Isaías Maroquín mit seinen Töchtern Mercedes (links) und Karla. Wenn eine von ihnen krank ist, versucht er zunächst mit Kräutern, sie zu heilen. Der Gang zum Arzt ist teuer.

Nicht den Apotheker fragen

Viele Menschen in El Salvador kurieren sich am liebsten selbst – nicht nur, weil sie arm sind. In Apotheken werden sie dazu ermuntert. Das hat manchmal kuriose Wirkungen, bisweilen ist es aber gefährlich.

Kurz vor Weihnachten wurde Mercedes Marroquín krank. Sie litt an Durchfall, bekam Fieber. Die Zweijährige lebt in Valle Nueva, einem Weiler im kühlen bergigen Kaffeeanbaugebiet El Salvadors, in der letzten Hütte am Dorfrand. Zusammen mit ihrer elfjährigen Schwester Karla, ihrer Mutter Miriam und ihrem Vater Isaías teilt sie sich eine Behausung aus Holzplanken und Wellblech mit gestampftem Boden aus nackter Erde. Draußen führt eine Erdstraße vorbei. Wenn ein Laster vorbeifährt, hinaus in die gleich dahinter beginnenden Kaffeeplantagen, werden Haus und Hof mit feinem Staub eingepudert.

Autoren

Cecibel Romero

ist freie Journalistin in San Salvador. Sie schreibt unter anderem für die „tageszeitung“.

Toni Keppeler

ist freier Journalist und berichtet für mehrere deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus Lateinamerika.

Kinder wie Mercedes rutschen auf Knien und Händen über die nackte Erde, stecken sich dies und das in den Mund und bekommen hin und wieder Durchfall. Ihr Vater Isaías, ein Landarbeiter, der eine kleine Kaffeefinca betreut, machte sich zunächst keine Sorgen. Der kräftige 45-Jährige in Jeans, Polohemd und derben Schuhen ist unerschrocken. Früher, in seiner wilden Jugend, war er in einer Mara aktiv, einer jener gefürchteten Jugendbanden El Salvadors. Man sieht es noch an den Tattoos auf seinen Armen. Heute ist er ein tiefgläubiger Christ.

Er tat das, was er immer tut, wenn Karla oder Mercedes Durchfall haben: Er ging in den Garten und holte Kräuter. Die Blätter eines Pflänzchens, das man hier Cinco Negritos – fünf kleine Schwarze – nennt, kocht man in Wasser auf. Einen kleinen Teil dieses Suds muss das kranke Kind trinken, im anderen wird es gebadet. Das senkt das Fieber. Gegen Parasiten, die hauptsächliche Ursache von Durchfällen, wirken die Wurzeln des Krautes Pasote. Doch Mercedes half weder das eine noch das andere.

Die Hausapotheke von Großmutter Mercedes

In solchen Fällen wird die Großmutter zu Rate gezogen, nach der die Kleine ihren Namen hat. Sie schlägt sich als Saisonarbeiterin bei der Kaffeeernte durchs Leben und weiß alles über die heimischen Pflanzen und ihre Wirkung auf den Menschen. Was vor ihrer Hütte aussieht wie ein paar Quadratmeter Boden voller Unkraut, ist für sie eine Hausapotheke. Sie zupft hier ein paar Blätter ab, zieht dort eine Wurzel aus dem Boden, pflückt eine Blüte und erklärt: Die Blätter dieses Baums helfen gegen Entzündungen, jenes Kraut ist gegen Gastritis und Bauchweh, fünf oder sechs weitere Kräuter, sieben Tage eingelegt in Alkohol, lindern die Schmerzen von Arthritis. Man bestreicht die betroffenen Gelenke mit der Flüssigkeit. „Niemals einmassieren, nur bestreichen!“ Sogar gegen Angstzustände hat sie ein Mittel im Garten: Aus einer kleinen Frucht, die wegen Form und Farbe Colmillo de Chuchu, Hundepenis, genannt wird, braut man einen Sud und trinkt ihn. Das löse jede Beklemmung auf.

Großmutter Mercedes weiß das alles von ihrer Mutter und gibt es weiter an ihren Sohn. Der ist Pfingstkirchler und erklärt sich Krankheiten so: „Das Leben ist ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel. Wenn uns die vom Teufel geschickten Dämonen angreifen, werden wir krank. Gott aber hat uns die Pflanzen gegeben, damit wir uns dagegen wehren können.“ Seine Mutter, eine einfache traditionelle Katholikin, sieht das pragmatischer: „Natürlich versuchen wir es zuerst mit Pflanzen“, sagt sie. „Die haben wir umsonst im Garten. Nur wenn uns die nicht helfen können, kaufen wir Tabletten.

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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