Sagen, was falsch läuft

(9.1.2015) Zeitdruck, Eigeninteressen, kulturelle Unterschiede: Über Widersprüche und Konflikte wird in der entwicklungspolitischen Szene gerne geschwiegen. Ein Netzwerk von Fachleuten will das mit einem selbstkritischen Sammelband ändern.

Das Buch soll „einen Anstoß für mehr Ehrlichkeit geben“, sagte Mitautorin Annette Englert bei der Präsentation im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) vergangene Woche in Bonn. Sie und weitere Verfasser stellten hier ihre Beiträge vor, in denen „Dilemmata der Entwicklungspolitik“ beleuchtet werden.

Dazu zählt für Theo Rauch vom Centre for Development Studies der FU Berlin der Grundsatz der „ownership“, also der Eigenverantwortung eines Partnerlandes in der Entwicklungszusammenarbeit. Er berichtet von seiner Beratertätigkeit in Südafrika und macht deutlich, dass das Konzept oft nicht umsetzbar sei. Zu viele Akteure, Zuständigkeiten und Interessen vor Ort könnten den Erfolg eines Vorhabens ausbremsen. Manchmal müssten die entwicklungspolitischen Fachkräfte sich deshalb einmischen. „Echte Partnerschaft“ erfordere Kompromisse auf beiden Seiten.

Über die Evaluierungspraxis schreiben Annette Englert, Manfred Metz und Beate Holthusen. Die freien Gutachter thematisieren in ihren Beiträgen etwa den Zwiespalt zwischen schlechten Ergebnissen und den Wünschen der Auftraggeber: Einerseits sollen Projekte ehrlich bewertet werden, um Lerneffekte zu erzielen. Andererseits sind freie Gutachter auf die Gunst ihrer Auftraggeber angewiesen, die oft andere Erwartungen an die Berichte haben. Und die Autoren kritisieren, dass die Ansprüche an Evaluierungen steigen, aber nicht mehr Mittel bereitgestellt werden. Es werde viel darüber debattiert, wie man methodisch besser evaluieren kann, doch die organisatorischen Hürden blieben im Hintergrund, so Englert.

Aus der Nähe betrachtet sieht vieles besser aus 

Karin Janz wiederum will zeigen: Manche Probleme existieren nur aus der Ferne, während die Zusammenarbeit vor Ort gut funktioniert. Für die Deutsche Welthungerhilfe hatte Janz fünf Jahre in Nordkorea gearbeitet. Der Einsatz in so genannten Unrechtstaaten sei keine „Verstärkung der Achse des Bösen, wie uns so oft in der Presse vorgeworfen wird“.     

Viele Themen werden in dem Buch beleuchtet: die ständigen Ortswechsel als Fachkraft, Schwierigkeiten bei der Beratung von Organisationen in den Einsatzländern oder das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und entwicklungspolitischer Praxis. Es sind typische Geschichten aus der Entwicklungszusammenarbeit, die die Praktiker aus dem Netzwerk zusammengetragen haben. Obwohl teilweise ein unterhaltsamer Tonfall angeschlagen wird, überwiegt der entwicklungspolitische Jargon. Für fachfremde Leser ist die Lektüre deshalb mühsam.

Hingegen kann sich vermutlich jeder, der sich in der Branche auskennt, irgendwo in den Fallbeispielen wiederfinden. Das sollte für Diskussionsstoff sorgen. Damit ist der Anspruch der Herausgeber erfüllt, den „Deckmantel der Verschwiegenheit“ abzulegen, die Debatte anzukurbeln und neue Ideen zu entwickeln anstatt blind den aktuellen entwicklungspolitischen Trends zu folgen.

„Tabuisieren hilft nicht“

Weil die Autoren sich auskennen, sind sie – zumindest einige – in der Lage, neben der Kritik auch praktische Tipps für den Umgang mit  Problemen zu geben. Detaillierte Schritte für das Verfassen von Berichten im Team zum Beispiel. Das ist hilfreicher und näher an der Wirklichkeit als viele Handlungsempfehlungen aus Ministerien oder von internationalen Konferenzen zur Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit.

Christoph Beier als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) stimmte bei der Veranstaltung in Bonn vielen Kritikpunkten zu und bestätigte: „Tabuisieren hilft nicht.“ Den angesprochenen Fallstricken bei Evaluierungen sei sich die GIZ als Auftraggeber bewusst. Es gebe aber umgekehrt auch  „lernwillige Projekte und unmotivierte Gutachter“. Die interne Diskussion über Partnerschaften „auf Augenhöhe“ werde in der GIZ ebenfalls geführt.

Die stellvertretende Direktorin vom DIE Imme Scholz merkte an, ähnliche Spannungen zwischen Anspruch und Realität gebe es auch in anderen Berufsfeldern. Sie kenne es, dass bei für Gutachten eher Vorzeigeprojekte präsentiert würden, die im Grunde „Strohfeuer für die Besucherdelegationen“ seien. Viele Konflikte existierten in der Entwicklungspolitik nach wie vor, zugleich habe sich in den vergangenen Jahren einiges getan. Anders als in der Bildungs- oder Gesundheitspolitik herrsche aber hier immer schnell Sorge vor offener Kritik. „Asche auf mein Haupt oder Hochglanz“ – das sei ein großes Dilemma der Entwicklungspolitik.

Netzwerk entwicklungspolitischer Fachleute (Hrsg.):
Dilemmata der Entwicklungspolitik. Geschichten aus der Praxis
(Reihe „Von Antidiskriminierung zu Diversity und Inklusion“ 2)
ibidem-Verlag, Stuttgart 2015, 125 Seiten, 12,90 €

Neuen Kommentar schreiben