Hildegard Willer macht sich gerne selbst ein Bild von der Wirklichkeit – hier recherchiert sie im September 2013 auf 4000 Metern Höhe zum illegalen Goldabbau in Peru.

Drei Seelen in der Brust

Journalistin, Universitätsdozentin und Beraterin eines Hilfswerkes: Das führt immer wieder zu Interessenkonflikten – gerade wenn es um die entwicklungspolitische Lobby- und Anwaltschaftsarbeit geht.

Weil ich mir gerne selbst ein Bild von der Wirklichkeit mache und darüber berichte, bin ich Journalistin geworden – spät und als Quereinsteigerin aus der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit. Das wird leider sehr viel schlechter bezahlt, als vorgegebene Geschichten nach oder neu zu erzählen.

Viele Zeitungen sind in der Krise, Journalisten stehen auf der Straße, die Honorare sinken. Da passt es gut, dass Hilfsorganisationen (NGO) immer wieder Aufträge vergeben, um ihre Projekte in Südamerika für Spendermagazine und Webseiten zu dokumentieren. In der Regel sind diese PR-Aufträge einfacher zu erledigen und besser bezahlt als jede investigative Reportage für eine Tageszeitung.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
In einem solchen Fall sind Journalismus und PR noch sauber getrennt. Dennoch begebe ich mich als Journalistin auf dünnes Eis: Betrachte ich die Projekte der Hilfsorganisation, für die ich PR-Artikel schreibe, genauso unvoreingenommen wie andere? Wahrscheinlich nicht. Werde ich über kritische Aspekte berichten und damit künftige PR-Aufträge riskieren? Ich habe mir äußerste Transparenz verordnet. Artikel über Entwicklungsprojekte, die ich berate, unterzeichne ich nur in meiner Funktion als Beraterin, nicht als Journalistin. Die ethische Grenze wird da überschritten, wo PR und Journalismus auf intransparente Weise miteinander vermischt werden.

Dies geschieht allenthalben, und die Leserinnen und Leser merken es meist nicht. Während die Redaktionen immer weniger Geld haben, rüsten die PR-Abteilungen auf. Längst kommt Werbung nicht mehr nur als klassische Anzeige daher, sondern ist Teil eines redaktionellen Inhaltes. Die Reiseseiten der meisten Medien werden von Reiseunternehmen gesponsert, bei der Berichterstattung über neue Automodelle hat die Industrie ebenfalls ihre Hand im Spiel – beides ist bekannt.

Die wenigsten Leser allerdings wissen, dass auch Auslandsberichterstattung finanziell unterstützt wird, und zwar von den PR-Abteilungen der privaten und staatlichen Hilfswerke. Das gilt vor allem für kleinere Entwicklungsländer, die von den wenigen Auslandskorrespondenten der öffentlich-rechtlichen Sender oder der großen Tageszeitungen nicht mehr abgedeckt werden.

Ein Berührungspunkt zwischen Hilfswerk-PR und Journalismus ist die Unterstützung von freien Journalisten: Entwicklungsorganisationen helfen bei der Recherche, sie stellen den Transport, die Übersetzung und Kontakte zur Verfügung. Der freie Journalist könnte diese Dienste von seinem mickrigen Honorar nie bezahlen. Dass die hilfreiche NGO in dem Artikel gut wegkommt, nimmt man gerne in Kauf. „Embedded  humanitarian journalism“ hat das der Medienwissenschaftler Lutz Mükke genannt.

Hilfswerke laden Journalisten ein und bestimmen Gesprächspartner

Die Krönung der Einflussnahme ist, wenn Hilfswerke gezielt Journalisten einladen, ihre Projekte zu besuchen, die Reise bezahlen und die Gesprächspartner und Termine vorgeben. Eine solche Pressereise wird aus dem PR-Budget eines Hilfswerkes bezahlt, das Ergebnis erscheint aber später als redaktioneller Inhalt in den Medien. Zwar kann der Auftraggeber den Journalisten nicht verpflichten, über die Reise zu schreiben und noch weniger, den Sponsor zu nennen. Doch tut man das nicht, kommt schon einmal eine freundliche E-Mail aus der Pressestelle des Hilfswerkes, man hätte dessen Namen ruhig erwähnen können.

Ich verstehe meine Kollegen von der PR: Die Hilfswerke stehen in einem harten Konkurrenzkampf um Spenden und öffentliche Aufmerksamkeit. Jede Erwähnung in den Medien verhilft ihnen zu einer Glaubwürdigkeit, die sie mit teuren Anzeigen nicht erreichen. Dennoch: Vom ethischen Standpunkt aus ist das ebenso Schleichwerbung wie die Coca-Cola-Flasche in der Vorabendserie.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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