Wenn Weiden zu Äckern werden

Fremdes Vieh frisst den jungen Mais, Hirten kommen mit ihren Herden nicht mehr zur traditionellen Wasserstelle: Konflikte zwischen Bauern und Nomaden führen in Westafrika immer wieder zu Gewalt. Gelöst werden können sie nur von den Beteiligten selbst.

Hirten treiben im Norden von Kamerun ihre Viehherden die Straße entlang. Wenn ihr Weg über bestellte Felder führt, ist Streit mit den Bauern absehbar.Bruce Coleman/Photoshot
Nomaden und Bauern konkurrieren in Westafrika um die Nutzung von Land. Das ist an sich nicht neu. Doch da das  Bevölkerungswachstum das Agrarland knapper werden lässt, werden die Konflikte schärfer. Nicht selten führen sie an einzelnen Orten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Eine Ursache für die Konflikte liegt darin, dass mehr als vier Fünftel aller Landrechte in Afrika südlich der Sahara nicht schriftlich dokumentiert sind. Landrechte und die Rechte zur Nutzung von Ressourcen wie Wasser und Holz werden nach einheimischen Formen des Transfers übertragen: Sie werden vererbt, von traditionellen Autoritäten oder Familienoberhäuptern  zugewiesen oder auch vorübergehend überlassen, in fast allen Fällen auf mündlicher Basis. Dabei sind Ressourcennutzungsrechte oft nicht an Landrechte gekoppelt. Wenn Landbesitzer in Westafrika Land „vorübergehend“ einer anderen Familie überlassen, dann behalten sie meist das Recht, Bäume dort zu abzuernten, und erlauben den neuen Nutzern nicht, Bäume zu pflanzen – diese gelten als Symbol für Eigentum. Auch das Sammeln von Feuerholz, Jagen, Gras schneiden oder eben das Beweiden sind Nutzungsrechte, die häufig nicht vom Landbesitzer ausgeübt werden, sondern von andern, die auf Grund von Traditionen oder Vereinbarungen diese Rechte haben.

Die Weiderechte nomadischer Viehhalter in Ackerbau-Gebieten beruhen auf jahrhundertealten Traditionen. Nomaden folgen mit ihrem Vieh den Regenfällen und dem Futter; in Westafrika ziehen sie zum Beispiel regelmäßig mit den Jahreszeiten von Mauretanien über Mali nach Guinea. Typische Konflikte mit sesshaften Ackerbauern beruhen darauf, dass sich die Nomaden auf die Traditionen berufen, während für die sesshaften Bauernfamilien der Bedarf an Ackerland wächst. Denn mit dem Bevölkerungswachstum entstehen neue Familien, und die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab. Deshalb werden Felder in Zonen angelegt, die bisher als Viehkorridor oder Weideland dienten. Da jedoch Viehkorridore von den Nomaden nur in bestimmten Jahreszeiten genutzt werden, wird das Problem erst sichtbar, wenn die Feldfrüchte gewachsen sind und die Nomaden mit ihrem Vieh durch die betroffenen Gebiete ziehen.

Autor

Erwin Geuder-Jilg

ist Agronom und Mitglied der Beraterfirma AGEG Consultants. Er hat in zahlreichen Entwicklungsländern gearbeitet und für Misereor Projekte zur Regelung von Landkonflikten in Westafrika begleitet.

In der Folge fühlen sich beide Seiten im Recht, wenn Rinder sich an Maispflanzen satt fressen: Nomaden, weil die Felder in ihren traditionellen Korridoren angelegt wurden, und Ackerbauern, weil sie behaupten, dass Nomaden die Rinder absichtlich in die Felder geführt haben. Eine Mischung aus Ignoranz, Bedürftigkeit, Tradition, Feindbildern und gegenseitigen Vorwürfen führt dann häufig zu Gewaltkonflikten, in denen Mensch und Vieh verletzt und getötet werden. Im Kreis Yanfolila in Südmali eskalierte zum Beispiel in den vergangenen Jahren ein Konflikt so weit, dass die traditionellen Autoritäten in etlichen Dörfern die Bevölkerung aufforderten, das Vieh von Nomaden zu töten. Die malische Regierung versuchte, den Konflikt zu entschärfen, erreichte jedoch keine dauerhafte Lösung und übergab den weiteren Prozess an NGOs, die in der Region arbeiten. 

Um solche Konflikte zu regeln, haben sich an verschiedenen Orten ganz unterschiedliche Verfahren herausgebildet. Man kann grundsätzlich vertikale und horizontale Mechanismen der Konfliktregelung unterscheiden. Von vertikalen Mechanismen spricht man, wenn Personen oder Institutionen, die hierarchisch oberhalb der Konfliktparteien angesiedelt sind, die Entscheidungen über die Konfliktregelung fällen. Dies können Gerichte, staatliche Verwaltungen oder auch traditionelle Gremien sein.

erschienen in Ausgabe 10 / 2013: Landrechte: Auf unsicherem Boden

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