Isaías Maroquín mit seinen Töchtern Mercedes (links) und Karla. Wenn eine von ihnen krank ist, versucht er zunächst mit Kräutern, sie zu heilen. Der Gang zum Arzt ist teuer.

Cecibel Romero und Toni Keppeler

Nicht den Apotheker fragen

Viele Menschen in El Salvador kurieren sich am liebsten selbst – nicht nur, weil sie arm sind. In Apotheken werden sie dazu ermuntert. Das hat manchmal kuriose Wirkungen, bisweilen ist es aber gefährlich.

Der kleinen Mercedes konnten die Künste ihrer Großmutter nicht helfen. Durchfall und Fieber wurden täglich schlimmer, die Familie machte sich ernste Sorgen. Kinder, die in solchen Verhältnissen leben, sterben schnell in El Salvador. Durchfall ist die häufigste Todesursache. Großmutter besorgte Tabletten. „Das übliche gegen Durchfall und Fieber“, sagt sie. Sie kennt die Namen der Medikamente vom Hörensagen.

„Spontankäufe“ von Medikamenten sind sinnlos

In der Statistik von Vicente Coto, dem Leiter der nationalen Kontrollbehörde für Medikamente, fallen solche Besorgungen in die Rubrik „spontane Käufe“. Medizinisch hält er sie meist für sinnlos, wenn nicht sogar für gefährlich. Das Verkaufspersonal in den Apotheken habe in aller Regel keinerlei Ausbildung. Oft würden die angelernten Kräfte nicht einmal vom Besitzer der Apotheke, sondern von einem Pharmakonzern bezahlt. Entsprechend seien sie angehalten, möglichst viele Medikamente dieser Firma zu verkaufen. Laut dem seit einem Jahr gültigen Medikamentengesetz ist das zwar verboten. Aber, fragt Coto, „wie sollen wir das kontrollieren?“

Den Unsinn solcher „Spontankäufe“ belegt Coto mit zwei Statistiken: Er nimmt die Liste der 50 am häufigsten verkauften Medikamente in El Salvador und vergleicht sie mit einer Zusammenstellung der gängigsten Krankheiten im Land. „Verkaufte Medikamente und Krankheiten passen überhaupt nicht zusammen“, sagt er. Das Produkt, das am meisten über den Ladentisch geht, sei ein Vitamin-B-Komplex. Nach dem Urteil des gelernten Arztes ist das „ein absolut unnützes Medikament, das keinerlei Problem löst“.

Nicht nur in Apotheken kann man Medikamente besorgen: Sie werden auf Märkten angeboten, in Ständen oder von ambulanten Händlerinnen mit Körben, die Tabletten auch einzeln verkaufen. „Und in so gut wie jeder Familie gibt es die Schatulle der Großmutter, in der übrig gebliebene Arznei über Jahrzehnte aufbewahrt wird“, weiß Coto. „Oft erinnert man sich nur noch vage, gegen was sie nützen sollen.“ Aber es herrsche noch immer die Vorstellung: Man schluckt eine Tablette und alles ist gut. „Solche kulturellen Muster sind nur schwer zu durchbrechen.“

Absurde Geschichten

Oft wüssten die Kranken nicht einmal, wie ein Medikament angewendet werden muss. Wandee Mira kann da absurde Geschichten erzählen, aber auch ernste. Die 43-Jährige ist Gynäkologin im staatlichen Gesundheitswesen und betreut die Frauen in einem knappen Dutzend Dörfer im Süden der Hauptstadt San Salvador. Einmal habe eine Patientin mit einer Scheidenentzündung sie gebeten, sie möge ihr nicht dieselben Zäpfchen geben wie der Apotheker, erzählt sie. Die seien so schwer zu schlucken und schmeckten ganz widerlich. „Sie hat sich den Magen verdorben, mehr nicht“, sagt Mira.

Andere Fälle aber seien riskant. So würden in Apotheken oft starke Antibiotika verkauft, um von ahnungslosen Verkäufern schnell diagnostizierte Entzündungen zu heilen. Selbst wenn durch einen Glücksfall die Diagnose stimmt und die Tabletten schnelle Linderung bringen, bleibe das gefährlich. „Niemand sagt den Kranken, dass eine Antibiotikabehandlung abgeschlossen werden muss, auch wenn die Symptome schon verschwunden sind.“ Die Folge: Krankheitskeime werden resistent gegen gängige Medikamente, im schlimmeren Fall komme es zu chronischen Krankheiten.

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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