die Diaspora in England wird weiterhin Geld nach Somalia schicken, nur nicht über die günstigen und relativ sicheren Transferfirmen. Stattdessen werden die Überweisungen auf illegalen Wegen abgewickelt, vermutet Peter Mulder vom Niederländischen Interessensverband für Geldtransfer: „Damit werden die Geldströme noch schwieriger zu kontrollieren und man hat das Gegenteil von mehr Transparenz erreicht.“ John Plastow von der Hilfsorganisation Care International fordert deshalb die beteiligten Parteien auf, sich gemeinsam um eine langfristige und legale Lösung zu bemühen. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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