„Unser Ziel ist, niemanden zu übersehen“

Die Physiotherapeutin Cornelia Barth hat für Handicap International in Jordanien Kolleginnen und Kollegen fortgebildet, die Kriegsverletzte behandeln. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen.

Welchen Eindruck haben Sie von der physiotherapeutischen Arbeit in Jordanien?
Ich war sehr positiv überrascht. Physiotherapie ist in Jordanien ein akademischer Beruf. Die Kolleginnen und Kollegen haben in der Regel einen Universitätsabschluss, und ich habe sie auch in der Praxis als sehr kompetent erlebt. Wir arbeiten hier in einem Land mit funktionsfähigen Strukturen. Aber der Krieg in Syrien bringt sehr schwierige Verletzungen und mehrfache Traumatisierungen mit sich, die man normalerweise nicht in einem Bachelorstudiengang kennenlernt. Die Kollegen wissen einerseits sehr gut, wie man einen Behandlungsplan erstellt und wie man Menschen anfasst, die einen Unfall oder einen Schlaganfall hatten. Aber für den Umgang mit Kriegsverletzungen braucht man spezielle Weiterbildungen, Coaching und Supervision.

Die meisten Flüchtlinge leben nicht in Lagern, sondern verteilt auf zahlreiche Städte und Dörfer. Wie können sie erreicht werden?
Weit mehr als die Hälfte – aktuell rund 600.000 syrische Flüchtlinge – sind in Jordanien offiziell registriert. Und jeder Flüchtling, der beim UNHCR registriert wird, durchläuft ein Screening, um herauszufinden, ob Bedarf für Reha-Maßnahmen oder sonstige Physiotherapie besteht. An diesen Screenings sind Hilfsorganisationen wie Handicap International beteiligt. Je nach dem Grad der Verletzung oder Behinderung bekommen die Patienten Hilfsmittel wie Gehhilfen oder Rollstühle oder eine längerfristige Reha.

Der UNHCR kann nicht einmal die Grundversorgung aller Flüchtlinge garantieren. Wie sichert man da die Qualität der Behandlung und der Hilfsmittel?
Es gibt hier wirklich sehr viel zu tun. Aber wir haben das Ziel, keinen zu übersehen. Was die Qualität angeht: Ich habe viel Erfahrung in weniger entwickelten Ländern, und die Situation hier ist vergleichsweise gut. Die Amputationen sind in der Regel ordentlich gemacht und die Stümpfe gut versorgt. Damit sind die Voraussetzungen für die weitere medizinische Versorgung grundsätzlich gut. Aber allein weil es so viele Patienten gibt, kommen wir immer wieder an unsere Grenzen. 

Was müsste als erstes getan werden, um mehr bedürftigen syrischen Flüchtlingen adäquat zu helfen?
Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, mehr internationale Physiotherapeuten nach Jordanien zu holen, die mit der Behandlung von Kriegsverletzungen Erfahrung haben. Sie sollen  einheimische Kollegen fortbilden – am besten so weit, dass diese die entsprechenden Trainings mittelfristig selbst übernehmen können.

Kann man auch Physiotherapeuten aus Syrien einbinden?
Es gibt natürlich syrische Kolleginnen und Kollegen, die in Jordanien arbeiten. Sie haben aber in der Regel keine Arbeitsgenehmigung und sind deshalb illegal. Deshalb können wir sie als in Jordanien tätige internationale Organisation nicht einstellen. Wir können sie nur einladen, wenn wir ein internationales Training machen.

Bei der Physiotherapie kommt man fremden Menschen körperlich sehr nahe. Was bedeutet das in einer Gesellschaft, die großen Wert auf Geschlechtertrennung legt?
Das hat in der Praxis weniger Bedeutung als gedacht. Gut, beim Training ist Körperkontakt mit männlichen Kollegen nicht erlaubt. Aber im Umgang mit echten Patienten habe ich kaum Beschränkungen erlebt. Es ginge auch gar nicht anders, denn die Zahl der kriegsverletzten Männer ist viel höher, und so viele männliche Physiotherapeuten, wie gebraucht würden, gibt es gar nicht.

Viele syrische Flüchtlinge haben gedacht, dass sie nur wenige Monate in Jordanien bleiben. Doch es zeichnet sich ab, dass der Aufenthalt lang werden könnte. Was bedeutet das für die Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten?
Jordanien hat sehr viel Erfahrung mit solchen Situationen und der Umgang damit ist recht professionell. Aber die Nothilfe wird irgendwann ein Ende haben. Da müssen dann auch die Hilfsorganisationen Wege finden, wie sie Nothilfe in längerfristige Unterstützung umgestalten – wohl wissend, dass hier Instrumente der klassischen Entwicklungshilfe nicht greifen, weil die Menschen weiter Flüchtlinge bleiben.

Das Gespräch führte Martina Sabra.

erschienen in Ausgabe 6 / 2014: Tschad: Langer Kampf um Gerechtigkeit

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