Wenn Weiden zu Äckern werden

Fremdes Vieh frisst den jungen Mais, Hirten kommen mit ihren Herden nicht mehr zur traditionellen Wasserstelle: Konflikte zwischen Bauern und Nomaden führen in Westafrika immer wieder zu Gewalt. Gelöst werden können sie nur von den Beteiligten selbst.

Nomaden und Bauern konkurrieren in Westafrika um die Nutzung von Land. Das ist an sich nicht neu. Doch da das  Bevölkerungswachstum das Agrarland knapper werden lässt, werden die Konflikte schärfer. Nicht selten führen sie an einzelnen Orten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Eine Ursache für die Konflikte liegt darin, dass mehr als vier Fünftel aller Landrechte in Afrika südlich der Sahara nicht schriftlich dokumentiert sind. Landrechte und die Rechte zur Nutzung von Ressourcen wie Wasser und Holz werden nach einheimischen Formen des Transfers übertragen: Sie werden vererbt, von traditionellen Autoritäten oder Familienoberhäuptern  zugewiesen oder auch vorübergehend überlassen, in fast allen Fällen auf mündlicher Basis. Dabei sind Ressourcennutzungsrechte oft nicht an Landrechte gekoppelt. Wenn Landbesitzer in Westafrika Land „vorübergehend“ einer anderen Familie überlassen, dann behalten sie meist das Recht, Bäume dort zu abzuernten, und erlauben den neuen Nutzern nicht, Bäume zu pflanzen – diese gelten als Symbol für Eigentum. Auch das Sammeln von Feuerholz, Jagen, Gras schneiden oder eben das Beweiden sind Nutzungsrechte, die häufig nicht vom Landbesitzer ausgeübt werden, sondern von andern, die auf Grund von Traditionen oder Vereinbarungen diese Rechte haben.

Die Weiderechte nomadischer Viehhalter in Ackerbau-Gebieten beruhen auf jahrhundertealten Traditionen. Nomaden folgen mit ihrem Vieh den Regenfällen und dem Futter; in Westafrika ziehen sie zum Beispiel regelmäßig mit den Jahreszeiten von Mauretanien über Mali nach Guinea. Typische Konflikte mit sesshaften Ackerbauern beruhen darauf, dass sich die Nomaden auf die Traditionen berufen, während für die sesshaften Bauernfamilien der Bedarf an Ackerland wächst. Denn mit dem Bevölkerungswachstum entstehen neue Familien, und die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab. Deshalb werden Felder in Zonen angelegt, die bisher als Viehkorridor oder Weideland dienten. Da jedoch Viehkorridore von den Nomaden nur in bestimmten Jahreszeiten genutzt werden, wird das Problem erst sichtbar, wenn die Feldfrüchte gewachsen sind und die Nomaden mit ihrem Vieh durch die betroffenen Gebiete ziehen.

Autor

Erwin Geuder-Jilg

ist Agronom und Mitglied der Beraterfirma AGEG Consultants. Er hat in zahlreichen Entwicklungsländern gearbeitet und für Misereor Projekte zur Regelung von Landkonflikten in Westafrika begleitet.

In der Folge fühlen sich beide Seiten im Recht, wenn Rinder sich an Maispflanzen satt fressen: Nomaden, weil die Felder in ihren traditionellen Korridoren angelegt wurden, und Ackerbauern, weil sie behaupten, dass Nomaden die Rinder absichtlich in die Felder geführt haben. Eine Mischung aus Ignoranz, Bedürftigkeit, Tradition, Feindbildern und gegenseitigen Vorwürfen führt dann häufig zu Gewaltkonflikten, in denen Mensch und Vieh verletzt und getötet werden. Im Kreis Yanfolila in Südmali eskalierte zum Beispiel in den vergangenen Jahren ein Konflikt so weit, dass die traditionellen Autoritäten in etlichen Dörfern die Bevölkerung aufforderten, das Vieh von Nomaden zu töten. Die malische Regierung versuchte, den Konflikt zu entschärfen, erreichte jedoch keine dauerhafte Lösung und übergab den weiteren Prozess an NGOs, die in der Region arbeiten. 

Um solche Konflikte zu regeln, haben sich an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Verfahren herausgebildet. Man kann grundsätzlich vertikale und horizontale Mechanismen der Konfliktregelung unterscheiden. Von vertikalen Mechanismen spricht man, wenn Personen oder Institutionen, die hierarchisch oberhalb der Konfliktparteien angesiedelt sind, die Entscheidungen über die Konfliktregelung fällen. Dies können Gerichte, staatliche Verwaltungen oder auch traditionelle Gremien sein.

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In Nordkamerun zum Beispiel werden Landkonflikte meist von „lamibe“ geschlichtet, das sind Herrscher aus der Ethnie der Fulbe. Sie haben vor etwa 150 Jahren Nordkamerun von Nigeria  aus erobert. Die Mehrheit der ursprünglichen Bevölkerung gehört anderen ethnischen Gruppen an, aber die nomadischen und die sesshaften Viehhalter sind wie die lamibe ebenfalls Fulbe. Bei der Schlichtung von Konflikten zwischen Viehhaltern und Landwirten, deren Felder von „streunendem Vieh“ beschädigt wurden, entscheidet der „lamido“ (einer der „lamibe“) häufig auf eine Ausgleichszahlung des Viehhalters an den Landwirt. Diese Entscheidung wird jedoch meist durch die ethnische Zugehörigkeit der Konfliktparteien und davon beeinflusst, welche Zahlungen die jeweiligen Parteien vor der Entscheidung an den „lamido“ leisten. Geschädigte Bauern beklagen sich oft über die Höhe der Kosten, die dadurch entstehen.

Für die traditionellen Autoritäten ist die Schlichtung von Konflikten eine wichtige Einnahmequelle. Wenn Konflikte zwischen Nomaden und sesshaften Bauern abnehmen oder wegfallen, verlieren „lamibe“ einen Teil ihres Einkommens. Die Folgen haben sich im folgenden Fall gezeigt: Die staatliche kamerunische  Baumwollgesellschaft SODECOTON bemühte sich jahrelang um die Abgrenzung von Viehkorridoren und Weidezonen und ließ schließlich 1997 Demarkationssteine aufstellen, um die Ergebnisse des Dialogs mit den verschiedenen Beteiligten dauerhaft  im Gelände sichtbar zu machen. Nachdem das Projekt soweit fortgeschritten war, befahl der zuständige „lamido“ von Mayo-Rey, die Demarkationssteine wieder herauszureißen.

Externe Moderatoren helfen

Anstelle der „lamibe“ können auch Vertreter staatlicher Stellen oder des landwirtschaftlichen Beratungsdienstes eingeschaltet werden, um zu schätzen, wie hoch ein von Vieh verursachter Schaden an den Feldern ist. Doch sie verlangen die Zahlung des Mehraufwands für Verpflegung und Fahrt. Auch diese Kosten sind relativ hoch; die lokale Bevölkerung wünscht günstigere Alternativen der Konfliktlösung.

Horizontale Mechanismen der Konfliktregelung bedeuten, dass die Parteien selbst Lösungen auf gleicher Augenhöhe finden, während bei vertikalen Mechanismen Schlichterspruch oder Urteil, also die Entscheidung durch einen Dritten, im Vordergrund stehen. Eine dritte Partei kann in direkte Gespräche oder Verhandlungen als Mittler eingeschaltet werden (Mediation, Moderation), aber im Gegensatz zur Schlichtung entscheidet bei horizontalen Mechanismen die dritte Partei nicht, sondern unterstützt den Prozess zwischen den Konfliktparteien.

Auch dafür gibt es Beispiele in Nordkamerun. Mit Unterstützung externer Moderatoren sind Dorfkomitees entstanden, in denen die verschiedenen Nutzergruppen, die meist auch verschiedenen Ethnien angehören, zusammenkommen, wiederkehrende Konflikte besprechen und dauerhafte Lösungen im Rahmen eines gemeinsamen Leitbildes suchen. Die Spannungen sind anfangs hoch und die Fähigkeit zum Dialog gering, so dass in manchen Dörfern anfangs Versammlungen nur im Beisein eines Moderators möglich sind. In anderen Dörfern wird der Prozess von lokalen Vertretern des „lamido“ unterstützt und führt schneller zu Ergebnissen. Inhalte des Konfliktlösungsprozesses sind die Identifizierung von Konfliktregionen, Viehkorridore und ihre eventuelle Verlegung, das Anfertigen von Skizzen des Dorfgebiets und der Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen. Ein Handicap dieser auf Dialog beruhenden Ansätze ist, dass nomadische Viehhalter häufig weiterziehen, bevor der Streit über Schäden an einem Feld gelöst ist. Einige Kommunen und Dörfer haben Plätze umzäunt, auf denen Vieh eingesperrt wird, das Feldfrüchte geschädigt hat. Die Besitzer erhalten es erst zurück, wenn sie einen Ausgleich plus Futterkosten für die Verweildauer des Viehs bezahlt haben.

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In Mali und Burkina Faso werden Lösungen durch lokale Konventionen erarbeitet. Im Vordergrund stehen Regeln für die Nutzung der Ressourcen wie Wald, Weide, Früchte und Wasser sowie die Identifizierung und Demarkierung von Viehkorridoren, Weidezonen und Lagerplätzen für Nomaden. In Mali wurde dieser Prozess 2011 mit einer vom Umweltministerium herausgegebenen Anleitung für lokale Konventionen offiziell anerkannt, in Burkina Faso ist eine ähnliche Regelung im neuen Landgesetz vorgesehen.

In Mali zeigen sich Erfolge

Diese Konventionen können auf Dorf- oder Munizipebene erarbeitet werden. Weil aber Nomaden nicht in einer Kommune verweilen, sondern weiterziehen werden auch Konventionen zwischen Gemeinden erarbeitet. In Mali hat im Kreis Kati die Zahl der Konflikte zwischen Ackerbauern und Viehhaltern nach der Ausarbeitung von lokalen Konventionen abgenommen. Zum Erfolg hat beigetragen, dass mit den Regeln auch Sanktionen ausgehandelt und ins Schlussdokument aufgenommen wurden, dass Komitees oder Brigaden die Einhaltung der Konvention überwachen und dass die Anerkennung der Ergebnisse durch die staatlichen Stellen den Konventionen mehr Gewicht verleiht.

Land- und Ressourcenkonflikte sind allgegenwärtig und werden infolge von Bevölkerungswachstum, Migration, Klimawandel und „land grabbing“ zunehmen. Laut den Freiwilligen Leitlinien für die Verwaltung von Boden- und Landnutzungsrechten, die im Rahmen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation ausgehandelt wurden, sollen Staaten über unparteiische Instanzen schnelle und wirksame Konfliktlösungsmechanismen für Land- und Ressourcenrechte anstreben. Die sollen den finanziellen Möglichkeiten der Konfliktparteien entsprechen und alternative Verfahren wie horizontale Mechanismen einschließen. Diese sind in zahlreichen Fällen kostengünstiger als vertikale Mechanismen und wegen der Orientierung auf Konsens auch nachhaltiger. Sie erfordern jedoch zumindest in der Anfangsphase Unterstützung aus der Zivilgesellschaft (von nichtstaatlichen Organisationen oder Kirchen) sowie von internationalen Gebern. Horizontale Mechanismen zu schaffen erfordert einen langen Atem. 

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erschienen in Ausgabe 10 / 2013: Landrechte: Auf unsicherem Boden
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