Starke Frauen in Äthiopien

Vor 13 Jahren entwickelte die Kindernothilfe einen Ansatz für Selbsthilfegruppen von Frauen. Noch im selben Jahr wurde er in Äthiopien ausprobiert – mit Erfolg: Heute gibt es Tausende solcher Gruppen in dem Land, in denen die Frauen Schritt für Schritt ihr eigenes und das Los ihrer Gemeinschaften verbessern.

Sie nennen sich „Morgendämmerung“, „Küken, das auf eigenen Beinen steht“ oder „Aufbruch“. Ihre Namen verstehen sie als Programm, ihre Stärke und Wirkkraft erfüllen sie mit riesigem Stolz. Einst zählten sie zu den Ärmsten der Armen in Äthiopien, mittlerweile verwalten sie gemeinsam vier Millionen US-Dollar: 166.000 Frauen, die sich in 9000 Selbsthilfegruppen organisiert haben.

Wie haben sie das geschafft, was sind das für erstaunliche Frauen? Und: Was machen sie mit dem Geld und ihrer neuen Kraft? Diese und viele weitere Fragen beschäftigten mich, als ich zu meiner Antrittsreise als Direktorin der Kindernothilfe nach Äthiopien aufbrach. Einige dieser Selbsthilfegruppen waren mein Ziel – und unsere äthiopischen Partnerorganisationen, die die Frauen in ihr neues Leben begleiten.

Direkt bei der Ankunft wurde klar: Die Ausgangslage für äthiopische Frauen, ein gutes Leben aufzubauen, ist schlecht. Auch hier ist das Gesicht der Armut vor allem weiblich, und die wenigsten Frauen finden Halt in verlässlichen Familienstrukturen. Etliche Mütter leben mit ihren Töchtern und Söhnen – die oftmals von verschiedenen Vätern stammen – alleine in der Verantwortung für sich und die Kinder. Denn ihre Partner zeichnen sich selten durch Pflichtgefühl für die Familie aus.

Aus kleinen Geldbeträgen kann viel wachsen

Aber irgendwie schaffen es viele dieser vermeintlich schwachen Frauen doch: Ich treffe viele, die sich und ihre Kinder einst kaum ernähren konnten. Von guter Bildung und gesundheitlicher Versorgung für ihre Söhne und Töchter wagten sie früher noch nicht einmal zu träumen. Die Erzählungen dieser Frauen, wie die Selbsthilfegruppen ihr Leben verändert haben, beginnen stets mit kleinen ersten Entwicklungsschritten und enden mit enormen Erfolgen und großen Plänen. Es geht um die allerersten Treffen der Gruppen, das langsame Herantasten an die Fragen nach den dringendsten Bedürfnissen, das spannende gemeinsame Planen möglicher Aktivitäten, die tatsächliche Durchführung und die erstaunlichen Wirkungen.

Zunächst sparen sie gemeinsam sehr kleine Geldbeträge, die langsam zu einem beachtlichen Kapitalstock wachsen. Aus dem nehmen die Frauen Kredite auf, um kleine Geschäft aufzubauen.  Die erforderlichen Fähigkeiten vermitteln ihnen die Partnerorganisationen der Kindernothilfe. Gewinne der Geschäfte, Eigenkapital der einzelnen Frauen und Kapitalstock der Gruppe wachsen in dem Kleinstkreditmodell immer weiter – und die Frauen bahnen sich und ihren Familien den Weg aus der Armut. Eine knappe halbe Million äthiopischer Kinder bekommt so die Chance auf ein besseres Leben. Die Ungleichheit im Land steigt zwar, doch die Rate absoluter Armut ist laut Weltbank seit 1995 von 45,5 Prozent auf 29,6 Prozent (2011) zurückgegangen– dazu haben auch diese starken Frauen beigetragen.

Autorin

Katrin Weidemann

ist seit Juli 2014 Vorsitzende der Kindernothilfe.
All das ist den Frauen der Selbsthilfegruppen aber noch nicht genug. Sie schließen sich mithilfe unserer Partnerorganisationen zu Verbänden zusammen und werden in ihren Gemeinden und Regionen sozial und politisch aktiv. 511 solcher Vereinigungen gibt es mittlerweile. Sie organisieren etwa berufsbildende Maßnahmen für Jugendliche, fördern frühkindliche Bildung oder gründen  Grundschulen in ländlichen Regionen. Bemerkenswert ist vor allem der Kampf gegen den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, der von den Frauen konsequent angezeigt wird – oftmals ein Novum auch für die örtlichen Strafverfolgungsbehörden.

Konsequent auf die Kraft der Frauen setzen, um menschenwürdige Lebensbedingungen für sie und ihre Kinder zu sichern – genau dafür hat die Kindernothilfe 2002 einen eigenen Selbsthilfegruppen-Ansatz entwickelt, der im gleichen Jahr noch in Äthiopien eingeführt wurde. Damals waren nur zwei lokale Organisationen in der Lage und bereit, diesen Ansatz anzuwenden. Mittlerweile betreuen 23 nichtstaatliche Organisationen in sechs Regionen des Landes 9000 Gruppen. Und die  entwickeln sich zu einer bemerkenswerten gesellschaftlichen Größe in Äthiopien.

Nach den eindrücklichen Erlebnissen in Äthiopien möchte ich diesen wirksamen Ansatz gemeinsam mit der Kindernothilfe weiterentwickeln und vorantreiben. Allein in neun weiteren Ländern Afrikas arbeiten wir mit mittlerweile mehr als 463.000 Frauen in über 24.000 Selbsthilfegruppen zusammen – um mitzuhelfen, dass Menschen- und Kinderrechte weltweit Wirklichkeit werden. Auch das möchte ich gerne auf weiteren Reisen mit eigenen Augen sehen.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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