Familienkontakt durch den Grenzzaun: Drei in die USA Eingewanderte treffen 2013 an der Südgrenze von Arizona ihre Eltern aus Brasilien, Kolumbien, und Mexiko, die nicht einreisen dürfen.

Das Staatsgebiet wird abgegrenzt

Wer sich in der Europäischen Union bewegt, bemerkt kaum noch Grenzen. Dabei haben sich Staaten mit genau markierten Grenz­linien zuerst in Europa gebildet und das Prinzip dann mit der Kolonial­herrschaft auf die ganze Welt übertragen. Es wirkt bis heute – dass Staatsgrenzen unbedeutend werden, ist ein Trugschluss.

Nur Wochen nach dem umstrittenen Referendum auf der Krim und dem Anschluss der Halbinsel an die Russische Föderation sind neue russische Landkarten gedruckt – mit der Erweiterung um die Krim. Digitale Versionen davon zirkulierten bereits im Internet und im russischen Staatsfernsehen, bevor die Stimmen des Referendums ausgezählt waren. Etwas länger wird es dauern, bis auch russische Schüler in ihren Atlanten die neuen Staatsgrenzen nachschlagen können.

Autor

Sören Urbansky

lehrt an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte Russlands und Ostasiens. Er hat unter anderem über die Mandschurei und den chinesisch-russischen Grenzraum geforscht.
Im Zeitalter der Globalisierung, des Internets und der staatsübergreifenden Strukturen scheint der Konflikt um die Krim wie eine Episode aus einer längst vergangenen Zeit. Dabei führt der Streit um die Schwarzmeer-Halbinsel einmal mehr vor Augen, dass auch im 21. Jahrhundert die Kontrolle über eisfreie Häfen, Erdgasfelder und Territorien von höchster Bedeutung für Staaten ist.

Die Macht über sie scheint mitunter wichtiger als die Friedensordnung und das Schicksal jener Menschen, die sich nicht in nationale Kategorien pressen lassen wollen. Denn russisch-ukrainische Mischehen und die Volksgruppe der Tataren auf der Krim sind wohl die größten Opfer dieses traurigen Machtspiels. Willkommen zurück im Zeitalter der Territorialstaaten.

Auch jenseits von Europa sind wir im Jahr 2014 weiter von einer grenzenlosen Welt entfernt, als mancher es bis vor kurzer Zeit gehofft hat. Grenzen werden auch heute gezogen; so wurde der Sudan 2011 geteilt. Durch Korea geht auch noch mehr als sechs Jahrzehnte nach Unterzeichnung des Waffenstillstands die wohl am besten überwachte und militärisch gesicherte Grenze der Welt.

An Chinas Grenzen schwelen alte und neue Grenzkonflikte

Überhaupt erscheint Asien als Kontinent, dem im neuen Jahrhundert die meisten Konflikte um Territorien bevorstehen. Seit dem Wiederaufstieg Chinas zur Weltmacht schwelen an vielen Land- und Wassergrenzen dieses Landes, das weltweit die meisten Nachbarn hat, alte und neue Grenzkonflikte. Und auch jenseits der menschlichen Zivilisation, wie in der Kälte der Arktis, hat das Wettrennen um Einflusssphären bei der Jagd nach Rohstoffen begonnen: Im Jahr 2007 setzten Russen in 4261 Metern Tiefe unter dem Meeresspiegel eine Fahne am Nordpol.

Selbst im Internet ziehen Staaten Grenzen. Das digitale Medium unterwanderte seit den neunziger Jahren Grenzen und schien die Welt enger zusammenrücken zu lassen. Doch nicht nur China, das zur Unterdrückung kritischer Inhalte die Great Firewall gebaut hat, bricht mit diesem Trend. Das Internet hat auch scheinbar grenzenlose Überwachung möglich werden lassen. Und die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden lassen Politiker in Europa für ein World Wide Web eintreten, das in einzelne Teile getrennt ist und daher seinen Namen nicht länger verdient. Selbst die digitale Welt wird eingehegt.

erschienen in Ausgabe 5 / 2014: Durchlass hier, Mauer dort

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