Wanderarbeiter aus Indonesien vor ihrer Baracke in Kuala Lumpur. Die Migranten bleiben in Malaysia meist unter sich, Ehen mit Einheimischen sind verboten.

„Aus ihrem Schweiß und Blut ist die Wirtschaft gewachsen“

Die Menschenrechtsaktivistin Irene Fernandez kämpft seit Jahren für eine faire Behandlung der Wanderarbeiter in Malaysia. Dabei stößt die 67-Jährige, die selbst aus einer indischen Migrantenfamilie stammt, auf heftige Gegenwehr.

Die malaysische Regierung hat Ende vergangenen Jahres erwogen, Ihnen die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Haben Sie sich bedroht gefühlt?
Mein erster Gedanke war, das ist doch totaler Unsinn. Ich habe nur öffentlich gesagt, dass  ausländische Wanderarbeiter  in Malaysia nicht sicher sind. Die indonesische Regierung hatte damals überlegt, keine Migrantinnen mehr als Hausangestellte in unser Land  zu schicken. Da wäre es doch unmoralisch gewesen, nichts zu sagen. Aber der stellvertretende Premierminister  meinte, ich schade Malaysias Ruf.

Irene Fernandez ist Direktorin der Menschenrechts­organisation Tenaganita aus Malaysia. 2005 erhielt die 67-Jährige den Right Livelihood Award, bekannt als Alternativer Nobelpreis. Hermann Bredehorst/Brot für die Welt
   

Derselbe Vorwurf wie Mitte der 1990er-Jahre, als Sie die unmenschlichen Bedingungen in den Abschiebezentren in Malaysia aufgedeckt haben …
Die Regierung hatte mich damals beschuldigt, Falschmeldungen zu verbreiten. Die Gerichtsverhandlungen zogen sich über 13 Jahre hin, aber schließlich  wurde ich  freigesprochen. 

Haben sich die Bedingungen für die Wanderarbeiter in Malaysia seitdem verbessert?
Viele Wanderarbeiter werden immer noch ausgebeutet. Aus ihrem Schweiß und Blut ist die boomende Wirtschaft Malaysias gewachsen. Viele Migrantinnen werden als Hausangestellte von ihren Arbeitgebern geschlagen und sexuell missbraucht und bekommen teilweise monatelang keinen Lohn. Auch auf den Palmöl-Plantagen und in der Industrie werden die Rechte der Wanderarbeiter oft missachtet. Die Migranten sind ihren Arbeitgebern ausgeliefert, da die meistens die Pässe einbehalten. Wenn die Wanderarbeiter versuchen, ihre Rechte durchzusetzen, kündigen die Arbeitgeber die Arbeitsgenehmigung und lassen sie abschieben. Die Wanderarbeiter können deshalb ihre Rechte praktisch nicht wahrnehmen. Möglich ist das alles, weil die Entsendeländer in Südasien zustimmen, unter diesen Bedingungen Migranten nach Malaysia zu schicken. Das gilt vor allem für Länder wie Bangladesch und Nepal. Die Leute dort sind arm und wollen nach Malaysia. Erst wenn sie dann mit den rauen Zuständen hier konfrontiert werden, wollen sie zurück. 

Was bedeutet es, ohne gültige Papiere im Land zu arbeiten? 
Gültige Papiere entscheiden darüber, welche Rechte ein Arbeitsmigrant  hat, ob er sie einfordern kann, wie groß die Missbrauchsgefahr ist, ob er in ständiger Gefahr leben muss, verhaftet und ausgewiesen zu werden. Und genau das passiert gerade: Seit Anfang September macht die malaysische Regierung Jagd auf illegale Arbeitsmigranten und will insgesamt eine halbe Million Menschen aus dem Land schaffen.

Was passiert mit den Leuten?
Sie werden erst in provisorischen Lagern untergebracht, weil die Abschiebezentren alle schon voll sind. Die Regierung will eine zügige Abschiebung. Die Leute haben wenig Zeit zu beweisen, dass sie vielleicht doch rechtmäßig im Land sind, weil die Arbeitgeber die Papiere haben. Die Regierung hat außerdem die Heimatländer der Wanderarbeiter aufgefordert, für die Abschiebungen zu bezahlen, was lächerlich ist. Migranten aus Indonesien werden einfach in Boote gesetzt und zurückgeschickt, das ist der billigste Weg, sie loszuwerden.

Ohne Pass und Visum in die Illegalität

Insgesamt leben drei bis vier Millionen ausländische Wanderarbeiter in Malaysia, rund die Hälfte ohne legalen Aufenthaltsstatus. Sie sind in der Industrie, in der Landwirtschaft und im Dienstleistungssektor…

Zugleich hat die Regierung in Malaysia angekündigt, fast 1,5 Millionen Arbeiter aus Bangladesch ins Land zu holen. Wie passt das zusammen?
Das verstehe ich auch nicht. Es wäre  billiger, die illegalen Migranten in Malaysia  zu legalisieren. Das hat die Regierung 2011 mit einer Amnestie auch versucht. Das Ganze endete aber in einem Fiasko, weil die Personalagenturen, bei denen die Wanderarbeiter angestellt sind, dafür verantwortlich waren. Deren Agenten haben den Arbeitgebern und den Migranten zwar  Geld abgeknöpft, aber nichts für die Legalisierung unternommen. Unsere Organisation hat bei der Polizei Beschwerde gegen einige Agenten eingereicht, aber es ist nichts passiert. Viele dieser Personalagenturen werden von Leuten geführt, die mit Beamten verwandt sind. 

Befürworten Sie einen Boykott der Entsendeländer?
Ja. Kambodscha und Indonesien haben beschlossen, keine Migranten für die Hausarbeit mehr zu entsenden. Es ist ein gutes Zeichen, wenn diese Länder erkennen, dass Arbeitsmigranten nicht nur ein Exportprodukt sind, sondern Menschen, deren Rechte geschützt werden müssen. Wir unterstützen die Wanderarbeiter, wenn sie versuchen, ihre eigene Regierung zur Rechenschaft zu ziehen. In Bangladesch haben einige Wanderarbeiter ihre Regierung wegen unsicherer Migration verklagt und den Fall vor Gericht gewonnen.

Ist die Ausländerfeindlichkeit in Malaysia weit verbreitet?
Ja. Und sie wird täglich angestachelt von Politikern und  Medien, die Migranten für die Ausbreitung sozialer Missstände, Krankheiten und Kriminalität verantwortlich machen. Aber als wir die Polizei nach Belegen für die Vorwürfe gefragt haben, kam heraus, dass nur ein Prozent aller Straftaten von Ausländern begangen wurde. Trotzdem werden Abschiebungen mit diesem Argument gerechtfertigt, zum Beispiel bei Migranten, die im Rotlichtmilieu arbeiten. Die Polizei sollte lieber die Betreiber dingfest machen. Stattdessen werden die Opfer schikaniert. 

Wie könnte die Situation der Arbeitsmigranten verbessert werden?
Zu allererst sollten sie aus der Schuldknechtschaft  in Malaysia befreit werden. Die Kosten für die Jobvermittlung sind sehr hoch und die Migranten müssen mindestens fünf Jahre in Malaysia arbeiten, damit etwas für die Familien in der Heimat übrig bleibt. Die Löhne sind niedrig, also müssen die Migranten Überstunden machen. Wir wollen, dass die Arbeitgeber mehr Verantwortung übernehmen: Die Industrie braucht die Arbeitskräfte, also soll sie auch für die Gebühren und die Anwerbungskosten der Migranten aufkommen. Wir sollten den Wanderarbeitern auch eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Aussicht stellen. Sie haben hart gearbeitet und zum Wirtschaftswachstum beigetragen, warum sollten sie dann nicht Staatsbürger werden? Ich fände das okay. Aber wir lassen einfach die Schranken runter.

Ist das sogenannte „My Second Home Program“, mit dem die Regierung seit einigen  Jahren gezielt Ausländer ins Land holen will, ein Schritt in die richtige Richtung?
Nein, das Programm spricht nur Ausländer an, die genug Geld mitbringen und sich hier direkt ein eigenes Haus kaufen. Es geht nicht darum, ob du etwas gearbeitet und geleistet hast. Es geht nur ums Geld. Wenn du reich genugbist, kannst du dir deine Staatsbürgerschaft einfach kaufen.  

Das Gespräch führte Sebastian Drescher

erschienen in Ausgabe 11 / 2013: Kriminalität

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