Option für die Reichen

Peru ist nicht nur ein Mutterland der Befreiungstheologie, sondern auch ihrer Gegner: Eine rechtskatholische Bruderschaft findet dort Mitglieder unter den Begüterten. Lange genoss sie die Gunst des Vatikans. Doch das hat sich geändert.

Der Kardinal von Lima, Juan Luis ­Cipriani in der Hauptstadt Perus Mitte 2012. Er gehört der Gemeinschaft Opus Dei an. Cris Bouroncle/Afp/Getty Images
Steht Gott auf der Seite der Reichen oder der Armen? In kaum einem Land Lateinamerikas wurde um diese Frage erbitterter gefochten als in Peru. 1971 legte der peruanische Priester Gustavo Gutiérrez sein Buch „Theologie der Befreiung“ vor. Damit lieferte er den religiösen Unterbau für soziale Bewegungen und linke Parteien. Mit der theologischen Option für die Armen entzog er den lateinamerikanischen Gesellschaften mit ihren seit 500 Jahren zementierten Ungleichheiten die religiöse Legitimation. Ein guter Christ müsse sich politisch links engagieren, betonte Gutiérrez.

Der konservative Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr gründeten die peruanischen Theologen Luis Figari und German Doig die Bewegung „Sodalitium Christianae Vitae“, „Bruderschaft des christlichen Lebens“. Figari kam aus der extrem rechtskatholischen Bewegung „Tradition, Familie und Eigentum“ und soll mit den spanischen Faschisten geliebäugelt haben. Die Gruppierung suchte ihren Nachwuchs in den Privatschulen der Mittel- und Oberschicht Perus und machte ihn mit psychologisch ausgefeilten Methoden von sich abhängig.

„Zuerst wurden wir gefragt: Welchen Grund hast Du, Dich nicht umzubringen?“, berichtet etwa Martin Scheuch, ein Nachkomme deutscher Einwanderer, der als 15-Jähriger mit der Bewegung in Kontakt kam. Die Frage machte ihn sprachlos. Es blieb nur die Antwort des Sodalitium: Du musst Dein Leben Gott widmen. Wer noch zögerte, der wurde in einer Art Seelenstriptease dazu gebracht, unter Tränen all seine Zweifel und Probleme zu bekennen.

Die Eltern wehrten sich nicht gegen diese sektenähnlichen Methoden. „Die waren froh, dass wir beim Sodalitium waren“, sagt Scheuch – lieber gut katholische Jungs als kiffenden oder sonst über die Stränge schlagenden Nachwuchs. Er verließ den inneren Kern der Gruppierung nach 18 Jahren Mitgliedschaft im Jahr 1996 und machte in seinem Internet-Blog die Hinter- und Abgründe des Sodalitium bekannt. Angst, dass ihre Kinder von linken Ideen angesteckt wurden, brauchten die Eltern beim Sodalitium nicht zu haben. Denn deren Feindbild war rasch ausgemacht: die „marxistische“ Theologie des Gustavo Gutiérrez.

Sodalitium stellte dem eine „Theologie der Versöhnung“ gegenüber, welche zwar Barmherzigkeit gegenüber den Armen predigt, die realen Besitzverhältnisse aber nicht antastet. Anders als der Befreiungstheologie geht es dem Sodalitium nicht um soziale Gerechtigkeit oder gleiche Lebensverhältnisse. Es betreibt zwar in Armenvierteln Sozialwerke, rekrutiert aber dort keine Mitglieder. Diese suchen sie in den Schulen der oberen Mittelschicht. Wie viele religiöse Gruppen unterhält das Sodalitium Privatschulen für Kinder aus dieser Schicht sowie eine eigene Universität in Arequipa.

Sodalitium in der Gunst des Papstes

Kirchen erhalten in Peru keine Steuereinnahmen, sondern leben von freiwilligen Spenden aus dem In- und dem Ausland. Dass viele Mitglieder zur kleinen Schicht der Begüterten Perus gehören, dürfte dafür sorgen, dass der Spendenfluss beträchtlich ist. Im Gegensatz dazu werden die Werke der Befreiungstheologen zu einem grossen Teil von europäischen und nordamerikanischen Hilfswerken finanziert.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
Während die Befreiungstheologie seit den 1970er Jahren im Vatikan unter den Verdacht der Ketzerei gestellt wurde, stiegen die jungen „Sodálites“ in der Gunst der katholischen Hierarchie auf. In Rom fanden sie einen besonderen Fürsprecher: Papst Johannes Paul II., seit 1978 Oberhaupt der katholischen Kirche, hatte als Pole keine Sympathien für Theologien, die mit dem Marxismus liebäugelten. Vor allem jedoch brachten neue religiöse Bewegungen – neben dem Sodalitium zum Beispiel das Opus Dei, das Neokatechumenat, die Cursillo-Bewegung aus Spanien oder die Legionäre Christi aus Mexiko – etwas, was der katholischen Kirche immer mehr abhanden kam: Priester- und Ordensnachwuchs. Zu verweltlicht und politisch seien die traditionellen Orden geworden mit ihrer Option für die Armen, lautete der Vorwurf. Deswegen hätten sie keinen Nachwuchs mehr. Die Seminare des Sodalitium und die ähnlicher Bewegungen dagegen füllten sich. Schnell erreichten die neuen Gruppierungen kirchenrechtlich die höchste Anerkennung.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller (rechts) beim Befreiungstheologen Gustavo Guttiérrez in Lima 2011. Gottfried Bogl/Kna-Bild
In der peruanischen Bischofskonferenz hatten sich seit den 1970er Jahren die progressive und die konservative Fraktion um Parität bemüht. Dieses fragile Gleichgewicht änderte sich in der Amtszeit von Johannes Paul II: Er ernannte Bischöfe aus den Reihen der konservativen religiösen Bewegungen und machte mit Juan Luis Cipriani Thorne ein Mitglied des Opus Dei zum Kardinal von Lima. Die neuen konservativen Bischöfe waren in der Regel junge Männer, die noch eine lange Karriere vor sich hatten. Wurde einer zum Bischof ernannt, der der Befreiungstheologie nahestand, handelte es sich dagegen um jemanden im Rentenalter.

Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Dass der neue Papst Franziskus als Jesuit aus den Reihen der traditionellen Orden stammte, war kein gutes Signal für die konservativen religiösen Bewegungen. Und dass er den Freund des peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez, den Deutschen Gerhard Ludwig Müller, als obersten Glaubenshüter des Vatikans im Amt bestätigte, war für viele ein Zeichen dafür, dass die Hochzeiten der konservativen Bewegungen in der katholischen Kirche vorbei sei.

Tatsächlich wurde dem 86-jährigen Gustavo Gutiérrez im Februar 2014 eine späte Ehrung zuteil. Im Vatikan stellte der inzwischen zum Kardinal avancierte Gerhard Ludwig Müller ein Buch mit dessen Schriften zum Thema „Armut“ vor. Papst Franziskus, der in seinem ersten Lehrschreiben das kapitalistische Wirtschaftssystem harsch kritisiert hatte, hat das Vorwort geschrieben. Wie reagieren darauf Gruppen wie Sodalitium oder Opus Dei, die bis heute in Peru mächtige Kreise in Politik und Wirtschaft beeinflussen? Weltweit ist das Sodalitium Christianae Vitae gewachsen: Heute hat die Familie der Sodalitium-Gruppierungen nach eigenen Angaben rund 20.000 bis 30.000 Anhänger – nicht mehr nur in Peru, sondern in allen Kontinenten – und auch eine Schwestergemeinschaft. Der innerste Führungskern, der  wie traditionelle Ordensmitglieder Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams ablegt, zählt etwa 300 männliche Vollmitglieder.

Der Gründer der Bewegung hat Jugendliche sexuell missbraucht

Der Gottesdienst am Sonntagmorgen um halb elf in der Versöhnungspfarrei von Camacho in Limas Stadtteil La Molina ist gut besucht: viele Familien mit Kindern, viele Geländewagen auf dem Parkplatz. In Camacho leben die Wohlhabenden und Reichen, die Hauptpfarrei ist die des Sodalitium Cristianae Vitae. Dennoch hat die Bewegung Schwierigkeiten mit dem Nachwuchs – auch weil ihr früh verstorbener Gründer German Doig, wie 2010 bekannt wurde, Jugendliche sexuell missbraucht hatte.

Der Pressesprecher des Sodalitium, Erwin Scheuch, macht allerdings nicht diese Übergriffe für das Desinteresse der Jugendlichen verantwortlich, sondern ihre Unreife. „Ich bin noch mit 16 Jahren eingetreten. Heute entscheidet sich kein Jugendlicher in diesem Alter, was er mit seinem Leben anfangen will.“ Anders als früher würden erst junge Erwachsene ab 20 Jahren aufgenommen, die bereits gefestigter seien. Erwin Scheuch ist seit 30 Jahren Mitglied des Sodalitium – anders als sein Bruder Martin ist er dabeigeblieben und gehört zum inneren Zirkel der Gruppierung.

„Wir stellen uns nicht gegen die Theologie der Befreiung“, sagt er. „Ihr Grundanliegen war richtig, aber sie ist zu politisch geworden.“ Das deutet einen Richtungswechsel an. Jahrelang hatte die Nachrichtenagentur Aciprensa, die von einem Mitglied des Sodalitium geführt und in katholischen Kreisen ganz Lateinamerikas gelesen wird, die Befreiungstheologie als marxistisch angeprangert. Scheuch ist bemüht, auf die neue Linie des Vatikans einzuschwenken, und verweist auf die Sozialprojekte, die die Bewegung in verschiedenen armen Landesteilen ins Leben gerufen hat. Kein Zweifel, Papst Franziskus hat die Gruppierungen innerhalb der katholischen Kirche aufgerüttelt. Bereits unter Papst Benedikt XVI. wurde die Theologie der Befreiung rehabilitiert, spätestens mit Franziskus ist sie im Zentrum der offiziellen Lehre angekommen.

Auch in Lateinamerika hat die Kirche Nachwuchssorgen

Doch dieser Schritt könnte zu spät kommen. Die Säkularisierung macht vor Lateinamerika nicht halt. Die Zahlen des Priester- und Ordensnachwuchses – ein wichtiger Indikator für die Stärke der katholischen Kirche – sind in Lateinamerika, dem katholischen Kontinent par excellence, im Sinkflug. Auch die konservativen religiösen Bewegungen haben nicht mehr die gleichen Erfolge wie früher bei der Rekrutierung junger Leute vorzuweisen. Wieviele der abtrünnigen Katholiken zur „Konkurrenz“, den evangelikalen Kirchen, überlaufen oder sich von jeder kirchlichen Organisation fernhalten, ist schwer zu sagen.

Die theologische Trennlinie verläuft heute nicht mehr zwischen einer Option für die Armen und einer Religion der Reichen. Heute gibt es die Option für Lesben und Schwule; die Option für Frauen in der Kirche und das Recht auf Abtreibung; die Option für Afroamerikaner; oder die Option für indigene Völker. Es sind sehr verschiedenen Gruppen, die mit der fortschreitenden Moderne ihre Emanzipation einfordern.

Zu diesen brisanten Fragen hat auch Papst Franziskus bisher nicht Stellung bezogen. Doch dass die katholische Kirche als moralische Instanz in Lateinamerika an Gewicht verliert, merkt man daran, dass gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften inzwischen in vielen Ländern gesetzlich verankert sind  – gegen den Widerstand der vereinten progressiven und konservativen Bischöfe.

Der theologische Disput entzündet sich heute an der Ausbeutung der Naturschätze

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen kreisen nun um den Umgang mit den Naturressourcen, insbesondere den nicht ausgeschöpften Bodenschätzen im Amazonasgebiet. Weche Rechte haben die dort lebenden indigenen Vöker? Wer darf über die Ressourcen des Amazonas bestimmen? Das Engagement progressiver Christen für die Landrechte indigener Gruppierungen oder für den Schutz der Naturressourcen ist den Mächtigen Lateinamerikas ein Dorn im Auge – und es ist ganz egal, ob sie wirtschaftlich eher auf die Kraft des Marktes oder die Kraft des Staates setzen.

Lucrecia Aliaga ist seit jeher eine rebellische Nonne. Als Vorsitzende der Ordenskonferenz Perus nahm sie nie ein Blatt vor den Mund und legte sich mehrmals mit dem mächtigen Kardinal und Opus- Dei-Mitglied ihrer Stadt an. Sie gehört zu denen, die sich durch die späte Anerkennung der Befreiungstheologie rehabilitiert fühlen. Dennoch macht sie sich keine Illusionen über die Zukunft ihres Ordens: „Wir werden wenige sein, die Zeiten der überfüllten  Klöster und Seminare ist längst vorbei.“ Und das, fügt sie hinzu, sei auch nicht schlimm.

Lange Zeit war ihre Kongregation im Amazonasgebiet tätig, hat soziale Dienste geleistet, Lesen und Schreiben sowie den Katechismus gelehrt, für die Rechte der Indigenas gestritten. Aber erst heute wird ihr bewusst, dass der Reichtum der indigenen Weltanschauung für ihre Theologie bisher keine Bedeutung hatte. Wie wird sich die Theologie zur Ausbeutung der Naturschätze und damit auch zum Wirtschaftswachstum in Lateinamerika stellen? Um diese Auseinandersetzungen wird es in den lateinamerikanischen Gesellschaften in Zukunft gehen. Und hoffentlich auch in den theologischen Seminaren.

erschienen in Ausgabe 11 / 2014: Der Glaube und das Geld

Neuen Kommentar schreiben