Drei Seelen in der Brust

Journalistin, Universitätsdozentin und Beraterin eines Hilfswerkes: Das führt immer wieder zu Interessenkonflikten – gerade wenn es um die entwicklungspolitische Lobby- und Anwaltschaftsarbeit geht.

Weil ich mir gerne selbst ein Bild von der Wirklichkeit mache und darüber berichte, bin ich Journalistin geworden – spät und als Quereinsteigerin aus der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit. Das wird leider sehr viel schlechter bezahlt, als vorgegebene Geschichten nach oder neu zu erzählen.

Viele Zeitungen sind in der Krise, Journalisten stehen auf der Straße, die Honorare sinken. Da passt es gut, dass Hilfsorganisationen (NGO) immer wieder Aufträge vergeben, um ihre Projekte in Südamerika für Spendermagazine und Webseiten zu dokumentieren. In der Regel sind diese PR-Aufträge einfacher zu erledigen und besser bezahlt als jede investigative Reportage für eine Tageszeitung.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
In einem solchen Fall sind Journalismus und PR noch sauber getrennt. Dennoch begebe ich mich als Journalistin auf dünnes Eis: Betrachte ich die Projekte der Hilfsorganisation, für die ich PR-Artikel schreibe, genauso unvoreingenommen wie andere? Wahrscheinlich nicht. Werde ich über kritische Aspekte berichten und damit künftige PR-Aufträge riskieren? Ich habe mir äußerste Transparenz verordnet. Artikel über Entwicklungsprojekte, die ich berate, unterzeichne ich nur in meiner Funktion als Beraterin, nicht als Journalistin. Die ethische Grenze wird da überschritten, wo PR und Journalismus auf intransparente Weise miteinander vermischt werden.

Dies geschieht allenthalben, und die Leserinnen und Leser merken es meist nicht. Während die Redaktionen immer weniger Geld haben, rüsten die PR-Abteilungen auf. Längst kommt Werbung nicht mehr nur als klassische Anzeige daher, sondern ist Teil eines redaktionellen Inhaltes. Die Reiseseiten der meisten Medien werden von Reiseunternehmen gesponsert, bei der Berichterstattung über neue Automodelle hat die Industrie ebenfalls ihre Hand im Spiel – beides ist bekannt.

Die wenigsten Leser allerdings wissen, dass auch Auslandsberichterstattung finanziell unterstützt wird, und zwar von den PR-Abteilungen der privaten und staatlichen Hilfswerke. Das gilt vor allem für kleinere Entwicklungsländer, die von den wenigen Auslandskorrespondenten der öffentlich-rechtlichen Sender oder der großen Tageszeitungen nicht mehr abgedeckt werden.

Ein Berührungspunkt zwischen Hilfswerk-PR und Journalismus ist die Unterstützung von freien Journalisten: Entwicklungsorganisationen helfen bei der Recherche, sie stellen den Transport, die Übersetzung und Kontakte zur Verfügung. Der freie Journalist könnte diese Dienste von seinem mickrigen Honorar nie bezahlen. Dass die hilfreiche NGO in dem Artikel gut wegkommt, nimmt man gerne in Kauf. „Embedded  humanitarian journalism“ hat das der Medienwissenschaftler Lutz Mükke genannt.

Hilfswerke laden Journalisten ein und bestimmen Gesprächspartner

Die Krönung der Einflussnahme ist, wenn Hilfswerke gezielt Journalisten einladen, ihre Projekte zu besuchen, die Reise bezahlen und die Gesprächspartner und Termine vorgeben. Eine solche Pressereise wird aus dem PR-Budget eines Hilfswerkes bezahlt, das Ergebnis erscheint aber später als redaktioneller Inhalt in den Medien. Zwar kann der Auftraggeber den Journalisten nicht verpflichten, über die Reise zu schreiben und noch weniger, den Sponsor zu nennen. Doch tut man das nicht, kommt schon einmal eine freundliche E-Mail aus der Pressestelle des Hilfswerkes, man hätte dessen Namen ruhig erwähnen können.

Ich verstehe meine Kollegen von der PR: Die Hilfswerke stehen in einem harten Konkurrenzkampf um Spenden und öffentliche Aufmerksamkeit. Jede Erwähnung in den Medien verhilft ihnen zu einer Glaubwürdigkeit, die sie mit teuren Anzeigen nicht erreichen. Dennoch: Vom ethischen Standpunkt aus ist das ebenso Schleichwerbung wie die Coca-Cola-Flasche in der Vorabendserie.

Deshalb muss der Sponsor einer Reportage als solcher genannt werden – das gilt unterschiedslos für multinationale Konzerne wie private und staatliche Hilfsorganisationen. Leider ist dies noch nicht bei allen Medien und Journalisten Usus. Ich halte es für sehr bedenklich, wie sich die PR-Abteilungen der Hilfsindustrie die unsichere Lage vieler Journalisten zunutze machen.

An anderen Stellen kann es wiederum von Vorteil sein, wenn die Grenzen zwischen Advocacy-Organisationen und Journalismus verschwimmen. Im April hat der Sprecher der entwicklungspolitischen Schweizer Lobbyorganisation „Erklärung von Bern“, Oliver Classen, einen der bekanntesten Journalistenpreise der Schweiz bekommen. Das Erstaunen in der Branche war groß. Classen erhielt den Preis, weil er und seine Kollegen das gemacht hatten, wofür die großen Schweizer Medien keine Zeit, keine Mittel oder einfach kein Interesse hatten: Sie hatten über die Rohstoffdrehscheibe Schweiz nach allen Regeln der journalistischen Zunft recherchiert, ein Buch veröffentlicht und eine öffentliche Debatte angestoßen. Immer mehr wird investigativer Journalismus zur Aufdeckung gesellschaftlicher Missstände nicht von den Medien, sondern von Stiftungen, Vereinen und NGOs finanziert.

Was früher der Rundbrief war, nennt sich heute Crowdfunding

Oder von den Leserinnen und Lesern: Crowdfunding nennt sich das heute. Bei den Missionaren hieß das noch Rundbrief. Als ich vor 15 Jahren als Laienmissionarin nach Peru geschickt wurde, informierte ich meine Familie, Freunde und Bekannten über meine Arbeit. Mein Appell: Wenn Ihr das gut findet, dann spendet. Sonst kann ich diese Arbeit nicht fortsetzen. Das Konzept war erfolgreich: Die Leute öffneten ihre Geldbörsen. Sicher auch, weil sie in mir jemanden sahen, die, aus einem reichen Land kommend, in einem armen Land Gutes tut. 

Ich bin immer weniger davon überzeugt, dass dies so einfach ist. Doch als Journalistin lasse ich mich weiter von der Wirklichkeit überraschen – und versuche, Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden. Darf es sein, dass ein Kaffee-Multi seine Arbeiter besser behandelt als der kleine Genossenschaftsbauer? Darf ich es publik machen, wenn es Korruption in einer NGO gibt oder wenn sich der bekannte Umweltschützer in parteipolitische Scharmützel begibt? 

Früher haben mich Spenderinnen und Spender für mein Entwicklungsengagement unterstützt. Warum sollten heute nicht Freunde und Bekannte Journalisten dabei helfen, einen unabhängigen Blick gerade auch auf Entwicklungsprojekte zu werfen? Einen Blick, der auch die Eigeninteressen der Hilfsindustrie transparent macht, ohne das Anliegen der Solidarität zu verraten?

Dank des Internet und einer guten Social-Media-Strategie muss niemand mehr für die Verbreitung auf die großen Medienhäuser setzen. Und schon gar nicht mehr Rundbriefe kopieren, eintüten und mit einer schönen, möglichst spenderfreundlichen Briefmarke versehen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

Neuen Kommentar schreiben