Omars Odys­see

In seiner Heimat ist Omar knapp der Verhaftung entkommen. Nun lebt er in einem Flüchtlingscamp in der algerischen Wüste und organisiert Film- und Kunstfestivals für die Sahrauis.

Den heimischen Beduinenstämmen erlauben die marokkanischen Grenzsoldaten den Übertritt über die Grenzanlage, um entlaufene Tiere wieder einzufangen. Omar besticht die Beduinen mit fünfhundert Euro – Geld, das er als eiserne Reserve mühsam gespart hatte, um eines Tages ein Haus zu bauen. Die Beduinen geben ihn daraufhin als einen der Ihren aus. Sie geleiten ihn durch die tückisch verminte Pufferzone entlang des Grenzwalls. Wenig später wird er von einer Patrouille der Frente Polisario gefunden und in die sahrauischen Flüchtlingscamps auf algerischem Boden gebracht.

Seitdem führt der 32-Jährige ein Leben im Exil, in den Lagern rund um die algerische Garnisonsstadt Tindouf, so wie geschätzte 170.000 Sahrauis mit ihm. Viele seiner jüngeren Landsleute wurden hier geboren und kennen die Heimat nur aus dem Fernseher oder dem Internet. Was sie dort sehen, ist entmutigend. „Die täglichen Schikanen, die Perspektivlosigkeit, die Gewalt, vor allem gegen unsere Frauen. Und wir müssen mitansehen, wie unser Land, unsere Bodenschätze allmählich von den Marokkanern geplündert und verhökert werden.“ In Omars Stimme schwingt Resignation mit, er hat die Geschichte seiner Heimat schon zu oft erzählt.

Es ist eine Geschichte vom Reichtum eines Landes und davon, wie wenig davon bei den Menschen, die dort wohnen, ankommt. Im Dezember vergangenen Jahres verlängerten die Europäische Union und das marokkanische Königshaus ein Kooperationsabkommen zur Ausbeutung der reichen Fischgründe vor der Küste der Westsahara. Dass es sich dabei um völkerrechtswidrig annektiertes Gebiet handelt, hinderte in Brüssel niemanden an der Unterschrift.

Hinzu kommen die großen Phosphatvorkommen der Westsahara, die als die zweitgrößten weltweit gelten – gleich nach denen Marokkos. Und vor der südwestlichen Atlantikküste des Landes finden sich Erdöl- und Erdgasfelder. Die Westsahara könnte ein reiches Land sein. Doch sie kann über ihren Reichtum nicht bestimmen.

Er weiß nicht, ob er seine Heimat wiedersehen wird

Omar hat inzwischen eine Stelle im sahrauischen Kultusministerium gefunden, das sich, wie alle administrativen Einrichtungen der Sahrauis, in den Lagern in Algerien befindet. Dort arbeitet er im Mediendepartment, und kümmert sich um das kulturelle Leben in den Camps. Der Höhepunkt sei das internationale Filmfestival „FiSahara“, das jedes Jahr stattfindet, erklärt Omar. Die Vorbereitungen für das Kunstfestival „ARTifariti“ halten ihn ebenfalls auf Trab.

Und natürlich kümmert er sich darum, das Anliegen der Sahrauis in die Welt hinauszutragen, über RASD-TV, den sahrauischen Fernsehkanal, über „Radio Sahrawi“, über das Internet. Dass er dank seines Studiums perfekt Englisch spreche, habe ihm natürlich geholfen, diesen Job zu finden, sagt er. Viele junge Sahrauis wollen es ihm gleichtun. Englische Sprachschulen schießen in den Camps wie Pilze aus dem Boden. Eine deutsche Sprachschule hingegen musste vor kurzem mangels Interessenten wieder schließen.

Er habe nun endlich das Geld für ein Haus zusammen, berichtet Omar stolz. Es soll in einem der neueren Camps errichtet werden, in Camp Boujdour, wo es demnächst flächendeckend Strom geben soll. Ein Happy End, mitten in der Wüste? Das wäre es, wenn das Haus in El Aaiún stünde. Ob Omar seine arme, reiche Heimat wiedersehen wird? Da zuckt er nur mit den Achseln.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

Kommentare

Die Sahraouis werden nicht als Individuen zweiter Klasse betrachtet. Sie sind integraler Bestandteil der marokkanischen Gesellschaft, und sie genießen ihre Rechte wie die übrigen Marokkaner, insbesondere im Rahmen der Autonomie, die Marokko beabsichtigt, in der Region der Sahara anzuwenden und die seitens der internationalen Gemeinschaft als seriös und glaubwürdig qualifiziert wurde.Ein zweiter Punkt ist, dass Marokko nicht die Naturressourcen der Westsahara ausbeutet, auch die Sahraouis selbst profitieren davon. Marokko fördert die Rückkehr der Sahraouis nach Marokko, während die Front Polisario die Sahraouis in den Lagern von Tindouf sequestriert.

Der Text ist eine reine Propaganda zugunsten der Front Polisario und beleuchtet nicht die Frage aus einer anderen Perspektive, nämlich aus der marokkanischen Perspektive, die auch ihr Wort dazu zu sagen hat. Die Tristesse, die Perspektivlosigkeit und der Schock sind das tägliche Los der Sahraouis in den Lagern von Tindouf, die andere Restriktionen kennen, wie die Restriktion der Meinungs-, Bewegungs- und Versammlungsfreiheit.

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