Gesundheitsprogramm des ÖRK vor dem Aus

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) will seine Gesundheitsarbeit an das Hilfebündnis ACT Alliance auslagern. Kritiker dieser Idee monieren, kirchliche Gesundheitsarbeit sei mehr als nur medizinische Hilfsprojekte. Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission hat nun gemeinsam mit ökumenischen Partnern eine Petition aufgesetzt.

Wie viele andere Programme des Weltkirchenrates ist auch sein Gesundheitsprogramm einst wichtig und groß gewesen. Beim Start 1968 war es mit mehr als zwanzig Stellen besetzt, heute ist davon noch eine übrig, die zudem noch vakant ist. Und es ist durchaus möglich, dass im Herbst die ÖRK-Vollversammlung in Busan entscheidet, diese eine Stelle nicht mehr neu zu besetzen. Bereits Anfang 2012 hatte der Generalsekretär des ÖRK, Olav Fykse Tveit, gegenüber dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission (Difäm) geäußert, dass die Gesundheitsarbeit an ACT Alliance, den Zusammenschluss der kirchlichen Entwicklungswerke, abgegeben werden könnte.

Im Difäm läuten seither die Alarmglocken. „Kirchliche Gesundheitsarbeit ist mehr als medizinische Projekte und Entwicklungsprogramme. Sie gehört ins Zentrum der Gemeinde, und heilendes Handeln kann nicht auf wirtschaftlich arme Länder reduziert werden“, sagt Beate Jakob, die im Difäm verantwortlich für die Grundsatzarbeit ist. Themen wie zum Beispiel HIV/Aids, Behinderung oder der Umgang mit psychisch Erkrankten zeigten, wie wichtig theologisch-konzeptionelle Arbeit sei. „Im Kampf gegen Stigmatisierung und Ausgrenzung können Kirchen sehr viel leisten und tun es zum Teil auch schon“, sagt Beate Jakob. Das ÖRK-Gesundheitsprogramm sei bisher ein gutes Forum gewesen, Gemeinden darin zu unterstützen, sich als heilende Gemeinschaft wahrzunehmen.

Ökumenische Initiativen ­bangen um Fördergelder

Nicht nur das Difäm kritisiert die Pläne in Genf. Organisationen wie die Ökumenische HIV/Aids-Initiative in Afrika (EHAIA) oder das Ökumenische Pharmazeutische Netzwerk (EPN), die sich als Kinder des bisherigen ÖRK-Gesundheitsprogramms verstehen, bangen um die Unterstützung der Dachorganisation. Zusammen mit dem Difäm haben sie im Internet eine Petition für die Weiterführung des ÖRK-Gesundheitsprogramms lanciert. In vielen Ländern des globalen Südens würden die Kirchen einen Großteil der Gesundheitsversorgung tragen. Deswegen brauche es internationale Fürsprecher wie den ÖRK, heißt es in der Petition, die auf der Difäm-Homepage unterzeichnet werden kann.

Auch Michael Biehl, theologischer Grundsatzreferent des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland (EMW), kritisiert die Pläne des ÖRK, die Gesundheitsarbeit abzugeben. ACT Alliance arbeite überwiegend mit größeren Organisationen, nicht mit kleinen Kirchen. „Über den ÖRK konnten bisher Ideen und Konzepte in die Kirchen hineingegeben werden. Bei einer Auslagerung an ACT Alliance ist zu befürchten, dass die Möglichkeiten der theologischen Auseinandersetzung aus dem Blickfeld der Kirchen verschwinden“, sagt Biehl. Die konzeptionelle und theologische Arbeit zum Thema Gesundheit solle deswegen beim ÖRK bleiben.

Die Überlegungen in Genf hängen mit dem Spardruck zusammen, der seit Jahren auf dem Weltkirchenrat lastet. Entscheidend für die Zukunft des ÖRK-Gesundheitsprogramms wird die nächste Vollversammlung in Busan Ende Oktober sein, wo alle Programmrichtlinien für die kommenden sieben Jahre neu festgelegt werden. Spätestens dann werden sich die Mitgliedskirchen äußern müssen, was sie vom ÖRK erwarten. Sollten sie das Ende des Gesundheitsprogramms besiegeln, müssten sie allerdings gleichzeitig erklären, warum in die neue Missionserklärung des ÖRK, die ebenfalls in Busan verabschiedet werden soll, das Thema Heilung erstmalig aufgenommen und als zentrale Aufgabe der Kirchen definiert wird. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2013: Solidarität: Was Menschen verbindet

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