Traumatisiert auf Londons Straßen

Als Tawfik acht Jahre alt war, kam er aus dem Bürgerkrieg in seiner Heimat in die britische Hauptstadt. Dort findet er sich nur schwer zurecht, schon als Teenager geriet er mit dem Gesetz in Konflikt. Oft werden junge Somalier aber auch pauschal verdächtigt.

Mit 16 Jahren hatte Tawfik sein Leben komplett verändert. Sein Tutor zeichnete ihn aus als Schüler mit der beeindruckendsten Leistungssteigerung. Er hatte jetzt Pläne, die Universität und Jobs winkten. Doch es kam anders, er fiel zurück in sein altes Verhalten. Er konnte einfach nicht seiner Vergangenheit entkommen. Er wurde verhaftet, musste gemeinnützige Arbeit leisten und war jetzt polizeilich registriert. Er wurde zunehmend unberechenbar, seine Familie kam nicht mehr klar mit ihm.

Junge somalische Migranten in Großbritannien sind auf ihrem Weg ins Erwachsenenalter weitgehend auf sich gestellt; viele wachsen ohne Vater auf. Somalische Männer gelten schnell als ehrlos, wenn sie ihre Familie nicht ernähren können. Junge Männer, die mit traumatischen Erinnerungen aus ihrer Kindheit kämpfen, finden keine Vorbilder, an denen sie sich orientieren können. Um mit dieser Leere fertig zu werden, geben sie sich einem übertrieben männlichen Verhalten hin und huldigen einem Gangster-Rap, der ihren Eltern fremd ist und dazu dient, die Kluft zwischen den Generationen zu vertiefen.

Hinzu kommt, dass viele junge Somalier die Schule ohne Abschluss verlassen und keine Arbeit finden. Die Jugendarbeitslosigkeit in Großbritannien ist unter der schwarzen Minderheit viel höher als unter der weißen Mehrheit. Viele Somalier fühlen sich doppelt diskriminiert: als Schwarze und als Muslime. Ihnen scheint kollektiv ein schlechter Ruf vorauszueilen.

Nur irgendwie die nächste Nacht überleben

Allerdings haben sich die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen in Großbritannien seit den 1970er Jahren deutlich verbessert; das Land ist heute wesentlich toleranter als früher. Wer das nicht glaubt, der frage die Somalier, die aus den Niederlanden nach Großbritannien übergesiedelt sind: Rund 20.000 sind in den vergangenen gut zehn Jahren von dort gekommen. Als Grund geben sie häufig an, die britische Gesellschaft sei gegenüber Einwanderern toleranter und offener als die niederländische. Dennoch: Auch hierzulande gibt es weiterhin Rassismus, den junge Somalier als Feindseligkeit empfinden und der maßgeblich beeinflusst, wie gut sie sich in Großbritannien zurechtfinden.

Die Kriminologin Neena Samota sagt, junge Somalier stünden pauschal unter Verdacht, würden häufig vorschnell als kriminell eingestuft und seien „überrepräsentiert“ im britischen Strafjustizsystem. Was kann dagegen getan werden? Auf einer Konferenz des Londoner Rates Somalischer Organisationen vor kurzem sagte ein junger Mann, es müssten Vorbilder geschaffen werden, ein zweiter sagte, mehr soziale Gerechtigkeit sei nötig, und ein dritter meinte, junge Somalier seien allein verantwortlich für ihre Taten. Der Sprecher einer Londoner Regierungsbehörde sagte, es gehe um Eingliederung in die britische Gesellschaft, ein anderer meinte, die Somalier müssten zusehen, dass sie von den politischen Parteien wahrgenommen werden. Und der Direktor des Londoner Rates erklärte, die somalischen Organisationen müssten gemeinsam an diesen Zielen arbeiten.

Fragt man junge Männer wie Tawfik, was sich ihrer Ansicht nach ändern müsste, lautet die Antwort sehr oft: Die meisten jungen Somalier seien viel zu sehr damit beschäftigt, die nächste Nacht zu überleben, um sich Gedanken über das Morgen zu machen.

Aus dem Englischen von Tillmann  Elliesen

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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