Berlin-Memorandum: G7 gegen den Hunger

Die Industrienationen müssen die Kleinbauern in Entwicklungsländern fördern – sonst bekommen sie den Hunger in der Welt nicht in den Griff. Mit dieser Forderung wandten sich Teilnehmer einer internationalen Konferenz an die G7-Staaten.

Der G7-Gipfel findet Anfang Juni im bayerischen Schloss Elmau statt. In einem „Berliner Memorandum“ verlangte die globale Allianz aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft Anfang Februar ein Umdenken. Mehr Geld, vor allem aber mehr politischer Umsetzungswille sei nötig, um die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu stärken. Sie trage immerhin 70 Prozent der Nahrungsmittelversorgung weltweit.

Es sei „eigentlich grotesk“, erklärte Entwicklungsminister Gerd Müller, dass rund 80 Prozent dieser Kleinbauern unter der Armutsgrenze leben. So lägen in Afrika die durchschnittlichen Erträge pro Hektar bei 0,5 bis 1,5 Tonnen Getreide. In Deutschland erreichten sie das Zehnfache.

Bereits nach der Nahrungsmittelkrise 2007/08 hatte die G8 zugesagt, die Kleinbauern zu fördern. Doch die beim Gipfel von L’Aquila gegebenen Anstöße für Ernährungssicherheit, dotiert mit bis zu 22 Milliarden US-Dollar, sind weitgehend verpufft. Die Entwicklungsorganisatin Oxfam kritisierte besonders die Rolle der dort beschlossenen New Alliance for Food Security and Nutrition. Sie werde von Konzernen wie Monsanto missbraucht, um neue Märkte für Saatgut und Düngemittel zu erschließen.

Verantwortung nicht den Agrarkonzernen überlassen

„Die Allianz ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben“, stellte Jean Julien Somé vom Forschungsinstitut BERD (Bureau d’Etudes et de Recherche pour le Développement) aus Burkina Faso fest. Sie habe über die Köpfe der Kleinbauern hinweg gehandelt. Somé ist einer der Experten, die das Memorandum verfasst haben. „Das Engagement der G8 droht nicht nur zu erlahmen, sondern sich gänzlich von der Unterstützung verarmter ländlicher Räume zu verabschieden“, heißt es darin. Die Verantwortung für die weltweite Ernährungssicherung dürfe nicht Agrarkonzernen überlassen werden.

Stattdessen müsse Deutschland neuen politischen Willen mobilisieren. Laut Berechnungen der Welternährungsorganisation FAO und der Welthungerhilfe sollten die G7-Länder einem „fairen Anteil“ von jährlich 31,3 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Derzeit kommen sie nur auf ein Drittel des Betrages.

Minister Müller betonte, die Industrieländer müssten sich ihrer Verantwortung stellen. In „Grünen Zentren“ in Afrika will er Innovation und Ausbildung fördern. Das Wissen müsse auf den Acker – maßgeschneidert, einfach, finanzierbar und nachhaltig. „Hunger ist nicht Schicksal, sondern er ist das Ergebnis von menschlichen Versäumnissen“, erklärte der CSU-Politiker.

Merkel will die Bäuerinnen stärken

Beim G7-Gipfel in Bayern wolle die Bundesregierung Akzente setzen, kündigte Müller an: „Eine Welt ohne Hunger bis 2030 ist möglich. Dazu wollen wir alle G7-Staaten verpflichten und ein Monitoring-System einrichten.“ Das steht auch auf der Liste der Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen. Gut möglich, dass die Ernährung auf der Entwicklungsagenda der G7 mehr Raum bekommt, da das Textilbündnis, das zunächst in den Vordergrund gestellt werden sollte, nicht vom Fleck kommt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will außerdem Anstöße zur Stärkung von Frauen geben. Denn vor allem die Kleinbäuerinnen sind die Verliererinnen der „agro-industriellen Expansionspolitik der vergangenen Jahre“, wie der äthiopische Agrarexperte Alemayehu Lalise betonte. Dabei seien Kleinbauern der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme. Sie betrieben umweltschonendere Anbaumethoden als die industrielle Landwirtschaft und seien in Zeiten der zunehmenden Urbanisierung das „Herzstück“ der ländlichen Gesellschaft.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

Kommentare

Es erhebt sich die Frage, was hat die tausenden nichtstaatlichen Entwicklungsorganisationen gehindert, das durch zuführen, was sie vorgeben tun zu wollen, speziell auf dem Gebiet der Lebensmittelerzeugung. Egal ob kleine oder große NGO´s, sie mögen uns berichten, was sie seit Jahrzehnten der Arbeit auf dem Landwirtschaftssektor realisiert haben. Wenn wie im Bericht ausgeführt wird in unseren Breiten es bis zu zehnfach höhere Erträge gibt, liegt dies nicht an den Förderungen, sondern an der Produktivität. Hier sollten wir eher die NGO´s in die Pflicht nehmen und den Satz im Beitrag “Hunger ist nicht Schicksal, sondern er ist das Ergebnis von menschlichen Versäumnissen” genauer unter die Lupe nehmen. Kann dieser Satz auch so ausgelegt werden, dass die Politik – der Geldgeber öffentlicher Gelder – die NGO´s gar nicht auf ihre Leistungen in ihrer praktischen Arbeit überprüfen will, um den sehr schlechten Istzustand für die Allerärmsten so zu halten wie er ist? Ohne eine Verschwörungsdebatte lostreten zu wollen, stellt sich die Frage: Was geschieht auf den Rohstoffmärkten und Aktienmärkten, wenn die Allerärmsten auf Grund einer konstanten Selbstversorgung/Erhaltungsmöglichkeit nicht wie derzeit 1-2 Euro/Dollar pro Tag (ca. 50 pro Monat) erwirtschaften, sondern 100-200 pro Monat (natürlich ohne Kinderarbeit)? Gibt es dazu Studien oder Hypothesen, wie sich dies auf die Weltwirtschaft auswirkt?
Gerhard Karpiniec
Laxenburg/Österreich

Herr Karpiniec, dank Ihrer Jahrzehnte währenden Erfahrung wissen Sie, dass vor Ort Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander klaffen. Überprüft man Wirkung und Erfolg der eingesetzten Mittel, muss man oft zum Schluss kommen, weniger wäre mehr. Nach meinem letzten Einsatz in Uganda habe ich wieder erlebt, wie langsam Verbesserungen umsetzbar sind. Die Menschen müssen können und wollen, was ihnen von aussen vorgeführt wird. Bis sich neue Verhaltensweisen etablieren, können Jahrzehnte vergehen. Diese Veränderung in den Köpfen kann keine NGO beschleunigen. Wir können zeigen wie man es richtig macht, machen müssen die Armen dann selber. Deshalb muss unsere Hilfe den Faktor Zeit stärker berücksichtigen, mehr Geld bewirkt vielfach nur mehr Verschwendung.

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