Verbündete im Staat gesucht

Acht Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in Nepal fordern die Opfer Gerechtigkeit. Auch Menschenrechtsgruppen treten dafür ein, Kriegsverbrechen zu untersuchen und die Täter zu bestrafen. Doch die Führer der großen politischen Parteien wollen das verhindern.

Sechs Männer haben Hemraj Tharu auf offener Straße einen Arm abgeschnitten. Damals, 2003, war er Vorsteher seines Dorfes im Terai, dem Tiefland Nepals entlang der Grenze zu Indien. Die Bewässerungskanäle für die Getreidefelder wurden repariert und alle Dorfbewohner arbeiteten mit – bis auf einen. „Nach der Tradition muss jemand, der diese gemeinschaftliche Arbeit verweigert, ein Stück Vieh geben“, erzählt Hemraj Tharu im Büro des Kriegsopferkomitees in Gulariya im Distrikt Bardiya. „Deshalb nahmen wir sein Schwein und machten ein Festessen.“

Doch der Bestrafte sann auf Rache und machte sich den Bürgerkrieg zunutze: „Er ging zu den Rebellen und behauptete, ich hätte einen ihrer Anschläge vereitelt“, sagt Hemraj Tharu bitter. Sechs Kämpfer der Maoisten kamen ins Dorf und schnitten ihm den rechten Unterarm ab. Er kennt die Täter; fünf sind im Krieg umgekommen. Den sechsten will er jetzt endlich bestraft sehen. „Wenn ich ihm begegne, habe ich Mordgedanken“, sagt er.

Autor

Bernd Ludermann

ist Chefredakteur von "welt-sichten".
Während des Konflikts in Nepal verübte auch die Armee Übergriffe auf Zivilisten. Deren Willkür traf Rajkumari Chaudhary, die ebenfalls im Distrikt Bardiya lebt. „Wir wollten nur ein Picknick machen“, berichtet die groß gewachsene Frau. Doch in der Nacht zuvor hatten Maoisten in der Nähe ein Haus geplündert. Auf der Suche nach Rebellen trafen Soldaten auf die Familien und verschleppten zwei Männer, darunter Chaudharys Ehemann. Seitdem sind beide verschwunden.

Die Opfer solcher Übergriffe verlangen zum einen materielle Entschädigungen. Das ist gerade in Bardiya wichtig, wo die meisten von ihnen zur ethnischen Minderheit der Tharu gehören, dem ärmeren Teil der Bevölkerung. Viele hat der Krieg in Not gebracht. Hemraj Tharu kann nur noch eingeschränkt arbeiten: Er bringt Gemüse, das seine Frau anbaut, mit dem Fahrrad zum Markt und verkauft es. Rajkumari Chaudhary kann wie viele Frauen von Verschwundenen nicht über das Land ihres Mannes verfügen. Solange er nicht offiziell für tot erklärt worden ist und sie erben kann, hat seine Familie darüber das letzte Wort. Viele Frauen wollen aber ihre Männer nicht für tot erklären lassen, als würden sie vermisst oder hätten sie verlassen.

Zum anderen wollen die Opfer die Wahrheit erfahren und anerkannt sehen – besonders die Angehörigen von Verschwundenen. Sie wünschen auch eine symbolische Würdigung, etwa dass Straßen nach Opfern benannt werden. Und sie wollen, dass Täter, die bekannt sind, bestraft werden.

Zu dem Komitee in Bardiya haben sich 2004 einige Familien von Verschwundenen zusammengeschlossen; heute vertritt es Opfer von allen Arten Übergriffen im Krieg. Um Einfluss zu nehmen, ruft es im Distrikt zu Demonstrationen auf – etwa zum Menschenrechtstag – und nutzt Kontakte zu Medien. Und es wendet sich an Parlamentarier in der Hauptstadt Kathmandu. Dabei arbeitet es mit den beiden wichtigsten nationalen Menschenrechts-NGOs in Nepal zusammen: dem Advocacy Forum (AF) und dem Informal Sector Service Center (INSEC).

Die Forderungen nach Aufklärung finden wenig Gehör

Die Erfolgsbilanz ist gemischt. Die Regierung hat nach dem Krieg ein Hilfsprogramm aufgelegt, unter dem alle Kriegsopfer zunächst 100.000, dann noch einmal 200.000 nepalesische Rupien erhalten sollten; zusammen entspricht das rund 2300 Euro. Ferner werden Stipendien für die Schulbildung von bis zu drei hinterbliebenen Kindern vergeben. Die Opfer in Bardiya fordern zusätzlich etwa einen Ausweis für Konfliktopfer, der zum Beispiel den Witwen Landrechte sichern soll. Hemraj Tharu will als Behinderter anerkannt werden mit entsprechenden Vergünstigungen wie kostenloser Elektrizität. Außerdem soll der Staat die Kosten für die medizinische Behandlung seines Arms tragen – die Schulden, die er dafür machen musste, zahlt er noch immer ab.

Behörden in Bardiya geben sich gesprächsbereit – zumindest was zusätzliche Hilfen für Opfer angeht wie Einkommen schaffende Maßnahmen. Die Forderungen nach Aufklärung und Bestrafung von Gräueltaten, über die die Regierung und die Parteien in Kathmandu entscheiden, finden jedoch weniger Gehör.

Eine Ursache dafür ist, dass der Krieg in Nepal mit einer Verhandlungslösung zwischen den Maoisten und anderen führenden Parteien beigelegt wurde. Es ist gelungen, so die Rebellen zu demobilisieren und die Maoisten wieder ins Parlament einzubinden. Ein Preis dafür war aber, dass die früheren Kriegsgegner zeitweise gemeinsam regierten und weiterhin zusammenarbeiten müssen, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Politiker aller Seiten, die für den Krieg mit verantwortlich waren, haben so großen Einfluss behalten.

Im Friedensvertrag von Ende 2006 und in der Interimsverfassung von 2007 ist festgelegt, eine Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) und eine Kommission zur Untersuchung der Fälle von Verschwindenlassen einzurichten und der „Straflosigkeit“ entgegenzuwirken. Doch praktisch suchen die früheren Kriegsgegner seitdem Wege, Prozesse wegen Kriegsverbrechen zu verhindern. Aufeinander folgende Regierungen, besonders von Maoisten geführte, haben Gerichtsverfahren gegen ihre Kader gestoppt. Polizei- und Armeeoffiziere wurden befördert, obwohl Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen gegen sie liefen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2014: Lobbyarbeit: Für den Nächsten und sich selbst

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