Schülerinnen einer Grund­schule in Neu-Delhi holen im Juli 2013 ihre kosten­lose Mittagsmahlzeit ab. Künftig sollen etwa 150 Millionen Kinder so
versorgt werden.

Indien: Essen per Gesetz

Die Wirtschaft wächst, doch die Zahl der Hungernden sinkt nicht. Der Staat steuert gegen: Arme Inder haben jetzt einen gesetzlich verbrieften Anspruch auf billigen Reis. Könne sie damit ihre Teller und Mägen füllen?

Es sorgt national und international für kontroverse Debatten: Das indische Gesetz zur Ernährungssicherung (National Food Security Act, NFSA), das im September 2013 vom Parlament beschlossen worden ist. Die einen sehen es als spektakulären Erfolg im Kampf um das Recht auf Nahrung. Die anderen finden, es sei eine populistische Vergeudung öffentlicher Mittel, die sich das Land in seiner gegenwärtigen Haushaltslage nicht leisten kann.

Laut dem NFSA haben zwei Drittel der indischen Bevölkerung – 820 Millionen Menschen – einen Rechtsanspruch auf subventioniertes Getreide (auf dem Land drei Viertel, in der Stadt die Hälfte). Im Rahmen des staatlichen Verteilsystems PDS (Public Distribution System) erhielten bislang 37 Prozent der Bevölkerung eine solche Unterstützung. Die Ärmsten können – wie schon unter dem PDS – 35 Kilo Reis, Weizen oder Hirse monatlich pro Familie für etwas mehr als einen US-Dollar einkaufen.

Autor

Biraj Patnaik

ist der Chefberater für die Bevollmächtigten des Obersten Gerichtshofs im Verfahren um das Recht auf Nahrung. Er engagiert sich seit deren Beginn in der Kampagne für ein Recht auf Nahrung.

Alle anderen Anspruchsberechtigten bekommen pro Person zum selben Preis fünf Kilo Getreide im Monat, unter dem PDS waren es sieben Kilo. Wie viel Getreide eine Familie insgesamt verbilligt erhält, hängt von der Zahl ihrer Mitglieder ab. Laut NFSA sind Frauen die Familienoberhäupter. Die Berechtigungsscheine werden an die älteste Frau in der Familie ausgegeben, sofern sie mindestens 18 Jahre alt ist. In einigen Bundesstaaten kann man durch das staatliche Verteilungssystem PDS zusätzlich verbilligte Hülsenfrüchte, Öl, Salz und andere Lebensmittel beziehen. Für die Kosten müssen die Regierungen der Bundesstaaten aufkommen. In manchen profitieren mehr Menschen vom staatlichen Verteilsystem, als laut dem neuen Gesetz anspruchsberechtigt wären – in Tamil Nadu die komplette Bevölkerung, in Chhattisgarh 90 Prozent. Die Regionalregierungen wollen daran auch künftig festhalten.

Das neue Gesetz verspricht zusätzlich zu dem Getreide allen Kindern bis zu 14 Jahren, die öffentliche oder staatlich geförderte Schulen besuchen, an allen Werktagen des Jahres eine kostenlose warme Mittagsmahlzeit. Davon sollen etwa 150 Millionen Kinder profitieren. Außerdem wird allen Kindern zwischen drei und sechs Jahren eine kostenlose warme Mahlzeit zugesichert. Für Kinder zwischen sechs Monaten bis zu drei Jahren werden Rationen ausgegeben, die ihrem Alter entsprechen.

Wichtige Unterstützung für junge Mütter

Alle schwangeren Frauen und stillenden Mütter bekommen ebenfalls eine warme Mahlzeit. Außerdem sind zusätzliche Mahlzeiten oder Rationen für akut unterernährte Kinder vorgesehen. Für diese Mahlzeiten soll die staatliche Kinderschutzorganisation ICDS (Integrated Child Development Services) sorgen, die auch Vorschulerziehung, Impfung und Überweisungen in ärztliche Behandlung anbietet. In Indien gibt es fast 1,5 Millionen ICDS-Zweigstellen, die für 160 Millionen Kinder unter sechs Jahren zuständig sind.

Außerdem sind zusätzliche Leistungen für alle schwangeren und stillenden Inderinnen vorgesehen. Die Debatte über das neue Gesetz konzentrierte sich zwar vor allem auf das System der Lebensmittelverteilung. Doch angesichts der weit verbreiteten Diskriminierung der indischen Frauen ist die zusätzliche Unterstützung für junge Mütter der wichtigste Schritt nach vorn. Sie haben jetzt Anspruch auf knapp 100 US-Dollar, die über sechs Monate ausbezahlt werden. Zusätzlich erhalten sie weiter die finanziellen Hilfen, die ihnen bei Entbindungen im Krankenhaus schon bisher zustanden.

erschienen in Ausgabe 2 / 2014: Neue Helden der Arbeit

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